Perfection
Nach dem Roman von Vincenzo Latronico
In einer Fassung von Anta Recke
Anta Recke
auf Deutsch und Englisch
anschließend Anta Recke und Vincenzo Latronico im Gespräch mit Christoph Gurk
Sonntag, 4. Oktober 2026
20:00 Uhr
Prater
- zurzeit keine
Für gefühlt ein Vierteljahrhundert war Berlin mit seinen scheinbar unerschöpflichen Ressourcen von Raum und Zeit eine Experimentierbühne für Lebensentwürfe von Menschen aus aller Welt. Großstädtische Freiräume, selbst Überbleibsel bewegter Geschichte, wurden als temporäre Galerien, Party-Locations und billiger Wohnraum entdeckt und verwandelten sich mit der Zeit in austauschbare Oberflächen und Spekulationsobjekte mit frisch gestrichenen Fassaden. Nicht nur leerstehende Immobilien, sondern auch ihre Bewohner*innen und Besucher*innen, die brachliegende Gebäude für kurze Zeit mit ihrem kulturellen Kapital aufwerten durften.
Im Mittelpunkt von Vincenzo Latronicos Roman Die Perfektionen, im letzten Jahr für den Booker Prize nominiert, stehen Anna und Tom. Sie sind Mitte der Nullerjahre aus dem Süden Europas hierhergekommen, um der Enge ihrer Heimat zu entfliehen. Angezogen von digital erzeugten Designs, die Selbstverwirklichung und eine idealisierte Form von Zeitgenoss*innenschaft versprechen, müssen sie sich immer mehr damit arrangieren, dass sich solche Bilder genau dann auflösen, wenn sie beginnen, Wirklichkeit zu werden.
Die Stadt wird zum Schauplatz von Einsamkeit und transzendentaler Obdachlosigkeit: Freiheit und Selbstverwirklichung scheinen jederzeit greifbar. Gleichzeitig ist den Akteur*innen jeder sinnstiftende Zusammenhang von Individuum, Welt und Geschichte abhandengekommen. In der Erlebniswelt von Anna und Tom verschwimmen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Genauso wie der „Osten“ und „Westen“ Berlins. Waren die Versprechen maßgeschneiderter Lebensentwürfe auf Individualität nur der Beginn der Anpassung an eine neue Gleichförmigkeit?
Drei Jahre nach Anna und Tom zog im Jahr 2007 auch die in München geborene Regisseurin Anta Recke nach Berlin, um dort zu leben und ihren Schulabschluss zu machen. Heute zählt sie zu den markantesten Stimmen des deutschsprachigen Gegenwartstheaters, bekannt für eindringliche Bildwelten und kühne konzeptuelle Setzungen.
Für ihre Inszenierung Perfection hat Recke gemeinsam mit der Bühnenbildnerin und bildenden Künstlerin Marta Dyachenko eine Arena entworfen, in der sich die Blickrichtungen aller Anwesenden frei bewegen können. Als Gegenentwurf zu sorgfältig kuratierten Instagram-Realitäten zeigt sich das Theater als ein Ort der Versammlung, an dem das Angeglotzte selbstverständlich zurückglotzt.
Der Prater an der Kastanienallee selbst – mit seiner Geschichte als ehemaliges Volkstheater und als Gegenstand eines Immobilienstreits – wird zum eigenständig Bezüge schaffenden Metabühnenbild für die Inszenierung von Perfection. Zehn Jahre lang war der Prater renovierungsbedingt geschlossen. Nun ist er fix und fertig saniert, Rekonstruktion und Museumsstück einer untergegangenen Welt. Es ist 2026, die Volksbühne kehrt nun in das erinnerungsträchtige Gebäude zurück. Wer ist noch da? Wer längst gegangen? Wer wird kommen? Und bezogen auf Berlin und Deutschland insgesamt: Wer darf heute und in Zukunft noch kommen?
Anschließend Publikumsgespräch mit Anta Recke und Vincenzo Latronico, Moderation: Christoph Gurk
Zur Wiedereröffnung des Praters als Spielstätte der Volksbühne inszeniert Anta Recke mit ihrem Team den Roman „Perfection“ von Vincenzo Latronico. In dem Werk beschreibt der heute in Mailand lebende Autor anhand von zwei Figuren, Anna und Tom, ein Milieu von Menschen, die wegen der günstigen Mieten, der Aussicht auf endlose Zeitressourcen und nach Berlin gezogen sind, bis sie erkennen müssen, dass nichts so aussieht wie auf den Bildern. Wie schauen wir von heute aus auf die im Roman erzählte und erinnerte Zeit zwischen Mitte der Nuller und Ende der Zehner Jahre, kurz vor dem durch die Pandemie markierten historischen Einschnitt? Lassen sich in dem Stoff schon Dynamiken erkennen, in denen der Prozess der Faschisierung, den wir weltweit erleben, bereits angelegt sind? Was macht den Text zu einem Stoff für die Bühne?
Besetzung
mit
- Inga Busch
- Ted Gaier
- Marie Goyette
- Benjamin Radjaipour
- Damian Rebgetz
- Joyce Sanhá