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Sehen: The Magnitsky Act - Behind the Scenes

Film von Andrei Nekrasov (Norway / Finland / Denmark 2016, 120 minutes, OV mit dt. UT). Filmpremiere      


Andrei Nekrasov dreht außergewöhnliche Filme wie die traumartige, visuell überbordende Filmcollage "Ljubow und andere Alpträume", aber auch hochpolitische, essayistische Dokumentar-Recherchen wie "Rebellion: Die Affäre Litwinenko", in der der vergiftete Putin-Gegner Litwinenko und die später ermordete Anna Politowskaja begleitet werden.

Ein Alptraum für Nekrasov wurde sein neuer Film, wieder ein Hybrid aus Spielfilm und Dokumentarfilm, "The Magnitsky Act- Behind The Scenes". Er bekam heftige Medienschelte und starken politischen Gegenwind für seinen scheinbar Pro Putin- Film.

Begonnen hatte es als inszeniertes Doku- Drama einer wahren Geschichte, in der der 36jährige Whistleblower und Anwalt Sergei Magnitsky von den russischen Behörden verhaftet, gefoltert und getötet wurde, weil er einen 230 Millionen Dollar schweren Steuerbetrug aufgedeckt hatte.

Nekrasov ist begeistert von dieser dramatischen Story, die ihm der amerikanische Hedgefonds-Manager William Browder erzählt.

Diese Story über Korruption und Brutalität des russischen Staatsapparates bekommt aber langsam Risse, Unstimmigkeiten treten auf, Nekrasov und seine Cutterin geraten im Schneideraum ins Grübeln. Immer mehr sieht es aus wie ein Filmskript über Russland für ein westliches Publikum.

Magnitsky ist nicht einmal mehr der junge, begabte Anwalt, sondern nur noch ein Buchhalter in William Browders Finanzimperium.

Jetzt bekommt der Film einen beunruhigenden, investigativen Drive, es dominieren Interviews und Akten. Der großzügige Bill Browder, der sich als Putins Feind Nummer Eins stilisiert und als Anwalt der Menschenrechte, wird sanft aber gnadenlos dekonstruiert, verheddert sich in Halbwahrheiten und Verschleierungen. Überall werden Dinge vertuscht oder im Sinne der Heldengeschichte Magnitskys verbogen.

Und der Regisseur Andrei Nekrasov, Dissident, harter Putin Gegner, sieht sich gefangen in der moralischen Zwickmühle, dass seine Erkenntnisse das russische Regime entlasten würden. Er sieht sich fast schon als Sprachrohr für ein Regime, das die Menschenrechte mit Füßen tritt, gleichzeitig arbeitet er an der Demontage eines Märtyrers. Nekrasov macht weiter und so wird „The Magnitsky Act“ ein Film über Moral und Standhaftigkeit, ein investigatives, verstörendes, zutiefst beunruhigendes Drama über die Verflechtungen von Menschenrechten und undurchsichtigen, internationalen Finanzströmen.

Am Ende schwenkt die Kamera durch den leeren Sitzungsaal des Europarats, leise ist ein "Shame on Russia"- Ruf zu hören und mahnt uns, genauer hinzuschauen bei den konstruierten Heldengeschichten unserer Zeit.

Michael Busch
 

Im Anschluss Gespräch
 

Tickets kosten 8,- Euro bzw. 6,- Euro (ermäßigt).

  

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