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Das Denkzeichen. Vollelektronische Kolumne für Zeitgeist und Realitätszuwachs. Redaktion Thomas Martin

Denkzeichen CXXXVI
Stephan Weiner, 20. März 2017

KEINE ZEIT, SPÄT DRAN

Wir sind spät dran. Wir haben zu viel Zeit verstreichen lassen. Man klopft schon mit langen Fingernägeln auf harte Tischplatten. Das Geräusch lässt uns nervös mit den Nasenflügeln zucken. Sollten wir uns beeilen? Macht das nicht alles noch schlimmer? Unzählige Wochen ohne etwas zu tun, scheint für jemanden, der sich selbst unter Druck setzt, eine Ewigkeit. Daher also der Tritt; der Stoß; der Wink nun doch vorzutreten und sich zu rechtfertigen. Die Vorladung liegt schon im Briefkasten.
Wir gehen also vor die Tür und müssen erst einmal niesen. Sind an den starken Pollenflug nicht mehr gewöhnt und steigen vorsichtshalber auf die Schultern des anderen. Des motivierteren. Des besseren. Lächerlich, wenn man bedenkt, dass dieses Vorhaben nun wirklich nichts bringt. Doch scheint es nötig, in Anbetracht der Tatsache. Wir rennen also die Straße hinab. Mehrere rote Doppeldeckerbusse versuchen sich uns in den Weg zu stellen. Wir täuschen eine Silhouette vor und preschen in die entgegengesetzte Richtung. Nun ist es von Vorteil nebeneinander zu laufen – also tun wir es.
Wer zwischen Winter und Frühling durch enge Häuserschluchten läuft, sollte sich nicht so oft umsehen. Hinter uns versuchen Handtuchverkäufer ein gutes Geschäft zu machen. Nach wochenlangem Nichtstun ist uns aber die Lust nach Feilschen vergangen. Somit bleibt uns nur die Möglichkeit in der Menge unterzutauchen. Wir hocken uns hin. Eine Gruppe Pfadfinderinnen stellt sich um uns herum. Sie wollen uns schützen, verdienen sie dadurch doch genug Abzeichen, um einen ausgedehnten Urlaub an der Adria antreten zu dürfen. Wir beneiden sie kurz um ihre Naivität, müssen aber weiter. Die Vorladung zittert in unseren Taschen.
Nur noch fünf Häuserblöcke. Die Straßen sind so eng, dass wir hintereinander laufen müssen, und von so hohen Häusern umzäunt, dadurch so dunkel, dass wir den Weg nur mit zusammen gekniffenen Augen erkennen können. Wir wünschen uns, es wäre Nacht, es gäbe Lichtkegel, denn am Tag scheinen die Laternen nur im Weg zu stehen. Als ob unser Wunsch erhört worden wäre, öffnen sich alle Fenster in der ersten Etage der Häuser und grimmige Rentner leuchten uns den Weg mit ihren Leselampen. Wir werfen dankbare Handküsse zu ihnen rauf. Manch einer zückt seinen Hut. Das empfinden wir dann aber doch als ein wenig zu hochnäsig.
Kurz vor dem Ziel stolpern wir. Kurz vor dem Ziel muss man stolpern. Gerade wenn man vorgeladen wurde. Denn sonst ist es nicht spannend genug. Sonst kommt man einfach an. Und einfach ankommen, verursacht bei denen, die uns vorgeladen haben, hysterische Schreikrämpfe. Wir lassen uns daher einfach fallen und landen in den dafür vorgesehenen Federbecken. Hier kommt man nur mit Brustschwimmen voran. Die Federn kitzeln uns in den Nasen und wir müssen wieder niesen. Diesmal können wir nicht auf die Schultern des Anderen steigen. Wir würden einfach untergehen. Drei Züge später erreichen wir endlich das rettende Ufer.
Ein Mann im Anzug hilft uns heraus. Seine Hand ist feucht und riecht komisch. Er lächelt. Allerdings viel zu freundlich. Wir können uns nicht helfen, aber dieses Lächeln scheint nicht für uns bestimmt zu sein. Und tatsächlich taucht hinter uns seine Verlobte auf. Sie laufen Hand in Hand davon und wir betreten das Gebäude. – Die Vorladung dem Portier zeigend, werden wir in einen Besprechungsraum geführt. Sieben Frauen schütteln den Kopf und tippen mit dem linken Zeigefinger auf ihre Armbanduhren am rechten Handgelenk. Keine Chance.
Wir sind spät dran.

Stephan Weiner, geboren 1984, Redakteur der EPILOG – Zeitschrift zur Gegenwartskultur.


Alle Rechte am Text liegen beim Autor.
 

Und aus gegebenem Anlass noch einmal zum Nachlesen: Denkzeichen XIX „Ixions Rad“ von Nils Röller, 29. Mai 2012
 

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