SCHLINGENSIEF kuratiert KUNST UND GEMÜSE, A.HIPLER

Christoph Schlingensiefs neue Musiktheaterinstallation feierte am 17. November ihre Vernissage. Hier erklärt er für Nichteingeweihte dieses Gemeinschaftskunstwerk: "Wir müssen den "Wir"-Begriff weiter fassen als Richard Wagner. Musikgeschichtlich ist Schönberg die Antwort auf Wagner. Arnold Schönbergs Musik rechnet nach Adorno "endgültig mit dem fließenden, funktionellen Wagnerklang ab". Sein "Bruch mit dem Wagnerschen Funktionalismus lässt die wuchernden Spannungen aus dem Klang verschwinden"; so schrieb Adorno 1930 nach der Uraufführung von Schönbergs erster Zwölfton-Oper »Von heute auf morgen«, "gleichwohl, bleibt der Klang keine Sekunde statisch; nur sein Leben ist nicht das des verzehrenden Triebes, sondern die Bewegung eines geretteten Kaleidoskops, dessen Figuren lesbar werden, wie die leuchtend bewegte Schrift der abendlichen Transparente in großen Städten." In diesem Sinne stellen wir nun zusammen mit einem internationalen Produktionsteam unter Leitung von Hosea Dzingirai diese Oper in einen Kunstkontext. Eine Kunstinstallation, die vieles umfasst: Bildende Kunst und Aktionskunst, Video, Theater und Musiktheater. Schönbergs Musik bildet den Ausgangspunkt. Die Figuren des Kaleidoskops betreten die Bühne, sie bewegen sich funktionslos und in einer völligen Freiheit, die nur durch die Form begrenzt ist, die selbst frei gewählt und letztlich willkürlich ist - wie die Zwölftonreihe bei Schönberg. Die befremdlichen Effekte, die solche Freiheit in der Kunst seit dem Beginn der abstrakten Malerei und in der Musik eben seit Schönberg erzeugt, sind bekannt. Wir versuchen, für sie im Theater eine Entsprechung zu finden. Zwölf Darsteller haben wir den einzelnen Tönen der Zwölftonreihe zugeordnet, jeder verkörpert in seiner Eigenart einen Ton. Sie haben die Aufgabe, in ihrem Verhalten auf der Bühne Entsprechungen zum Atonalen, zum Polyphonen und manchmal zum Harmonischen in der Musik zu suchen. Entsprechend bewegen sie sich. Die Inhalte der Oper und der andern Elemente dieser Installation zwischen Traum und Wirklichkeit werden dabei kaleidoskopartig gebrochen, sollen aber in ihren Referenzen erkennbar bleiben. Auf der Bühne entsteht so eine "zweite Musik", die man nicht hören aber sehen kann. Unsere Zuschauer sollen sich diese Installation so ansehen, als wären sie in einer Kunstausstellung. Der Unterschied zur herkömmlichen Präsentation von Kunstwerken besteht darin, dass nicht die Besucher dieser mobilen Installation sich bewegen, sondern die Kunstwerke: Sie laufen sozusagen an den Zuschauern vorbei und sind aktiv, während der Zuschauer, wie im Theater üblich, zu weitgehender Passivität verurteilt ist. Angela Jansen, die seit dem Nikolaustag 1998 vollständig bewegungsunfähig aber ansonsten gesund im Bett liegen muss, weil sie an ALS leidet, spielt die wichtigste Rolle in diesem Stück. Sie kann nur mit den Augen kommunizieren, mit denen sie über eine Laserkamera den Computer animiert, auf dem dann zu lesen ist, was sie sagt. Von ihr stammt der Satz: "Mir fehlt nichts, ich kann mich nur nicht bewegen". Bei »Kunst und Gemüse« wird sie aktiver sein als jeder Zuschauer." Es wirken mit: Andrea Erdin, Horst Gelloneck, Kerstin Grassmann, Christian Roethrich, Reami Rosignoli, Katharina Schlothauer, Anna Warnecke, Karin Witt, Angela Jansen, Park Yung Min, Hosea Dzingirai. Bühnenbild: Thekla von Mülheim, Kostüme: Aino Laberenz, Video: Monika Böttcher.
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