Schmeiß Dein Ego weg!

von René Pollesch


Dieser Theaterabend stellt keine Meinung dar. Denn dann wäre er nur ein Theaterabend unter vielen. Dieser Theaterabend ist aber der Theaterabend schlechthin. Sie werden, nachdem Sie ihn gesehen haben, nicht denken: „Ja, so kann man das auch sehen.“ Oder „Interessant, so hab ich das noch nie gesehen, aber der Theaterabend von Herrn Sowieso gestern hat mich auch auf andere Gedanken gebracht.“ Nein! Hier gibt’s keinen Herrn und hier gibt’s keine anderen Gedanken. Andere Gedanken sind Meinungen. Und das ist der Theaterabend, den Sie hier gleich sehen werden, ausdrücklich nicht. Es wird gleich nichts mehr von einem Kampf geben, der darin besteht, dass eine Meinung gegen eine andere antreten könnte. Solange Meinungen gegeneinander antreten, gibt es keine Lösung. Meinungen, die gegeneinander antreten, sind das Gegenteil von Kampf. Wenn das harte Denken der Sphären der Akademien auf uns trifft, auf diese Körper, wird das nicht länger Endstation Meinung heißen. Sie können auch niemanden nach einem bisschen Telefonnummer fragen, das ist dann nämlich keine mehr! Die ist dann auch bloß eine Meinung. Sie können nicht ein bisschen eine Telefonnummer wählen, da geht dann auch nur eine Meinung ran, wenn überhaupt jemand rangeht. Ein „bisschen schwanger“, das gibt es nicht, das ist auch nur eine Meinung. Das gemütliche Denken wird so sehr verwirrt, bevor es zur Meinung werden kann, dass es vielleicht endlich bei dem, was uns wirklich betrifft, ankommen kann. Es muss doch ein Tor geben heraus! Aus der Meinung heraus! Also das Gegenteil von Meinungsfreiheit. Das Schmiermittel Pluralismus sichert sich immer dadurch ab, dass es Ideen nur zulässt, wenn sie als eine unter vielen kenntlich gemacht werden. Wir sind doch gar nicht so anders! Wir kochen doch alle nur mit Wasser! Wenn schon alles zusammenfällt, dann soll wenigstens die Cordhose halten, von Meinungsfactum. Ich koche doch auch nur mit Wasser! Nein! Ab jetzt wird nicht mehr mit Wasser gekocht! Ich koche nicht nur mit Wasser! Ach, man darf das ja alles nicht sagen, dass das hier der Theaterabend schlechthin ist und so weiter. Und damit wird das doch vielleicht wichtig: wovon nicht gesprochen wird. Das ist doch vielleicht wichtiger, das, wovon nicht gesprochen wird, als die Meinungsfreiheit und wovon nicht gesprochen werden „darf“. Davon wird ja die ganze Zeit gesprochen: „wovon nicht gesprochen werden darf“.
Sie werden nicht gehört?? Sagen Sie denn auch was? Manchmal taucht etwas auf, wenn ich nach langer Zeit jemanden treffe und sage: „Hallo Christian!“, und der andere sagt: „Ja, ich weiß, ich habe mich verändert.“ Da taucht etwas auf, das uns sagt: Wir haben nichts. Wir haben eigentlich nichts, womit wir über das reden können, nichts als nur diesen einen Satz: “Ja, ich weiß, ich habe mich verändert.“
Dieser Satz kündet von der Erschöpfung, uns die Leben als ein Buch zu erzählen, das einen Anfang und ein Ende hat. Wir haben aber nichts anderes. Wir haben keine Geschichten fürs Werden. Und das findet alles jeden Moment auf der Straße statt, dass wir nichts haben, keine Erzählung über das Werden, als die eine Antwort auf die Frage: „Hallo Christian!“ Das ist ja noch nicht mal ne Frage. „Ja, ich weiß, ich hab mich verändert.“, das ist alles. Wir brauchen auch nicht mehr als diese Entschuldigung, als diese Angst, angesehen zu werden. Angst. Die Angst. Die unendliche Angst. Die nie aufhört.   

Mit: Margit Carstensen, Christine Groß, Martin Wuttke, Jerry Hoffmann (Chor), Tim Fabian Bartel (Chor), Sarah Gailer (Chor), Silvana Schneider (Chor), Irina Sulaver (Chor), Marlon Tarnow (Chor), Marcus Tesch (Chor) und Paula Thielecke (Chor)

Chorleitung: Christine Groß

Text und Regie: René Pollesch
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Bert Neumann
Kamera: Ute Schall
Licht: Frank Novak
Dramaturgie: Aenne Quiñones
Souffleuse: Tina Pfurr

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