Sehen: Marija

Film von Michael Koch. (D/CH 2016, 100 Min.). Filmpremiere


Wir wissen es, seit Thomas Arslans jugendliche Geschwister durch Kreuzberg ziehen, wir wissen es seit Rosetta und erleben es hier in Marija wieder. Das Gehen macht den Menschen zum Individuum. Das Gehen ist alles, Ausdruck von Bewegung, zielgerichtet, niemals flanierend. Immer wieder verfolgen wir die junge Ukrainerin Marija bei ihrem Gang durch einen belebten, türkischen Kiez. Die Kamera bleibt halbnah hinter ihr, blickt ihr über die Schultern, und nur wenn Marija sich abdreht von den Menschen, wendet sie sich der Kamera zu, sehen wir ihr ins Gesicht.

Margarita Breitkreiz ist ein sprachsprühender Volksbühnenstar. Hier verlegt sie ihre Konflikte ins Innere der Figur, wendet sich ab, sagt wenig, gibt nichts von sich preis. Wer sich öffnet, den Menschen gegenüber, hat schon verloren, hat Schwäche gezeigt, vielleicht sogar Gefühle. Marija gestattet sich, von einem Friseursalon zu träumen, damit hätte sie es geschafft. Träumen macht aber verletzlich in einer Welt, in der viel türkisch und russisch und wenig deutsch gesprochen wird, die aber gleichfalls eine deutsche Welt ist. Ihre Existenz ist ein Drahtseilakt, in dem in jedem Moment der Absturz droht. Wir erleben das Universum einer prekären Existenz. Marija geht mal völlig pleite, mal mit einem ganzen Geldkoffer voller Bargeld durch diesen Film, Geld kommt und geht, in einer Mischung aus Getriebenheit und Sturheit beim Verfolgen ihres Traums erleben wir eine starke, junge Frau, die eigentlich ihren Gefühlen hinterher rennt, ohne sie einzuholen. „Bei dir kommt keiner ungestraft davon“, wird der kongeniale Georg Friedrich, ein weiterer Volksbühnenstar im durchweg hervorragend besetzten Ensemble dieses Films, Marija ins Gesicht sagen. Er wird am Ende auch verlieren, auch wenn er lauthals „Jeanny“ von Falco mitsingt. Marija, das „lonely little girl in a cold cold world“ neben ihm, wird auch ihn hinter sich lassen.

Wenig Dialoge, lange Kamerafahrten machen diesen klassischen Realismus-Film des jungen Schweizer Regisseurs Michael Koch aus. Und der Film fühlt sich genau richtig an in unserer Zeit, er ist jetzt ein Politikum. Hier werden nicht die einfachen, effektiven Schnitte gewählt, die Einstellungen, die möglichst effizient nur vorführen: Das steht für Liebe, Trauer, Hoffnung, Vereinfachungen, die zur Zeit wie angewandter Populismus wirken, wobei nur noch die hohle Geste, die Verkürzung zählt. Michael Kochs Film nimmt sich die Zeit, ausführlich zu erzählen, was nicht die Handlung vorantreibt, was aber die Menschen wahrhaftig macht. Er lässt ihnen die Umständlichkeit, die Unsicherheit, er vertraut auf das, was in die Körper eingeschrieben ist. Das ist viel Wert in einer Zeit der schnellen Lösungen und führt dazu, dass wir fasziniert diesen Körpern zugucken bei ihrem Drahtseilakt.

Michael Busch


Tickets kosten 8,- Euro bzw. 6,- Euro (ermäßigt).

  

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