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Sa 02.07. 19:00 Großes Haus kaufen

Judith

Tragödie von Friedrich Hebbel


Judith, die apokryph biblische Heldin in Hebbels Tragödie, will begehrt und geliebt werden, aber es findet sich im frommen Bethulien kein Mann, der ihr gewachsen ist. Alles nur Feiglinge und Schlappschwänze. Holofernes, der heidnische und (fast) allmächtige Usurpator ihres Volkes ist ein anderes Kaliber. Zu ihm fühlt sie sich unwiderstehlich hingezogen. Der Feind als Objekt der Begierde. Sie geht zu ihm, um ihn zu lieben und um ihn umzubringen und ihr Volk, das sie verachtet, zu befreien. Ein sehr widersprüchlicher, todesmutiger Plan. Nur große Liebe und großer Hass machen ihn realisierbar. Sie schläft mit dem Feind und schlägt ihm danach den Kopf ab, „weil ich ihm sonst verfallen wäre“. Das private Motiv ändert nichts an ihrer objektiven Heldenhaftigkeit. Sie hat das Volk vor seiner Unterwerfung durch die Ungläubigen gerettet. Das verlangt Respekt. Auch heute gibt es Kämpfer, die, möglicherweise aus ähnlichen Gründen wie Judith, die Ungläubigen, d.h. den Westen ficken wollen. Diese Kämpfer sind fasziniert von dessen Errungenschaften, ihre Drahtzieher lieben Gucci und Versace und sie machen sich die westlichen Technologien, insbesondere die Medientechnologie, zueigen. Wie Judith wollen sie begehrt und geliebt werden. Deshalb ist ihnen, wie der Philosoph Boris Groys neulich an der Volksbühne sagte, die Darstellung ihrer Taten, ihre öffentliche Wahrnehmung so wichtig. „Allerdings“, so Groys weiter, „liegt in ihrer Abhängigkeit von den westlichen Medien zugleich schon ihr künftiger Untergang begründet. Ökonomisch, ethisch und gesellschaftspolitisch bieten sie keine Alternativen. Es geht ihnen einzig darum, sich in der Wahrnehmung der Welt einen Platz zu verschaffen.“ Neoliberalistischer und neoislamistischer Fundamentalismus sind vergleichbar in ihrem Dogmatismus und ihrer Ignoranz gegenüber der Geschichte, aber besonders in ihrer Spektakelhaftigkeit und in ihrer Medienfixiertheit. Deshalb kann man sogar der unkorrekten Behauptung von Michel Houellebecq zu den jüngsten Terroranschlägen in Paris, Gewöhnung und Ignoranz seien der beste Widerstand, etwas abgewinnen. „Nach dem 7. Januar und dem Attentat auf 'Charlie Hebdo'“, sagt Houellebecq, „hing ich zwei Tage vor dem Fernseher. Nach den Attentaten vom 13. November habe ich den Fernseher nicht mal mehr eingeschaltet. Ich habe mich darauf beschränkt, Freunde und Bekannte anzurufen. So gewöhnt man sich. Selbst an Attentate.“ Wir könnten ja schließlich fast alles, was gerade passiert, schon sattsam aus unserer eigenen Geschichte und Literatur kennen. Hebbels „Judith“ ist ein gar nicht so fernes Beispiel aus einer gar nicht so fernen Zeit, als hier in Berlin noch gute Christenmenschen lebten, die kein Problem darin sahen, wenn einem Ungläubigen der Kopf abgeschlagen wurde. Judith denkt, sie habe „die Welt ins Herz gestochen“, als sie Holofernes den Kopf abschlug, aber sie hat mit ihrer Tat nur eine narzisstische Kränkung kompensiert und nebenbei ein Volk, „ihr“ Volk, befreit, das vielleicht gar nicht befreit werden wollte und für das sie keinerlei Sympathien hatte.

Carl Hegemann

Frank Castorf inszeniert „Judith“ - Eine Tragödie von Friedrich Hebbel. Uraufführung am Königlichen Hof-Theater in Berlin am 6. Juli 1840.

Premiere an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz am 20. Januar 2016.

Spieldauer: 5 Stunden   

Mit: Birgit Minichmayr (Judith), Martin Wuttke (Holofernes), Jasna Fritzi Bauer (Mirza), Mex Schlüpfer (Hauptmann) und Stefan Kolosko (Achior)

Chor: Yasmin El Yassini, Judith Gailer, Ann Göbel, Anita Groschen, Leonie Jenning, Anke Marschall, MissVergnügen, Estefania Rodriguez, Nathalie Seiß, Johanna Skirecki, Julius Brauer, Jakob D'Aprile, Florian Denk, Jens Bluemlein, Max Grosse Majench, Fritz Walter Huste, Henry Kotterba, Paul Rohlfs, Marcus Schinkel

Regie: Frank Castorf
Raum: Bert Neumann
Einrichtung Judith: Caroline Rössle Harper
Kostüme: Tabea Braun
Chorleitung: Christine Groß
Licht: Lothar Baumgarte
Videokonzeption und Kamera: Andreas Deinert
Ton: Christopher von Nathusius
Tonangel: William Minke
Dramaturgie: Sebastian Kaiser

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