Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz
 

Idee des Kommunismus. Philosophie und Kunst

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IDEE DES KOMMUNISMUS. PHILOSOPHIE UND KUNST ist eine wissenschaftlich-künstlerische Konferenz, die den Begriff Kommunismus neu und in seiner ganzen Bedeutungsvielfalt zu denken unternimmt und drei Tage lang (25. bis 27. Juni) alle Räume der Volksbühne bespielt. „Seit den Arbeiterbewegungen des 19. Jahrhunderts und ihrer Interpretation durch die großen Denker der Epoche besetzt das Wort Kommunismus die Grenze zwischen Philosophie und Politik. Es muss folglich heute zugleich ausgehend von seinem idealen Inhalt wie von den wirklichen Erfahrungen, in die es eingebunden war und in denen es mitunter schrecklich kompromittiert wurde, gedacht werden.“ (Alain Badiou) Daher werden zugleich die sozialistischen Staaten in den Blick genommen, die im 20. Jahrhundert das Motiv der Diktatur des Proletariats verkörperten. In dieser Absicht liegt ein regionaler Schwerpunkt des Kongresses auf den Ländern Osteuropas.
Philosophische Konferenz mit Alain Badiou, Slavoj Žižek, Cécile Winter, G.M. Tamás, Glyn Daly, Janne Kurki, Saroj Giri, Bülent Somay, Artemy Magun, Antonio Negri, Goldex Poldex Collective, Frank Ruda, Jan Völker, Gernot Kamecke, Henning Teschke, u.a.
Ein künstlerisches Programm, bestehend aus Performances, Installationen, Filmen und Konzerten beleuchtet das Thema ästhetisch: mit Frank Castorf, BADco., Janez Janša, Schwabinggrad Ballett, Marc Weiser aka Rechenzentrum, Chto delat’, Nick Currie aka Momus, Thomas Martin, Michael Busch (Luxusberlin), Anne Kuhn/Andreas Mihan, Felix Ensslin, Bojana Kunst, Jan Ritsema, Nikolaus Müller-Schöll, u.a.

Gesamtticket: 55,- / 27,50.- (erm.)
Tageskarte 25.6.: 20,- / 10,-
Tageskarte 26.6.: 30,- / 15,-
Tageskarte 27.6.: 10,- / 5,-
Tagestickets exklusiv an der Volksbühnen-Kasse erhältlich!

FREITAG, 25. JUNI:

[Konferenz.]

ab 14 Uhr, Großes Haus
PANEL 1

ALAIN BADIOU: INTRODUCTION

FRANK RUDA / JAN VÖLKER: THESEN ZU EINER KOMMUNISTISCHEN MORALE PROVISOIRE
Frank Ruda und Jan Völker, Wissenschaftliche Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich 626 der FU Berlin. Herausgeber der Reihe morale provisoire beim Berliner Merve-Verlag, Organisatoren einer fortlaufenden Diskussionsreihe mit internationalen Gästen unter dem gleichen Titel. In der Reihe sind bislang erschienen: Badious Ist Politik denkbar? (2010) und Die kommunistische Hypothese (2010). Weitere gemeinsame Publikationen: Was heißt es, ein Marxist in der Philosophie zu sein (2010), Verhältnislos. Zur Kompossibilität von Politik und Kunst (2009).

GERNOT KAMECKE / HENNING TESCHKE: WAS ZÄHLT? 1. GEMEINSCHAFT 2. GLEICHHEIT
Gernot Kamecke, Romanist, Philosoph, Übersetzer. Wissenschaftlicher Koordinator am Sonderforschungsbereich Transzendenz und Gemeinsinn der TU Dresden. Publikationen: (Hrsg. mit H. Teschke) Ereignis und Institution. Anknüpfungen an Alain Badiou (2008), (Hrsg. mit J. Müller/B. Klein), Antike als Konzept (2009). Übersetzung von Alain Badiou: Das Sein und das Ereignis (2005).
Henning Teschke, Dozent für Romanistik an der Universität Augsburg. Publikationen: Proust und Benjamin – unwillkürliche Erinnerung und dialektisches Bild (2000), Sprünge der Differenz – Literatur und Philosophie bei Deleuze (2008), (Hrsg. mit Gernot Kamecke) Ereignis und Institution – Anknüpfungen an Alain Badiou (2008)

CÉCILE WINTER: WIEDERBELEBUNG DES KOMMUNISMUS
Cécile Winter, ehemalige Aktivistin der UCFML in Paris, Ärztin in Afrika, Kampf gegen Kolonialismus und Aids, Publikationen: neben zahllosen Flugblättern der in Circonstances 3 von Alain Badiou erschienene Aufsatz: Signifiant maitre des nouveaus aryens, ce qui a fait que le nom juif est devenu imprononçable.

ANTONIO NEGRI: È POSSIBILE ESSERE COMMUNISTI SENZA MARX?
Antonio Negri, politischer Philosoph und Soziologe. Autor unzähliger Bücher u.a. zu Descartes, Spinoza und anderen. Letzte Veröffentlichungen in deutscher Sprache: Goodbye Mr. Socialism: Das Ungeheuer und die globale Linke (2009), gem. mit Michael Hardt: Empire (2003), Multitude: Krieg und Demokratie im Empire (2004), Common Wealth: Das Ende des Eigentums (2010).


[Performance.]

um 19 Uhr, Hinterbühne
THE LEAGUE OF TIME
Performance von BADco.

The League of Time ist eine Archäologie utopischer Entwürfe. Ausgehend von Franz Kafkas Amerika, Mayakowskis Vision vom Fliegenden Proletariat und sowjetischen Ingenieuren des Fortschritts wie Alexei Gastew und Konstantin Melnikow nimmt die BADco. Zukunftsvisionen der Vergangenheit in den Blick und fragt: Was passiert mit den Zukünften, deren Zeit abgelaufen ist? Der League of Time gehören an: ein Ufo-Forscher, ein Pilot, eine Mensch-Maschine und ein Cosmonaut, die akribisch den Bühnenraum mit autistischen Systemen aus anderen Zeiten füllen, während Joe Meeks Songs von neuen Welten erzählen.
in englischer Sprache

Das Performance-Kollektiv BADco. – bestehend aus vier Tänzern, zwei Dramaturgen und einem Philosoph – gründet sich 2000 in Zagreb (Kroatien) um den Theatermacher Goran Sergej Pristaš. Dieser ist außerdem Präsident des Centre for Drama Art in Zagreb und Gründer/Editor des Kunstmagazins Frakcija.

um 22 Uhr, Hinterbühne
1 POOR AND ONE 0
Performance von BADco.

In 1 poor and one 0 geht die BADco. zurück zur Szenerie des ersten je gedrehten Films – Arbeiter verlassen die Lumière-Werke der Gebrüder Lumière: ans Fabriktor. Dort wo die Kunst halt macht. Von hier aus entwickeln sie eine Performance über (post-)industrielle Arbeit und deren Darstellung in der Kunst. Die Filmkunst nimmt dabei seit ihrer Entstehung am Werkstor eine Ausnahmestellung ein; aber auch die Choreografie, die gestaltete Bewegung, wie die Maschine sie dem Arbeiter diktiert: Arbeit ist Tanz und Tanz ist Arbeit; und draußen vor dem Fabriktor lauert die Freizeit.
in englischer Sprache

[Podium.]

um 20.30 Uhr, Sternfoyer
DIE IDEE DES KOMMUNISMUS UND IHR POTENTIAL FÜR DIE KUNSTPRODUKTION HEUTE
Podiumsdiskussion mit Felix Ensslin, Bojana Kunst und Jan Ritsema

Gegenstand der Podiumsdiskussion ist die Frage, wie die Idee des Kommunismus die Organisation der künstlerischen Produktion heute beeinflusst und wie sie aktuell Gegenstand künstlerischer Arbeiten werden kann. Welches Potential haben zentrale Konzepte aus dem Umfeld der kommunistischen Idee, wie etwa Materialismus oder Kollektivität, für Künstler und Kunsttheoretiker zurzeit? Besteht eine mögliche Zukunft für die kommunistische Hypothese (A. Badiou) gerade in den Künsten?
Felix Ensslin ist Philosoph, Kurator und Regisseur. Er lebt in Berlin und Stuttgart, wo er an der Kunstakademie lehrt. Bojana Kunst lebt als Philosophin und Dramaturgin in Ljubljana, zurzeit ist sie Gastprofessorin am Zentrum für Performance Studies in Hamburg. Jan Ritsema ist Regisseur, Performer und Autor, er gründete und leitet das Performing Arts Forum (PAF) in St. Erme (Frankreich), eine informelle Institution, die sich als user-created versteht.

in englischer Sprache

[Film.]

um 19 Uhr, Roter Salon
2+2 PRACTICING GODARD
von Dmitry Vilnsky und Chto delat’ (RUS 2009), 38’

Jean-Luc Godards Film One Plus One(F 1968) montiert dokumentarische Aufnahmen der Rolling Stones beim Einspielen ihres Songs Sympathy for the Devil mit inszenierten Episoden über Marxismus, Unterdrückung und militante Agitation. Das Künstlerkollektiv Chto delat’ nimmt den Klassiker zum Ausgangspunkt einer künstlerischen Recherche, indem es die Szenen der Vorlage unter den veränderten politischen Vorzeichen wiederaufführt. Der so entstandene Videofilm 2+2 Practising Godard ist dabei viel mehr als eine Godardsche Kinoübung, er ist Erinnerungs-Akt und Remake, eine Film-Performance gegen polizeiliche Willkür mit subversiver Logik und großem utopischen Potential.

Russisch mit englischen Untertiteln

um 20 Uhr, Roter Salon
SEMLJA/ERDE von Alexander Dowschenko (Rus 1930) und DIE GEBURT DER NATION von Klaus Wyborny (D 1973)

Alexander Dowschenkos Film-Klassiker Semlja/Erde (RUS 1930) erzählt von der Umgestaltung der sowjetischen Ukraine, vom Gegensatz zwischen der alten Welt der Großgrundbesitzer, der Kulaken und der neuen kommunistischen Jugend. Der junge Traktorist Wassili wagt, mit dem neuen Traktor, auf den das Dorf lange gewartet hat, die Grenzsteine umzupflügen, die bis dahin die Felder der Großgrundbesitzer markierten, und wird von einem Kulaken erschossen.
Dazu live geschnitten und kommentiert: Die Geburt der Nation (D 1973) von Klaus Wyborny - Aufbau und Untergang einer utopischen Staatsgründung. Wie in Semlja/Erde auch hier: Menschen, verloren in einer weiten Landschaft, der dunkle Himmel darüber. Die Utopie wird Gegenstand eines filmischen Materialismus.
Vorgestellt, bearbeitet und mit Musik versehen von Michael Busch und Gästen (LUXUSBERLIN)

um 21.30 Uhr im Roten Salon
LE TOMBEAU D`ALEXANDRE/THE LAST BOLSHEVIK
von Chris Marker (F 1993), 119 Min

Die Kinozüge des Filmemachers Alexander Medvedkin portraitieren die kommunistische Aufbruchstimmung während der ersten Kollektivierungsphase der sowjetischen Landwirtschaft. Die Eisenbahnwagen fuhren aufs Land zu den Bauern, um dort Leben und Arbeit zu filmen, das Material an Ort und Stelle zu entickeln, zu schneiden und am Abend vorzuführen. So machte sich die Landbevölkerung ein Bild von sich selbst, wie Chris Marker in seinem Film über das Phänomen eine Befragung seiner eigenen linken Utopien unternimmt. Der Essay-Film irrlichtert zwischen historischem Dokument und autobiografischem Film, verhandelt Geschichte und Gegenwart (in den frühen 90ern des letzten Jahrhunderts) der kommunistischen Idee.

Französisch mit englischen Untertiteln

[Installation.]

ab 18 Uhr, rechtes Parkettfoyer
GIOCANDO AGLI SPETTRI / GESPENSTER SPIELEN
Installation von Anne Kuhn, Mitarbeit: Andreas Mihan

Was passiert, wenn man das Manifest der Kommunistischen Partei auf seine Substantive reduziert? Alle agitatorische Rhetorik verschwindet – was bleibt, sind die Hauptwörter, die Ideen des Kommunismus. Giocando Agli Spettri/Gespenster Spielen diskutiert nicht politisch, fragt nicht nach sozialer Relevanz und poliert nicht den matten Schimmer der Utopie, sondern ist eine Einladung an den Zuschauer, einen neuen Blick auf die zentralen Konzepte von Marx und Engels zu werfen, das zu oft gehörte, erinnerte, im Geist mitgesprochene „ein Gespenst geht um in Europa“ zu vergessen.

Anne Kuhn und Andreas Mihan studierten am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und arbeiten seitdem in unterschiedlichen Konstellationen in den Bereichen Performance, Szenographie und Installation.

ab 18 Uhr, rechtes Parkettfoyer
SONGSPIEL-TRIPTYCH
Video-Installation von Chto delat’

Songspiel bezeichnet ein Genre, das das Künstler-Kollektivs Chto delat’ mit seinen politischen Videofilmen ins Leben rief: Historische Situationen werden von Schauspielern nachgespielt, unterbrochen von tableauhaften Szenen, in denen ein Gesangs-Chor die Ereignisse kommentiert.
Das Perestroika Songspiel (2008) entwickelt die Ereignisse und das Personal des 21. August 1991, als die Protagonisten der Perestroika über die restaurativen Putschisten siegten, in Manier der griechischen Tragödie. Das Partisan Songspiel. Belgrade Story (2009) behandelt das Problem der politischen Unterdrückung am Beispiel der Zwangsräumung einer Roma-Siedlung durch die Stadt Belgrad während einer Sportveranstaltung. Der Chor der toten Partisanen kommentiert in den Songs den Dialog zwischen Unterdrückern und Unterdrückten. Das jüngste und zornigste Songspiel schließlich widmet sich der politischen Situation Russlands heute und komplettiert das Tritychon: The Tower: Songspiel.

Die Plattform Chto delat’ (Was tun?) wurde 2003 in Petersburg von einer Gruppe von Künstlern, Kritikern, Philosophen und Schriftstellern mit dem Ziel gegründet, politische Theorie, Kunst und Aktivismus zusammenzuführen. Die Aktivitäten der Plattform, etwa Videoarbeiten, Installationen, öffentliche Aktionen, Radiosendungen, zielen auf kollektive Initiativen in Form temporärer Kunstsowjets.

Russisch mit englischen Untertiteln

ab 19 Uhr, Rangfoyer
NACHRICHTEN AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE. MARX – EISENSTEIN – DAS KAPITAL
von Alexander Kluge (D 2008), 570 Min

1927 notiert Sergej Eisenstein: „Der Beschluß steht fest, das Kapital nach dem Szenarium von K. Marx zu verfilmen.“ Diese Herausforderung, so glaubte Eisenstein, würde die Filmkunst von Grund auf verändern. Ihm schwebte die Anwendung völlig neuer, von James Joyces Ulysses abgeleiteter Formen vor: „faits divers“, „emotionale Konvolute“ und Reihen „dialektischer Bilder“.
Eisenstein hat diesen Film nie gedreht; 81 Jahre später setzt Alexander Kluge mit einem neunstündigen Filmepos dem größenwahnsinnigen Plan ein Denkmal und komponiert eine vielstimmige Annäherung an Marx’ Hauptwerk und Eisensteins nicht realisiertes Projekt. Unterstützt wird er dabei von Dietmar Dath, Hans-Magnus Enzensberger, Durs Grünbein, Hannelore Hoger, Oskar Negt, Sophie Rois, Helge Schneider, Peter Sloterdijk, Joseph Vogl, Tom Tykwer und vielen anderen.

in deutscher Sprache

SAMSTAG, 26. JUNI:

[Konferenz.]

ab 10 Uhr, Großes Haus
PANEL 2

GLYN DALY: A THIRST FOR THE REAL: AVATARS OF COMMUNISM
Glyn Daly, Dozent am Department für International Studies der Leeds University. Er veröffentlichte eine Reihe von Artikeln über Politische Theorie, Marxismus, Postmarxismus, Politiken der Ideologie und Einbildung. Gegenwärtig arbeitet er an einem Buch über Slavoj Žižek.

JANNE KURKI: COMMUNISM OF TRUTH – KANT WITH ARISTOTLE
Janne Kurki, Dozent für Ästhetik am Institute of Art Research der Universität Helsinki. Forschungsschwerpunkt: kontinentales Denken, arbeitet vor allem zu Lacan, Badiou, Žižek und Blanchot. Letzte Publikationen: Heidegger and Lacan – Their Most Important Difference (2008), First to Fight! – Playing Your Identity, Hooking Your Desire and Body (2010, im Erscheinen).

SAROJ GIRI: COMMUNISM, THE REAL MOVEMENT
Saroj Giri, Dozent am Department für Political Science der Universität Delhi. Publikationen: Globalization: The Predicament of Myths (1998), The Classical Marxist Conception of Man’s Relation to Nature (2005), Maoists and the Poor: Against Democracy (2009)

in deutscher und englischer Sprache, Simultanübersetzung

ab 15 Uhr, Großes Haus
PANEL 3

BÜLENT SOMAY: REPEATING MARX: A COURSE WE HAVE FAILED
Bülent Somay ist Dozent für Komparatistik an der Bilgi Universität in Istanbul. Publikationen: Geriye Kalan Devrimdir [What remains is the revolution] (1997), Sarki Okuma Kitabi [Song reader] (2000), Tarihin Bilinçdisi [The unconscious of history] (2004); and a chapter in The New Utopian Politics of Ursula K. Le Guin's The Dispossessed (2005).

SLAVOJ ŽIŽEK: TO BEGIN FROM THE BEGINNING, OR, HOW TO GET RID OF GHOSTS OF THE XXTH CENTURY
Slavoj Žižek, dialektisch-materialistischer Philosoph und Psychoanalytiker, Professor am Birkbeck College, University of London, Leiter einer Forschungsgruppe an der Philosophischen Fakultät der Universität Ljubljana. Neueste Publikationen: The Monstrosity of Christ (with John Milbank, 2008), First as Tragedy, Then as Farce (2009), Living in the End Times (2010).

ARTEMY MAGUN (Chto Delat): COMMUNISM THAT IS AND COMMUNISM TO BE
Artemy Magun, Dozent an der European University in St. Petersburg und am Smolny Institute of Liberal Arts and Sciences, Direktor des Smolny Kollegiums. Er ist Mitglied der Gruppe Chto delat’, die in St. Petersburg und Moskau und linke Künstler, Intellektuelle und Aktivisten vereint. Letzte Publikationen: La révolution négative (2009). Ko-Autoren des Vortrags: Oxana Timofeeva (Chto Delat), Alexei Penzin (Chto Delat) und Natalya Pershina (Chto Delat).

in deutscher und englischer Sprache, Simultanübersetzung

[Performance.]

um 20 Uhr, Hinterbühne
PUPILJA, PAPA PUPILO AND THE PUPILCEKS – RECONSTRUCTION
Performance von Janez Janša

Das Stück Pupilja, Papa Pupilo and the Pupilceks - Reconstruction von Janez Janša ist das Reenactment einer neoavantgardistischen Performance von Dušan Jovanović, die 1969 im damals sozialistischen Slowenien stattfand. Janša verfolgt einerseits eine akribische Rekonstruktion der historischen Aufführung und lässt somit die regimekritisch-freiheitliche Energie der Zeit aufleben, andererseits macht er die historische Distanz zum Vorbild sichtbar sowie den Prozess des Rekonstruierens. Die Performance erforscht Erinnerung und retrospektive Geschichtskonstruktion als Bedingung historischer Analyse und bietet eine Technik zur Orientierung in vergangenen Situationen an: das möglichst exakte Kopieren im Bewusstsein des historischen Abstands.

Janez Janša lebt als Autor und Regisseur interdisziplinärer Performances in Ljubljana (Slowenien). Seit 1999 ist er Leiter von MASKA Ljubljana, einer Nonprofit-Organisation für Kunstproduktion und –ausbildung und war bis 2006 Chief-Editor des gleichnamigen Magazins.

in englischer Sprache

um 20 Uhr, 3. Stock
LEHRSTÜCK von Bertolt Brecht, Musik: Paul Hindemith (1929)
Inszenierung: Frank Castorf

In Deutschland bildet Brechts Lehrstück, das die Mitwirkenden „durch Theaterspielen“ zu marxistischem Bewusstsein erziehen soll, den Ursprung der materialistischen Dialektik auf dem Theater. Dorthin begibt sich Frank Castorf mit seiner Inszenierung des Lehrstücks, einer theatralischen Betrachtung des Katastrophenpotentials der Moderne. Vier gestürzte Flieger: "Wir vergaßen über den Kämpfen / Unsre Namen und unser Gesicht / Über dem Aufbruch / Vergaßen wir unsres Aufbruchs Ziel", und ein Chor, der fragt, wem der Fortschritt nützt. Eine Untersuchung, ob der Mensch dem Menschen hilft: zwei Clowns sägen im wechselseitigen Interessenkonflikt einem Schmerz leidenden Herrn Schmitt Arme und Beine ab, schließlich fällt der Kopf.

Frank Castorf ist Regisseur und seit 1992 Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin.

in deutscher Sprache

um 20 Uhr und 21.30 Uhr im ganzen Haus, Treffpunkt Sternfoyer
COMMUNIST BLACKBOARD - UNRELIABLE TOUR
guided tour von Nick Currie aka Momus

Die Wandtafel ist ein wichtiges Element der didaktischen Architektur des Kommunismus: Brecht hatte sie in seinem Studio, um für Dudow und Eisler seine Ideen für den Film Kuhle Wampe zu skizzieren. Godard nutzte sie in La Chinoise, um jeden Autor des westlichen Kanons wegzuwischen, außer Brecht. Beuys verwendete sie für Performances, um soziale Prozesse in unleserlicher Schrift und verworrenen Diagrammen darzustellen. Inspiriert von diesen Tafel-Meistern wird Nick Currie aka Momus an verschiedenen Orten in der Volksbühne eine unreliable history des Kommunismus vortragen, ausgestattet mit Tafel, Kreide, Zeigestock und Schwamm.

Nick Currie alias Momus lebt als freischaffender Künstler, Musiker, Autor und Journalist in Berlin. Seine unreliable tours sind klug, informativ, genauestens recherchiert und von vorn bis hinten gelogen. Gerade dadurch öffnen sie neue, unerwartete Perspektiven auf ihren Gegenstand.

in englischer Sprache

um 21.30 Uhr, 3. Stock
SCHUTT (INGEMÜLLERMONOLOG)
von Thomas Martin, szenische Lesung

Aus der Schwäche Kunst zu machen, war Inge Müllers Überlebensform. In 13 Jahren Ehe und Zusammenarbeit mit Heiner Müller perfektioniert sie diese Strategie in ihrer Lyrik. "Schreiben mit einer Hand" wird der Versuch benannt, der schließlich scheitert. Das Trauma eines doppelten Verschüttetseins – als Frau unter Trümmern im Krieg, als Autorin unter dem Werk ihres Mannes – beherrscht ihr kurzes Leben und ihren verspäteten Ruhm. Sie stirbt am 1. Juni 1966 nach mehreren Selbstmordversuchen. "Schreiben, Leben für die Dritte Sache / Das Neue und den Neuen Menschen / Aber er verändert sich nicht. Er muß / Ruiniert werden, aufs Neue und Neue." Die Idee des Kommunismus als Utopie einer Liebes- und Arbeitsbeziehung, die den einzelnen verbrennt.

Thomas Martin lebt als freischaffender Autor in Berlin.

in deutscher Sprache


[Musik.]

um 21.30 Uhr, Roter Salon
VERTOV VS. WEISER: ENTUZIAZM 2010
von Marc Weiser aka Rechenzentrum, Filmkonzert

Mit Vertov vs. Weiser: Entuziazm 2010 führt Marc Weiser aka Rechenzentrum eine Neuvertonung von Dsiga Wertows Klassiker Enthusiasmus (RUS 1929) live auf; der elektronischen Komposition dient die Tonspur von Wertows erstem Tonfilm als Klangquelle. Während der sowjetische Filmemacher das damals neue Medium nutzte, um mit Hilfe der Montage klar definierte Assoziationsketten beim Betrachter abzurufen, dringt der Medienkünstler Weiser mithilfe der Computertechnologie vertikal in die sedimentierten Inhaltsschichten des Werks ein. Seinem Montageansatz ist ein antilogischer Impetus eingeschrieben, der die lineare Kausalität aufgibt.
Marc Weiser aka Rechenzentrum lebt als Musiker, Medienkünstler, Musikkurator in Berlin. Er war Mitbegründer des Club Transmediale 1999 und Co-Kurator bis 2007. Zuletzt erschien das Hörspiel Ekstatische Konfessionen (Deutschlandradio Kultur/Klangkunst 2009).

um 23 Uhr, Großes Haus
SCHWABINGGRAD BALLETT
Konzertperformance

Das Schwabinggrad Ballett ist ein Hamburger Agitprop-Kollektiv, das sich im weiten Feld von politischer Aktion, Performance und Musik bewegt. Gegründet 2000 beim NoBorder-Camp, war die Gruppe anfangs für subversive Polit-Aktionen auf Demonstrationen, Wirtschaftsgipfeln und Grenzcamps gedacht. Ein Teil der Gruppe entschloss sich aber, verstärkt musikalisch zu arbeiten. Aktuell wirken 20 Künstler und Aktivisten wie Ted Gaier (Goldene Zitronen), Silvy Kretzschmar, Peter Ott und Christoph Twickel mit.
Die musikalischen Einflüsse des Schwabinggrad Balletts sind so heterogen wie die Zusammensetzung seiner Mitglieder: Sie reichen von Free Jazz und musique concrète über Marschmusik und Chanson bis zu live-Elektronik und krautiger Ritualmusik. In die Berliner Konzert-Performance wird das Ballett außerdem Spielszenen aus ihrem Straßentheaterstück Business Punk City einflechten, das im Rahmen der Recht auf Stadt-Bewegung produziert wurde, die letztlich mit einigem Erfolg die Frage nach Besitz- und Machtverhältnissen in Hamburg stellte.

um 23 Uhr, Roter Salon
Party
mit DJ Monokid (The Goldmunds)

[Installation.]

ab 19 Uhr, rechtes Parkettfoyer
GIOCANDO AGLI SPETTRI / GESPENSTER SPIELEN
Installation von Anne Kuhn, Mitarbeit: Andreas Mihan

Was passiert, wenn man das Manifest der Kommunistischen Partei auf seine Substantive reduziert? Alle agitatorische Rhetorik verschwindet – was bleibt, sind die Hauptwörter, die Ideen des Kommunismus. Giocando Agli Spettri/Gespenster Spielen diskutiert nicht politisch, fragt nicht nach sozialer Relevanz und poliert nicht den matten Schimmer der Utopie, sondern ist eine Einladung an den Zuschauer, einen neuen Blick auf die zentralen Konzepte von Marx und Engels zu werfen, das zu oft gehörte, erinnerte, im Geist mitgesprochene „ein Gespenst geht um in Europa“ zu vergessen.

Anne Kuhn und Andreas Mihan studierten am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und arbeiten seitdem in unterschiedlichen Konstellationen in den Bereichen Performance, Szenographie und Installation.

ab 19 Uhr, linkes Parkettcafé
SONGSPIEL-TRIPTYCH
Video-Installation von Chto delat’

Songspiel bezeichnet ein Genre, das das Künstler-Kollektivs Chto delat’ mit seinen politischen Videofilmen ins Leben rief: Historische Situationen werden von Schauspielern nachgespielt, unterbrochen von tableauhaften Szenen, in denen ein Gesangs-Chor die Ereignisse kommentiert.
Das Perestroika Songspiel (2008) entwickelt die Ereignisse und das Personal des 21. August 1991, als die Protagonisten der Perestroika über die restaurativen Putschisten siegten, in Manier der griechischen Tragödie. Das Partisan Songspiel. Belgrade Story (2009) behandelt das Problem der politischen Unterdrückung am Beispiel der Zwangsräumung einer Roma-Siedlung durch die Stadt Belgrad während einer Sportveranstaltung. Der Chor der toten Partisanen kommentiert in den Songs den Dialog zwischen Unterdrückern und Unterdrückten. Das jüngste und zornigste Songspiel schließlich widmet sich der politischen Situation Russlands heute und komplettiert das Tritychon: The Tower: Songspiel.

Die Plattform Chto delat’ (Was tun?) wurde 2003 in Petersburg von einer Gruppe von Künstlern, Kritikern, Philosophen und Schriftstellern mit dem Ziel gegründet, politische Theorie, Kunst und Aktivismus zusammenzuführen. Die Aktivitäten der Plattform, etwa Videoarbeiten, Installationen, öffentliche Aktionen, Radiosendungen, zielen auf kollektive Initiativen in Form temporärer Kunstsowjets.

Russisch mit englischen Untertiteln

ab 19 Uhr, Rangfoyer
NACHRICHTEN AUS DER IDEOLOGISCHEN ANTIKE. MARX – EISENSTEIN – DAS KAPITAL
von Alexander Kluge (D 2008), 570 Min

1927 notiert Sergej Eisenstein: „Der Beschluß steht fest, das Kapital nach dem Szenarium von K. Marx zu verfilmen.“ Diese Herausforderung, so glaubte Eisenstein, würde die Filmkunst von Grund auf verändern. Ihm schwebte die Anwendung völlig neuer, von James Joyces Ulysses abgeleiteter Formen vor: „faits divers“, „emotionale Konvolute“ und Reihen „dialektischer Bilder“.
Eisenstein hat diesen Film nie gedreht; 81 Jahre später setzt Alexander Kluge mit einem neunstündigen Filmepos dem größenwahnsinnigen Plan ein Denkmal und komponiert eine vielstimmige Annäherung an Marx’ Hauptwerk und Eisensteins nicht realisiertes Projekt. Unterstützt wird er dabei von Dietmar Dath, Hans-Magnus Enzensberger, Durs Grünbein, Hannelore Hoger, Oskar Negt, Sophie Rois, Helge Schneider, Peter Sloterdijk, Joseph Vogl, Tom Tykwer und vielen anderen.

in deutscher Sprache

SONNTAG, 27. JUNI:

ab 10 Uhr, Großes Haus
Panel 4

GOLDEX POLDEX COLLECTIVE: EVENT IN THE ICEBOX. THE CARNIVAL OF SOLIDARITY (1980-81) AS AN OUTBURST OF POLITICAL IMAGINATION
Goldex Poldex aus Krakau, Polen ist eine voluntaristische Assoziation einer unbegrenzten Anzahl von Mitgliedern, eine hybride Gemeinschaft, ein Hobby-Kunst-Projekt-Raum und ein Graswurzel-Think-Tank. Ohne Kapital- oder Staatsförderung mischt es Kunst, Theorie und Praxis. Auf der Konferenz repräsentiert durch Kuba Majmurek (politischer Theoretiker), Kuba Mikurda (Psychoanalytiker), Janek Simon (visueller Künstler) und Janek Sowa (Soziologe).

G.M. TAMÁS: COMMUNISM ON THE RUINS OF SOCIALISM
G. M. Tamás, Dissident, Führungsfigur der Ungarischen Grünen Linken, Philosoph am Institut für Soziologie und Sozialanthropologie der Central European University Budapest, Präsident des Philosophischen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Publikationen u.a.: Les Idoles de la tribu (1989), What is Post-fascism? (2001), Ein ganz normaler Kapitalismus (2007).

in deutscher und englischer Sprache, Simultanübersetzung

ALAIN BADIOU: LE SOCIALISME EST-IL LE REEL DONT LE COMMUNISME EST L’IDEE?
Alain Badiou, Philosoph, Mathematiker, Dramaturg und Romancier, Professor em. für Philosophie an der ENS und am Collège International de Philosophie (beide Paris). Neuere Publikationen in deutscher Übersetzung: Logiken der Welten (2010), Ist Politik denkbar? (2010), Die kommunistische Hypothese (2010).

in deutscher, englischer und französischer Sprache, Simultanübersetzung

Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds, die Rosa-Luxemburg-Stiftung, die Éditions Lignes und das Institut Français.   

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Programmheft
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