Lesen: Haus Bartleby (Hg.) „Das Kapitalismustribunal – Zur Revolution der ökonomischen Rechte (das rote Buch)“

Buchpremiere mit den Herausgebern vom Haus Bartleby, Lars Distelhorst, Achille Mbembe, Ingrid Gilcher-Holtey, Volker Lösch und Peter Engelmann (Passagen). Lesung, Live-Schaltung und Diskussion


Mit Texten u.a. von Saskia Sassen, Wolfgang Nešković, Angela Richter, Alain Badiou, Volker Lösch, Nis-Momme Stockmann, Unsichtbares Komitee, Guillaume Paoli, Ilija Trojanow, Achille Mbembe u.v.a.

»Hat er was rausgekriegt?«

Fragte der arme Grenzposten im Brecht‘schen Gedicht den Weisen auf dem Weg in die Emigration. Heute wissen wir, dass das weiche Wasser in Bewegung mit der Zeit den harten Stein tatsächlich besiegt: »Du verstehst, das Harte unterliegt!«

Im Meer der Postmoderne können Flüchtlingskinder zugleich gerettet werden und ersaufen, Fakten vorkommen oder weggelassen werden, Medienbetriebe die Wahrheit schreiben oder lügen. Die Post-Faktischen beschimpfen die Lügenpresse, die Lügenpresse die Post-Faktischen. Beide haben sich letztlich vom Anstand verabschiedet – die einen völlig, die anderen total.

Intelligenz, Jugend und Arbeiterschaft Europas werden indessen staatlich verprügelt, weil sie nicht für immer weniger Geld immer mehr arbeiten wollen, nur, um mit dem erbärmlichen Lohn steigende Mieten an fürstliche Großeigentümer*innen abzuführen. Was zu essen gibts im Discounter.

Es trifft auch kein Laotse mehr auf den armen Zöllner, wie bei Brecht, der ihm das Wissen abverlangt. Der neoliberale Utopist hat sich vollständig selbstverwirklicht und dabei ganze Arbeit geleistet. Und ganze Arbeit heißt in dem Fall: Öffentlichkeit und Wissenschaft dem Zwang einer technischen Moral geopfert.

Die »Alternativlosigkeit« der globalen Dystopie kommt mit pharaonischem Service-Gehabe, Wellness-Terror, verlogenen Karriereoptionen – und ungezählten Toten. Es ist eine mörderische neo- und linksliberale Harmonie, die immer unerträglichere »Große Koalitionen« bildet, zuletzt zwischen Wallstreet und Occupy Wallstreet, Bernie Sanders und dem Clinton-Clan, Grünen und Kohle-Industrie, Linkspartei und Seeheimer Kreis und so weiter und so weiter. Im Blick zurück entsteht: Die Neoliberale Epoche. Nun wollen sie alle gemeinsam ins Wasser gehen – und alle müssen mit!

Da kann man nichts machen!

»Es ist Borg!«, flötet der sympathische linksliberale Konzernrekrut von der Regierungs-NGO am Telefon, denn da kann man nichts machen. Ökologie ist sein Thema: Er träumt vom eigenen Schrebergarten (Tomaten ziehen!), und kämpft für ehrenamtliches Urban Gardening als Ansatz zum Ansatz der Klimakatastrophe. Sein Herr Papa wählt inzwischen wieder abwechselnd SPD und NSDAP: »Lecker Katastrophe rot-braun, einmal weltweit, einmal aus der Region. Ganz natürlich zum einpacken, bitte!« Über der letzten Kartoffel-Datscha wird das Konterfei von Judith Butler wehen.

Was finden wir also vor am Ende der Neoliberalen Epoche? Gibt es nur noch jenen esoterischen Linksliberalismus, der sich mit einem Neoliberalismus verpartnert hat, der sich mit aller Gewalt des Rechtsstaates durchsetzt, bis es zum großen Krieg kommt? Der nichts mehr machen, sondern nur noch Fragen stellen kann und die Lösung im Kleinen, in der biedermeierlichen Privatheit anstrebt? Zur Not auch nachts im Rinnstein, die Sozen schicken einen (in Zahlen: 1) Kältewagen durch Berlin? Vielleicht noch was Kleines für die Kinder?

Doch die Wirklichkeit ist noch viel schlimmer. Margaret Thatchers Diktum »There is no such thing as society« hat sich als selbsterfüllende Prophezeiung erwiesen. Im Reigen der postmodernen Zeichenwelt, die keinen Anfang und kein Ende kennt, verrinnt das menschliche Leben auf der Erde als ornamentales Erbe des finalen Sieges der Alternativlosigkeit. Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen.

Im Jahr 1972 legten die Wissenschaftler des Club of Rome ihren Bericht über die Entwicklung des Klimas auf der Erde vor. Sie extrapolierten die weitere Entwicklung auf der Erde, sofern kein grundlegender ökologischer und sozialistischer Umbau der Wirtschaftsweise nach dem Stand der Wissenschaft in Gang gesetzt würde. Seither sind 44 Jahre vergangen, 23 Cop-Gipfel und mindestens ein halbes dutzend Atom-Ausstiege.

Grüne Parteien sind seither in Krieg gegen immer neue Hitler-Reenactments gezogen, Liberale haben die Utopie des Marktes an den Kapitalismus verkauft und Sozialdemokratinnen aller Länder die Armen bis über den Anschlag verarmt, selbstverständlich um die Armen zu retten.

Der Bericht an den Club of Rome, die Methodiken und Prognosen trafen zu. Wir können uns also, wenn wir nocheinmal 44 Jahre weiterdenken, inzwischen auf die vollständige Katastrophe vorbereiten, und das heißt, liebe Kinder, soetwas Ähnliches wie die Sintflut. Nur eben ohne Arche, ohne den lieben Eisbären, ohne den Panda, den sympathischen Bernhardiner-Mischling des Nachbarn – und auch ohne Futzi, mein Schatz!

Madame Tepco hat sich inzwischen bereit erklärt, sich zum vierten Mal zur Kanzlerin wählen zu lassen, und ein hinreichendes Pack wird sich auch wieder an die Urne begeben. Keiner weiß warum, Hauptsache irgendwie gegen Rechts: Die Großmutter hat noch die Lichtbildchen vom schneidigen SS-Offizier auf dem Dachboden, und er sah ja auch heiß aus.

Außer einem dicken, blonden Amerikaner, der mit der langen schwarzen Limousine und einem dicken Sack voller Jetons das runtergekommene Spielcasino betritt, besteht kein Anlass zur Hoffnung mehr. Und das bedeutet, es besteht wirklich gar kein Anlass zur Hoffnung mehr: Der große Krieg wird kommen. Die Menschheit ist fertig. »And I like to watch!«, sagt der Dicke.

Angela Merkel und die BRD sollen jetzt strategisch zum Licht der westlichen Welt aufgebaut werden, auf dass Europa weiterhin nach deutschen Antlitz werde. Die neoliberale Nomenklatura will sich also zum nächsten Medienereignis hinüberretten, denn scheitert die globale Dystopie, in der wir bereits heute leben müssen, dann scheitert auch immer noch was Anderes ganz doll. Mit anderen Worten: »Vollstreckt unseren Willen oder hier fliegt gleich alles in die Luft!«

Damit Sie nicht schon wieder sagen, Sie hätten von nichts gewusst, haben die exquisiten Lobbyisten vom Berlin-Neuköllner »Haus Bartleby – Zentrum für Karriereverweigerung« das Kapitalismustribunal erfunden. Ein ziviles Gerichtsverfahren über das ethische Maß, wissenschaftliche Evidenz mit gültigen Urteilen. Legitimität und Gesellschaftlichkeit kehren zurück, sobald diese umgesetzt wurden.

Nach der ersten Gerichtswoche und der Gründung der Siebten Internationale in Wien befindet sich das Verfahren derzeit in der Schwebe. Die rot-rot-grünen Förderer sind sich nicht sicher, ob es die Welt da draußen wirklich gibt. Die warmen Häppchen sind derzeit noch so lecker. Äh, was hatten wir noch gleich rausgekriegt?

Der Abend der Berliner Buchpremiere beginnt mit einem Gottesdienst zu Ehren Margaret Thatchers (»Dein Reich komme«), sowie einem Zitat von Walter Benjamin.

Tickets kosten 6,- Euro.

  

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