Der Kaufmann von Berlin

von Walter Mehring


6. September 1929: Die Uraufführung des Kaufmann von Berlin in der Piscator-Bühne am Nollendorfplatz ist der politische Skandal auf der Bühne. SA marschiert vor dem Theater, Goebbels schreibt eine Hetzschrift gegen Mehring: „An den Galgen!“. Die Presse fällt über Mehring her, projüdische Agitation wird ihm genauso vorgeworfen wie antisemitische Hetze. Galizische Juden, preußische Wirte, Kleinkriminelle, Generäle, Freikorpsschläger, Wirtschaftsbosse und Anwälte bilden das Panorama von Walter Mehrings Kaufmann. Die Volksbühne unternimmt die Wiederentdeckung des heute so gut wie vergessenen Schriftstellers – neben Tucholsky der wichtigste Satiriker der Weimarer Republik. Wer Mehring liest, liest eine Zeitung (nicht nur eine: alle), sieht einen Film (nicht nur einen: alle), wird von einem Stadtplan überfallen (nicht nur von einem), und hört, was das Berlin seiner Zeit spricht und singt, woran es sich heiser brüllt. Mehring schreibt, als schwenke er mit der Kamera Straßenszenen ab. Er spiegelt Hoch- und Umgangssprache, das Jiddische wie die Floskeln des High-Society-Kapitals, Kasinodeutsch und Gossenslang. Tucholsky: „Mehring ist der erste Flieger über Berlin!“ Kaftan, osteuropäischer Jude, steigt Anfang 1923 aus dem Zug am Alexanderplatz, 100 Dollar in der Tasche. Französische Truppen haben das Ruhrgebiet besetzt, um Reparationen einzutreiben, die deutsche Regierung wirft die Notenpresse an. Ein beispielloser Währungsverfall beginnt. In sieben Monaten büßt die Reichsmark gegen den Dollar billionenfach an Wert ein. Der Mittelstand verliert alles, Hunger herrscht, Naturalientausch bestimmt den Alltag. Rechtsanwalt und Schieber Müller treibt Kaftan an, auf die Inflation zu spekulieren. Für die 100 Dollar setzt er Seife ein, erhält dafür Speck, ein paar Windungen der Inflationsspirale später eine Bank, dann eine Mülldeponie bei Jüterbog, die sich als Waffenlager herausstellt. Kaftan avanciert in nur Wochen zum Finanzmagnaten Berlins, und wird – schwach aus Liebe zu seiner kranken Tochter Jesse – von Müller benutzt, einen Putsch rechtsnationaler Kreise zu unterstützen. Sein Kapital wird von der politischen Elite veruntreut und verprasst. 400 Jahre nach Shakespeares Shylock erscheint mit Mehrings Kaftan der Wiedergänger des Elisabethanischen Juden in seiner tragikomischen Figur. Schauplatz ist (wie schon in Castorfs Inszenierung Berlin Alexanderplatz nach Döblin) die Stadt, im Zentrum das Scheunenviertel und die Grenadierstraße, die mit der Volksbühne am Bülowplatz die Schmuddelecke der Hauptstadt bildet. Auf engstem Raum radikalisieren sich die politischen Lager: Kommunisten und jüdische Emigranten, rechtsnationale Gruppierungen und illegale Schwarze Reichswehr, die das Milieu der späteren Nationalsozialisten bestimmt.
Frank Castorf inszeniert dieses mit der Geschichte der Volksbühne und der politischen Theatermoderne um Piscator verflochtene wuchtige Stück. Der Geist einer Stadt, heterogen, widersprüchlich, grell, am Vorabend der zivilisatorischen Katastrophe, die jüdisches Leben radikal vernichten sollte, wird aufs neue auf der Bühne entfesselt.   

Mit: Kathrin Angerer, Bärbel Bolle, Margarita Breitkreiz, Marc Hosemann, Dieter Mann, Sophie Rois, Mex Schlüpfer und Volker Spengler

Regie: Frank Castorf
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Sebastian Kaiser

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