Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz
 
 
 

Gedenken 3000

Gedenken 3000 - Ein Abend für Christoph Schlingensief am 6. November 2010 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Thomas Aurin

Soziale Plastik

Den fröhlichen Ekel oder die notwendige Selbsthysterisierung, nach Alexander Kluge Voraussetzung einer kreativen anarchischen Potenz, hat Christoph Schlingensief gelebt. Wichtig vor allem zu lernen ist Einverständnis: Schlingensief war ein Einverstandener, einverstanden wie der Künstler sein muß mit dem Material, das die Gegenwart bietet, wenn er sich in die Verhältnisse begibt, die sind, wie sie nicht sein dürfen. Marcus Steinweg, Philosoph, erkennt im Künstler das Subjekt der Überstürzung: „Wer einverstanden ist, erkennt die Gegenwart an, aber er stimmt ihr nicht zu. Er riskiert einen Realitätsbezug ohne Wertung. Er ist einverstanden mit der ursprünglichen Wertlosigkeit des Realen, denn das Reale ist zunächst nichts als das Maßstablose. Es ist, was jeden Maßstab übersteigt.“ Der Maßstab für den Künstler ist der Schmerz, er heilt sich, in dem er Kunst macht, er macht sich zum Gegenstand der Kunst, und wenn er krank wird, wird die Krankheit Kunstgegenstand. Die Kunst ist das Äußerste, danach kommt der Tod. Einverständnis mit dem Gegenstand ist die Voraussetzung von Kunst. Wer sich dem Konflikt stellt, macht sich selbst zum Material, er stellt seine Welt gegen die Welt, eine Realität gegen die andre. Die Realität der Kunst ist Utopie, sie hat tatsächlich keine Chance. Kunst ist die Traumwelt, ohne die wir Kannibalen sind; daß sie von Gestörten mit der Empfindlichkeit von Blutern gezeugt wird, hat Gottfried Benn auf Rezeptpapier geschrieben. Der Künstler, wenn er deutsch ist, ist am stärksten, wenn er einsam ist oder der rasende Kleinbürger, der Österreicher Hitler unsrer größter. Schlingensief hat das Phänotypische des Weltenschaffers und –zerstörers mit fröhlicher Abscheu am äußersten Rand der Wirklichkeit inspiziert. Walter Benjamin, den vielleicht kein Höllenkreis (keine Wolke) von Schlingensief mehr trennt (wir müssen uns um ihn nicht sorgen, der Katholik hat seinen Himmel überall), ist sein Kronzeuge: „Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, erkennen‚ wie es denn eigentlich gewesen ist“. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“ Die Gefahr des täglichen Konformismus der Warenwelt hat Schlingensief bekämpft mit der Geste des Zweiflers, der den Finger in die eigne Wunde legt vor allen; im Zeitraum seiner Krankheit und des öffentlichen Sterbens ist er der Notlage, den Opportunismus der Medien der Nachhaltigkeit der Wirkung vorziehen zu müssen, erlegen. Die Erfahrung, daß die großen Erfolge große Mißverständnisse sind, hat er mit Leib und Leben kommentiert. Das Bild der sich selber zur Nachhut gewordenen Avantgarde ist der ewige Don Quixote, der mit den Stigmata des Nazareners sein schartiges Schwert hält und damit anrennt gegen die Kreuze der Welt. Ein Selbstverbrenner, jubilierender Jan Pallach des Theaters, ein Konsumartikel, der den Konsum in die Luft jagt, ein Mann, vom eigenen Talent in Geiselhaft genommen, aus der er sein Leben lang den Ausbruch versucht hat, jetzt ist er durch. Zurück bleibt die Erinnerung an das schmeichelnde Gefühl, einer Projektionsfigur für das gesunde Mißtrauen, das durchgeknallten Ministranten gegenüber angebracht ist, beim Missionieren zugesehn zu haben. Daß Zeit auch Frist ist, kann auf jedem Grabstein stehen; gegen die Banalität im Wahren, die ein Ausdruck der Wehrlosigkeit gegen die Verhältnisse ist, hat sich Schlingensief gestemmt wie gegen den Sargdeckel, bis das Herz versagt, die Knochen brechen. Er konnte für sich in Anspruch nehmen, Heiner Müllers Setzung Kunst gegen Staat auf der Straße installiert zu haben: „Die Arbeit des Künstlers ist ein Privileg, weil sie ein Fest ist. Die Verstaatlichung des Festes oder seine Besetzung mit Ordnungsstrukturen widerspricht seinem Charakter, dem der Grenzüberschreitung.“
Der Mann, von dem die Rede ist, ist die lebende soziale Plastik gewesen, sein letzter Gegenstand der Krebs, die asoziale Plastik. Der Kampf ist vorbei, die Trümmer strahlen, keine Furcht.

Thomas Martin, 21.8.2010.

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