Das Denkzeichen. Vollelektronische Kolumne für Zeitgeist und Realitätszuwachs. Redaktion Thomas Martin

Denkzeichen XX
Frank Raddatz, 11. Juni 2012

DIE LIEBE ALS DING DES FREMDEN

Die Frage, ob Liebe etwas mit Politik oder Geschichte zu tun hat, habe ich mir bis vor Kurzem nie gestellt. Natürlich war mit klar, dass Liebe kulturell und damit historisch kodifiziert ist, aber zu fern schienen mir die Brutstätte romantischer Subjektivität und die Aufmarschgebiete der Gewalt voneinander, um hier Gemeinsamkeiten anzunehmen. Ich hätte aufhorchen sollen, als Friedrich Kittler einige Monate vor seinem Tod darauf hinwies, dass Aphrodite, die Göttin der Liebe, und Ares, der Gott des Krieges, ein – wenn auch inoffizielles – Verhältnis miteinander pflegten. War es allein mein Phlegma, das verhinderte, dem bekundeten Sinnzusammenhang von Gewalt und Liebe im griechischen Mythos nachzugehen? Oder hatte ich unbewusst jenes Axiom politischer Rationalität verinnerlicht, wie es Fritz Sternberg in seinen „Erinnerungen an Brecht“ notiert, als die beiden die Abwendung vom Liebeskonzept in den 20er Jahren als „fortschrittlich“ feierten.

Erst als mir eine von der diesjährigen documenta herausgegebene kleine Schrift „Der Preis der Liebe, den wir nicht zahlen wollen“ von Etel Adnan in die Hände fiel, dämmerte es langsam. Nach dem Epochenbruch von ’89 sucht die Philosophie mal mehr, mal weniger verzweifelt, doch fast immer vergeblich, nach Lücken und Rissen im verschlossenen historischen Horizont. Die Liebe ist eine der seltenen Öffnungen. Gerade weil wir nicht wissen, was Liebe eigentlich ist. Plötzlich wie unerwartet tritt sie als autonome Himmelsmacht an uns heran und verändert die biografische Landschaft unwiderruflich. Danach wird es nie wieder sein wie zuvor.

Die Liebe, die Hingabe an das Andere, das ein Mensch sein kann, oder wie im Fall Etel Adnans ein Berg oder der Traum von einer Revolution, jedenfalls immer etwas Undurchschautes, ist jener Störfaktor, den Heiner Müller in seinen letzten Jahren wieder und wieder beschwört. Die Hingabe eröffnet einen Raum des Risikos, wo Panikschübe das Kraftfeld der Metamorphose aufladen. Eine Insel der Unordnung, auf der es existentiell zugeht und, wie Romeo und Julia zeigt, womöglich mit tödlichen Konsequenzen. Liebe ist keineswegs harmlos. Ihr Verlangen ist radikal. Das Herz ist nicht regierbar, das zeigen „Antigone“, die ihr Leben für die Trauer um ihren Bruder gibt, oder „Der Horatier“, wo ebenfalls gestorben wird – um der Liebe zu einem Getöteten willen. Gegen den „staatlichen Zugriff auf die Toten“, nach Müller die politische Ursünde, rebelliert die Liebe. Sie ist ein Ultra und das Herz ist die Heimstatt des Fremden in mir.

Ins Ästhetische übersetzt entspricht die Liebe dem Schönen, gerade weil sie das Fremde ist, das uns bekanntlich wieder und wieder Angst macht. Weil die Liebe Ausdruck des Fremden ist, besitzt sie nach einem Wort Tolstois stets etwas Verstörendes. Wenn Heiner Müller einen Text Becketts als Ding apostrophiert oder eine gelungene Inszenierung mit einem Nilpferd vergleicht, insistiert er auf eben diesem Verstörungs- und Irritationspotential. Das epische Theater beruht auf der Überzeugung, dass die wirklichen Verhältnisse sich dem Augenschein entziehen, wie es bereits Galilei in der Renaissance für die Beziehungen der kosmischen Konstellationen nachwies. Um der Wahrheit näher zu kommen, braucht es des fremden Blicks. Dieser fremde Blick aber, den das epische Theater provozieren möchte, ist zutiefst dem Schönen verbunden. Der späte Heiner Müller weiß darum: „Theater muß schön sein. Auch wenn Du Grauen darstellst oder Brutalitäten darstellst: es muß schön sein, sonst ist es nicht fremd. Das Fremdeste in unserer Realität ist die Schönheit. Und das ist die größte Provokation.“ Wie das Fremde und das Schöne unauflöslich verbunden sind, führt ein Weg von der Liebe zum Fremden.

Sowohl Heiner Müller, Friedrich Kittler wie Etel Adnan ist die Beschäftigung mit Krieg, dem Grauen und dessen traumatischen Wirkungen zentral. Wo Rilke das Erschrecken vor dem Heiligen und nicht-menschlichen Wirklichkeiten postuliert: „Das Schöne ist des Schrecklichen Anfang ...“, verändern sie die Laufrichtung, bis die Auseinandersetzung mit der Gewalt Kittler und Adnan schließlich in das Universum der Vorsokratiker führt. Hier gilt: Das Gegenteil von Krieg ist nicht Frieden sondern Liebe. Eine aktive kosmologische Kraft. Physikalisch bestimmt das Prinzip der Anziehung das Verhältnis der Körper. Dem entspricht als Haltung die Bereitschaft, sich auf den oder das Andere einzulassen und gegebenenfalls über den eigenen, auch kulturell konnotierten Schatten zu springen. Ästhetisch gesehen ist die Lust am Wagnis dem Rausch der Metamorphose verwandt. Also eine Erfahrung der Fremdheit. Von wegen Authentizität. Zu Recht moniert Jean Baudrillard, dass das fraktale, mit sich selbst identische Subjekt statt dem Anderen das mit sich Identische in den Fokus rückt. Ohne den Bezug zum Anderen wird das Ende der Leidenschaften, von Roman und Drama und wohl auch von großer Politik eingeläutet. Ende der Szene, Beginn des postdramatischen Theaters.

In der Ära des Neoliberalismus entbirgt die Liebe ihr subversives Potential. Die leidenschaftliche Hingabe an das Unwägbare lässt sich keineswegs mit „win win“ erfassen. Ganz im Gegenteil haben wir es mit einer exklusiven Form und Verschwendung von Zeit, Energie und mitunter auch Leben zu tun. Liebe ist ein Risikofaktor, den es nach der Lesart des Zeitgeistes zu minimieren gilt, und den man glücklicherweise nicht in Bad Banks auslagern kann. Die Bereitschaft, den Preis für die Liebe zu zahlen, aber erschließt und legitimiert Hingabe in Form des Opfers – für das Andere oder den Anderen. Ohne Liebe, ohne Bezug zum Anderen, keine Dialektik. Kein Prozess, der Offenes, auch im Sinne des Nichtvorhersehbaren, generiert, wo feste Identitäten ins Unbekannte strömen. Ich bin, der ich sein werde. Mit dem Sein oder Nicht-Sein der Liebe wird über das Menschenbild entschieden. Die Liebe, um zum Ende zu kommen, ist eben keineswegs teleologischer Natur. Sie determiniert nicht, sondern bohrt ganz im Gegenteil Löcher in das Reale, das für uns nur der verschlossene Horizont der Geschichte sein kann.


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Denkzeichen XIX
Nils Röller, 29. Mai 2012

Ixions Rad

Rhythmus R, das Rad rollt. Verführerisch verbinden die Anlaute Selbstverständliches, wäre da nicht das Logo der Volksbühne. Es zeigt ein Mischwesen, eine Verbindung von Mensch und Gerät, die den Lauf von Laut und Rad verquert. Kopf und Rumpf sind auf ein Rad mit sechs Speichen reduziert, das Beine benötigt, um vorwärts zu gelangen. Doch in welcher Richtung? Etwa von links nach rechts in der europäischen Leserichtung? Der Suggestion von Anfang und Ende folgend? Sich dem Vektor anpassend, der Christi Geburt im Jahre Null linker Hand passiert und zur Apokalypse führt, dem Kollaps des Lebens in naher Zukunft rechter Hand?

Trickfilmartig, keck zeigt das Logo Füße und Beine, die im Begriff sind fortzuschreiten, als ob ein Verweilen für Mischwesen dieser Art töricht wäre. Als ob es opportun wäre, sich in Richtung eines allgemeinen Fortschritts fortzustehlen, der sich trotz größter Katastrophen technischer Raffinesse (Fukushima, Hiroshima, Auschwitz … Troja) in seiner Richtung nicht beirren lässt. Wären da nicht verdächtige Winkel zwischen Beinen und Füssen zu sehen, die ein Austreten, ja einen Rücktritt andeuten, einen Schritt zurück in den Grund hinter und jenseits der Furche der Zeilen- und Leserichtung und der Fragen nach Ursprung und Ende.

Wahrscheinlich ist, dass die Urheberschaft des Rads unbekannt bleiben wird. Wie Feuersteine, Sprache, Schrift, Brücke, Segel, Sonnenuhr und Kompass ist die Erforschung der Anfänge dieser technischen Entwicklung Gegenstand der anonymen Geschichte. Sie untersucht das Zusammenwirken vieler anstelle einzelner heldenhafter Urheber, im Unterschied beispielsweise zu Schedels Weltchronik. Sie nennt Erictonius, „Fürst der Athener“, den Erfinder des Wagens und zeigt ihn mit einem Speichenrad. Das ist unglaubwürdig spät und steht im Widerspruch zu anderen verbreiteten Postulaten der Urheberschaft. Der Titan  Prometheus zum Beispiel erklärt sich in der Tragödie des „Gefesselten Prometheus“ (Pseudo-Aischylos) auch für die Gabe des Wagens verantwortlich. Diese hält er neben Feuer, Schrift und Zahl für erwähnenswert, nicht aber das Rad. In mythischen Zuschreibungen wird die Erfindung von Wagen und Rad gleichgesetzt und dabei werden allmähliche Prozesse, an denen Gruppen mitwirkten, auktorial unterdrückt. Vermutlich liegen Jahrtausende unzähliger Versuche und langwieriger Beobachtungen zwischen der Erfindung von Rad und Wagen.

Ob die Sonne, rollende Steine, Lawinen oder die Rotation von Spindeln und Töpferscheiben die bewegten Vorbilder für die Konstruktion des Rads waren? Freude am Betrachten, Lust, sich Bewegungen in der Außenwelt anzueignen, zu verändern und anders laufen zu lassen als sonst, können die Entwicklung angetrieben haben. Unbeholfen werden sie gewesen sein, die frühen Umlenkungen der räumlichen Richtung und unbeherrscht wie sie waren, konnten sie erst in allmählichen Prozessen fokussiert werden. Schleifen, Begradigen von Spurbahnen, wie sie Schlitten hinterlassen, Zentrierung von Achsen sind Prozesse der Fokussierung von Absichten und der Bändigung auseinander laufender Bewegungen. Die Bändigung widerstrebender Kräfte, ihre Formung durch das Gefüge von Rad, Wagen und Weg lässt das runde Gerät auch als Instrument und Emblem der Strafverfolgung und Folter relevant werden.

Ixion, wie Prometheus und Sisyphos eine der Büssergestalten in der griechischen Mythologie, wird auf ein Feuerrad gebunden, als Strafe für den Frevel, Zeus‘ Gattin verführen zu wollen. Die Tat wurde durch Täuschung verhindert. So begattete er nicht Hera, sondern die Scheinfigur Nephele. Sie wurde die Mutter der Zentauren, von Mischwesen zwischen Mensch und Tier, deren Vater Ixion ewig an ein brennendes Rad gekettet über den Himmel rollt. Die Gliedmassen des Volksbühnenlogos führen demnach ein Vehikel göttlicher Macht und Strafausübung von dannen? Das ist unwahrscheinlich, denn das Radmenschwesen scheint inmitten einer hurtigen Bewegung inne zu halten.

Die Speichen weisen auf einen mittleren Zustand der technischen Entwicklung hin, dem Stadium zwischen dem Scheibenrad, als Symbol holpriger Vorgeschichte und dem Zahnrad als Emblem der Mechanisierung und fortschreitenden Koppelung zwischen Mensch und Maschine. Als Zwitterwesen zwischen Speichen- und Zahnrad visualisiert der Schweizer Architekt Fritz Haller in seinen Entwürfen zur „Totalen Stadt“ Wohngebiete. Seine planerische Spekulation ist ethisch, weltbürgerlich motiviert. Haller projektiert die Möglichkeit, Wohnraum für zehn Milliarden Menschen mit dem Recht auf Bewegungsfreiheit und gleiche Lebensqualität zu vereinbaren. Das Volksbühnenrad müsste auf diesen Weg zur globalen Gleichverteilung mittels kybernetischer Programmierung erst gesetzt werden. Kaum zu glauben, dass das Rad in einer solchen Bahn rollen sollte.

Was aber dann? Soll das Rad zur Reparatur befördert werden? Dafür scheint es zu wenig fehlerhaft. Für den Weg in das Depot der Technik- und Wissenschaftsgeschichte ist es zu wenig spektakulär und typisch, auch müsste es dazu durch Verpackungen geschützt werden. Statt auf dem Weg in eine sichere, würdige Verwahrung scheint das Wesen sich eilig von dannen machen zu wollen, als ob es irgendwo am Rande vom allgemeinen Weg abweichen soll, aber warum? Um einen Strafvollzug zu verhindern oder ein Überlebensmittel zu basteln oder um als reines Mittel erkundet zu werden, das durch Stammeln, Stottern und Stocken entfaltet wird? Für letzteres möchte ich plädieren.

Denn für die technischen Mittel steht noch aus, was Literatur und Kunst als Widersacher von Staatsapparaturen geleistet haben: Gegenüber den festen Relationen und Zweckzuweisungen tastende Praxen zu entfalten. Analog zur kleinen Literatur lassen sich stotternde, schlingernde Fahrweisen mit Rädern, Artefakten aller Art praktizieren, die Einsichten in Wege hinaus aus den Sachzwängen der Megamaschinen bieten, die wie jüngsten größten anzunehmenden Unfälle in Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima, uns betreffen: Jedes Rädchen, das wir an einem Gerät drehen, jeder Suchbefehl, den wir im Internet starten, verkettet uns als Stromverbraucher mit einem Gefüge, das diejenigen, die es betreiben, nicht beherrschen.


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Nils Röller ist Professor für Medien- und Kulturtheorie an der Zürcher Hochschule der Künste, dort auch im Leitungsteam der Vertiefung Mediale Künste. Seit 2006 ist er Herausgeber des Journals für Kunst, Sex und Mathematik (gemeinsam mit Barbara Ellmerer und Yves Netzhammer (www.journalfuerkunstsexundmathematik.ch). Er arbeitet zum Verhältnis von Instrument, Medialität und Wirklichkeit, zuletzt: Empfindungskörper – Zur indirekten Erfahrung. (Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2012).
 

Denkzeichen XVIII
Ricarda Bethke, 7. Mai 2012

KOMMENTAR SELBSTMORD

Alles Lebendige entsetzt sich vor dem Tode. Das Thema ist ein entsetzliches.

Der öffentliche Selbstmord gilt als Signal, als letztmöglicher Widerstand, die Selbstverbrennungen, das japanische Sepukku/Harakiri. Selbstmordattentate. Was sind das für Menschen, die mit ihrem Selbstmord auf laute Weise protestieren, auf etwas aufmerksam machen wollen und dabei andere mit töten, dazu überzeugt, geworben, gedopt, gekauft und gezwungen werden? Was ist das für ein Wahn? Sie erreichen Hass oder Bewunderung, Schrecken oder Dankbarkeit, Ruhm oder Ehre? Ich war vierzehn Jahre alt, da bekam ich ein Buch über den Gardeschützen Matrossow von der Schule als Auszeichung geschenkt. Diesem Matrossow sollte und wollte ich dankbar sein, der sowjetische Soldat warf sich mit Granaten unter einen deutschen Panzer, er wurde einer der Helden des Großen Vaterländischen Krieges. Ich las das, und die Vorstellung davon entsetzte mich. Das ist das Misstrauen gegenüber Ruhm und Ehre. Der Selbstmord als Opfer soll kein Weg zum Ruhm sein. Niemand soll durch eine Selbstmord-Verklärung herrschen können. Selbstmord, nicht Selbsttötung, soll es meiner Meinung nach weiterhin heißen. Sonst vertäusche ich mir das nicht besiegte Gesetz, dass Menschen durch Mord an anderen überleben. Jeder Tod ist ein Mord, sagt Pasolini, mir scheint das sehr einsichtig. Auch der Selbstmord ist ein Mord. Er hat seine Gründe, und diese Gründe liegen doch deutlicher außer uns, als das Wort s e l b s t vermuten lässt. Majakowski hatte 1930 fünf Gründe, sich zu erschießen, mindestens drei davon lagen außer ihm. Als um 1774 junge Männer Goethes Werther lasen, erschossen sich einige, weil das Buch ihnen über ihre Lage die Augen öffnete. Das sei die Nachahmung, heißt es, je berühmter das Vorbild, desto mehr Nachahmer, auch Marilyn Monroes Suizid folgten viele. Der Schweizer Presserat hat eine entsprechende Leitlinie und warnt: „Wegen der Gefahr der Nachahmung sind detaillierte Berichte über Suizide und Suizidversuche zu vermeiden.“ Es gibt ansteckende Hysterien, Selbstmordserien, fast Wettbewerbe. Wer es schafft: „200 Tabletten muss ich zusammen sparen, dann schaffe ich es, ich habe schon drei Mal Suizid gemacht“, sagte 1989 zu mir ein junges Mädchen, fast stolz, das war eine Programmiererin aus der untergehenden DDR. Sie hat es geschafft, sie hat es nicht öffentlich gemeint, aber sie hat einen Freund nachgeahmt. Die Ungarn, die ich 1966 traf, waren fast stolz auf eine gewachsene Selbstmordrate seit dem Aufstand von 1956, ihnen galt das als Zeichen des Protestes. Das dumpfe Geraune vom „reihenweise ins Wasser gegangen“ oder „sich in der Scheune aufgehangen“, das nahte mir als langer Schatten der Geschichte in Berichten aus dem Jahre 1945 von den Gütern in Pommern. „Die Russen kommen, wir bringen uns um.“, ganze Familien haben sich in einem See ertränkt, in dem ich 30 Jahre lang gebadet habe, das weiß ich erst jetzt genauer und sehe den Seespiegel mit anderem Blick. Immer erfahre ich mit tiefem Schrecken von Selbstmorden. Die Wirklichkeit, die Presse, die Literatur sind voll davon. Als ich neulich im BAT ein Stück sah, „Das Projekt bin ich“, erhoben sich drei von sieben Darstellern auf die Frage hin, in wessen Familie es Selbstmorde gab.

Heute und hier sei einer der Hauptgründe die Depression. Also nicht die Welt sondern das Bewusstsein von der Welt sei kaputt. Ich kenne das. Nichts tut am Körper weh, und es tut doch so weh, dass man  weg will, unbedingt verschwinden, fliehen vor einem unaushaltbaren Bewusstseins-Schmerz. Die Kapsel, die Droge, die Tablette, die Technik mit dem Jagdgewehr in den Mund, das ins Wasser Gehen mit Steinen in den Manteltaschen, der haltbare Strick. So was wird erwogen und ausgeführt eines unaushaltbaren realen Zustandes wegen, oder schon wegen der Vorstellung von einem unaushaltbaren Zustand. Bei den stilleren Selbstmorden, von denen ich in der Familie oder unter Freunden erfahren habe, die kein Zeichen sein sollten, die einsame Verzweiflung waren, da kommt die tiefe Unzufriedenheit mit sich selbst dazu. Man verzeiht sich etwas nicht, selber nicht, wenn man sein Verschwinden vor der Zeit herbeiführt. Es ist für niemanden leicht zu sterben, von der Erde wieder herunter zu müssen. Wenn ich eine gewisse Chance haben sollte, selber dafür Verantwortung zu tragen, wann das sein muss, dann wäre das doch gut. Oder sollen Geburt und Tod die Augenblicke bleiben, die über uns bestimmen ganz ohne unseren eigenen Willen, und das ist dann sogar tröstlich?


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Denkzeichen XVII
Piet Felber, 23. April 2012

BE ROSA-LUXEMBURG-PLATZ!

Vieles ist da geschrieben worden, alles ist da geschrieben worden. Das wollte ich zunächst nicht glauben, angesichts der unterkomplexen Beiläufigkeit und der weit verbreiteten Nonchalance, mit der der Begriff durch Randspalten geistert und auf offener Straße gegen Menschengruppen verwendet wird (genau genommen waren wir zu zweit, als man uns als Hipster beschimpfte; im Mondschein, außerdem schon fast nicht mehr im Norden, vielmehr im Zentrum Neuköllns, mitten auf der Sonnenallee, passenderweise nach dem Besuch eines Clubs).

Tatsächlich hat der Begriff des Hipsters schon seit geraumer Zeit auch in der seriösen Debatte eine gute Konjunktur (was man darüber hinaus in den Abgründen des Internets für Auslassungen findet, sei vernachlässigt – obwohl auch das ein guter Indikator für die Intensität des Diskurses ist). Und doch verdient die derzeitige Frontstellung zwischen Hipstern und jenen, die sie kritisieren und beschimpfen, weitere Aufmerksamkeit. In Berlin hat sich dieser belanglose Konflikt zugespitzt und erreicht eine politische Dimension.

Der verdächtige Suhrkamp-Band „Hipster. Eine transatlantische Diskussion“ sieht im gleichnamigen Protagonisten einer vermeintlichen, flüchtigen Subkultur stellenweise tatsächlich eine Sozialfigur, die nicht nur als ästhetisches Phänomen aufgefasst und abgehandelt wird, sondern als das Symptom sozialer und wirtschaftlicher Bedingungen (Verdächtig kommt mir der Band übrigens aus zwei Gründen vor: Seine seltsame Aufmachung – das neon-grüne Buch sieht aus wie ein Suhrkamp-Band auf Acid –, und weil die Autoren darin vorgeben, dass ihnen die Innenansicht auf das Hipster-Phänomen komplett abgehe).

Problematisch sind der Import des Begriffes in den deutschen Sprachgebrauch und die hiesige Debatte allemal: In Amerika hat der Hipster, so wie ihn Mark Greif in seinem Essay „Nachruf auf den weißen Hipster“ beschreibt, eine ethnische Dimension – da es sich, jedenfalls zu Beginn der Nullerjahre –, um Weiße handelte, die ihr Weiß-Sein durch ihr Erscheinungsbild und ihre Lebensweise ironisch gebrochen betonten. Und dies aus einer Minderheiten-Konstellation heraus, denn in den urbanen Bereichen, die der Hipster sich erobert hatte (vor allem New Yorks Lower East Side oder der Stadtteil Williamsburg), war er gegenüber Puerto Ricanern oder Schwarzen in der Minderheit.

Hier und jetzt wird der Begriff auf ein irritierendes Bündel von Typen angewendet, denen man zu 90 Prozent unrecht tut, wenn man sie als unpolitische, konsumgeile und distinktionswütige Hipster beschimpft. Genannt sei ein in Berlin massiert auftretender Sozialtypus, der in der Soziologie auch hinlänglich beschrieben und fundiert wurde: den „Kreativen“. Man sollte sich durch die Bezeichnung nicht davon abschrecken lassen, sich mit der Figur näher zu beschäftigen.

Es geht um jene, die in Zeiten der Dauerkrise aus wirtschaftlicher Not mit kulturellen Mitteln eine Tugend machen, aus „subkulturellem Kapital“ wirtschaftliches Kapital zu schlagen versuchen, und dies nicht aus Lust und Laune, sondern mangels Alternativen. Im weniger verdächtigen Suhrkamp-Band „Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialtypen der Gegenwart“ entwirft der Kultursoziologe Andreas Reckwitz den Kreativen als Kulturproduzenten aus libidinöser Selbstverständlichkeit, der sich aber gleichzeitig auf einem Markt behaupten muss. Er beschreibt ihn als ein für unsere Zeit typisches, durch und durch „hybrides Subjekt“.

Der Kreative hat zweierlei zu bieten: Er liefert einerseits gegenkulturelle (in ihrer ersten Dimension vor allem ästhetische) Anknüpfungsangebote für die nachrückenden Generationen, und andererseits kann die Politik seinen hohen Unabhängigkeitsanspruch instrumentalisieren. „Be Berlin!“ ist die Aufforderung, den Spirit prekärer Lebensverhältnisse (vgl.: „arm aber sexy“) als solchen zu akzeptieren – und nicht als Zumutung. Und er lädt alle ein, mitzumischen in der Stadt, der Stein gewordenen Verheißung. Sie wird einen schon auffangen. Das Künstlerische wird dabei zum Ideal nahezu aller, die man als Hipster bezeichnen kann. Und eine dauernde Abgrenzungsbewegung erscheint mir im Sinne kapitalistischer Verwertungsmechanismen nur logisch (Die Teilnahme an der Hipster-Debatte erfordert in diesem Sinne mindestens genauso viel libidinöse Energie wie darüber auf dem Laufenden zu bleiben, hinter welcher Tür sich statt eines Eisenwarengeschäfts mittlerweile eine rumpelig eingerichtete Bar findet).

Nur die wenigsten verhalten sich dabei dauerhaft wie die, die viel eher Touristen sind: Die sich der unheimlichsten Codes bedienen, die in ihren Konsumgewohnheiten dem Plebs voraus sind, aber von Papas Portmonee leben. Gegen sie richtet sich der Hass in seiner schärfsten Form, siehe die vielzitierte Neuköllner Kneipentür: „Sorry, no entry for Hipsters from the U.S.“ Der Amerikaner im Gap Year liegt in Sachen Sozialprestige mittlerweile gleichauf mit spanischen Erasmus-Studenten, die in Gruppen Clubtoiletten besetzen; er treibt Mietspiegel in die Höhe oder schafft sich gleich eine Eigentumswohnung an und befeuert den unheilvollen Gentrifizierungsprozess. Für den kann er nur sehr bedingt etwas, aber er ist einer seiner visuellen Indikatoren.

Seine Epigonen haben den Kreativen, den Ur-Hipster – den mit der Authentizität, die prekäre Verhältnisse mit sich bringen – in seiner natürlichen Umgebung längst eingeholt. Und sie sind rein äußerlich nicht zu unterscheiden: Die Künstler und Avantgarden nicht von denen, die an Projekten arbeiten, nicht von modebewussten Studenten, nicht vom Touristen. Eine Definition des Hipsters an seinem vermeintlichen Erscheinungsbild und nicht an seiner sozialen Genese unterschlägt so die Diversität derer, die das Hipster-Repertoire im Kleiderschrank haben.

Daher ist der schärfste Kritiker des Hipsters der Hipster selbst. Kennen Sie den: „Kommen zwei Hipster in eine Kneipe, sagt der eine ‚Voll Scheiße hier’. Darauf der Andere: ‚Ja, lauter Hipster.’“ Hipsterkritik, die lediglich am rein ästhetischen Phänomen ausgerichtet ist, identifiziert den Hipster anhand von: Röhrenjeans, Oberlippenbart, Hornbrille, Flanellhemd, Ray-Ban, Unterarmtätowierung, Fixie, Vegetarismus. Schuldig macht zudem der Besuch von Bioläden, Argumentieren mit Deleuze oder der Besuch eines Pollesch. Und das ist nun wirklich absurd. Weiteres wird unterstellt: Eine unpolitische Haltung, Trendsettertum, die fehlende Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Mir erscheint es allemal besser, über Moden und Umwege auch zu politischen Positionen zu finden, als aus Verweigerung, Ablehnung und Hass denen ein schlechtes Gewissen zu machen, die vielleicht auch mal im Bio-Markt eine Milch kaufen.

Mark Greif verabschiedet den Hipster im Vorwort des Buches in die Popgeschichte. Das Prinzip lebt aber unverdrossen weiter und wird stärker denn je von der politischen Ökonomie befördert. Nur die Codes und die Ästhetik werden sich ändern. Als streitbares Symptom unserer Zeit, unserer Städte treten mit ihm Zustände zu Tage, derer man ohne ihn nicht habhaft würde. Er wird daher auch im Feuilleton nicht totzukriegen sein.

Der Hipster mit Fensterglas-Ray-Ban und Röhrenjeans ist eine Karikatur dessen, was im „hybriden Subjekt“ der Gegenwart angelegt ist. Diese Karikatur zu hassen, kann nur mit Zynismus zu ertragen sein.


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Denkzeichen XVI
Mark Siemons, 9. April 2012

GUTE UND SCHLECHTE MENSCHEN IN SEZUAN

Die Theater sind in China zur Zeit nicht so toll, aber das ist nicht schlimm, denn für das, was sich in China gerade in der Wirklichkeit abspielt, ist Theater gar kein Ausdruck. Verbrechen, Revolution, Verrat, Folter, Kapitalismus, Kommunismus, Geheimdienste, U.S.A., Macht und vielleicht auch etwas Liebe sind die Ingredienzien dieses Stücks, das im Moment der ehemalige Parteichef von Chongqing, sein Polizeichef und der Ständige Ausschuss des Politbüros in Peking (neun Personen) aufführen.

Die Handlung geht, grob gesagt, so: Der Sohn eines Veteranen der Revoution stellt sich als durchsetzungsfähiger lokaler Parteisekretär unter Beweis, der sich die Kräfte des Marktes geschickt zunutze zu machen versteht. Doch um nach ganz oben zu kommen, fehlt ihm noch etwas; er muss die höchste Spitze der Partei für sich einnehmen, und um das zu erreichen, wendet er nicht die übliche Diskretion an, sondern wählt den Weg der Massen. In seinem neuen Wirkungskreis, der Metropole Chongqing, kreiert er ein eigenes Modell, das die größten Ärgernisse des Volkes zielgenau beseitigen soll. In einer beispiellosen Kampagne gegen Korruption und organisiertes Verbrechen lässt er in zehn Monaten 4781 Geschäftsleute, Parteikader, Polizeibeamte und Richter verhaften; dreizehn von ihnen werden hingerichtet. Er propagiert Umverteilung, baut Sozialwohnungen und verspricht Wanderarbeitern eine Krankenversicherung. Und er lässt die ganze Stadt auf allen Plätzen, in allen Betrieben und im Fernsehen revolutionäre Lieder singen; eine rote Kultur wird installiert, in der Mao-Zitate wieder prominent zu Ehren kommen. Eine Zeitlang scheint alles gutzugehen, viele Intellektuelle sprechen sich für das Chongqing-Modell aus, und sogar einige Mitglieder des Politbüros erweisen der Stadt ihre Reverenz. Doch dann flüchtet der soeben degradierte Polizeichef, der den Kampf gegen die Mafia dirigiert hatte, plötzlich in ein amerikanisches Konsulat und wird, nachdem er es aus unklaren Gründen wieder verlässt, in Peking in Sicherheitsverwahrung genommen. Einen guten Monat später wird der Parteichef von Chongqing seines Amts enthoben; auch mehrere seiner Vertrauten werden gestürzt, und das Fernsehen der Stadt zeigt statt revolutionärer Programme wieder Unterhaltungsserien und Werbung.

So weit das äußere Geschehen, wie es auch in den offiziellen Zeitungen steht, doch da aus den Kreisen derer, die die Fäden ziehen, nichts nach außen dringt, wird das Stück vom Volk fortgeschrieben, in Millionen Kurzmitteilungen im Internet, die über das spekulieren, was sich hinter den Mauern der Geheimhaltung abspielen mag. Jeder schreibt in das Stück hinein, was er will und was ihm die Zensoren nicht löschen. Da wird von einem Versuch gemunkel, den Parteisekretär zum Chef der gesamten Partei zu machen, von Schüssen und von Truppenbewegungen in der Hauptstadt. Manches andere scheint durch Dokumente aus verschiedenen Quellen erhärtet zu werden. Von grausamen Foltern ist da die Rede, mit der die Polizei in Chongqing Geständnisse erpresst habe, von dem Streit eines englischen Geschäftsmanns, der unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, mit der ihm gut bekannten Frau des Parteisekretärs, von dem Versuch des Polizeichefs, diesen Tod aufzuklären.

Jeder spürt, dieses Stück stellt die richtigen Fragen, und sie sind heute, am 9. April 2012, alle noch offen. Geht es überhaupt um Ideologie? Sollte es darum gehen? Was verbindet Verschwörung, Politik und Verbrechen? Wird es zum Kampf kommen? Gibt es Sozialpolitik nur als Fake? Worin könnte reale Demokratie bestehen?  Was steckt noch alles in des Menschen Herz?

In diesem Stück sind alle Zuschauer, Autoren und Schauspieler zugleich. Und wissen: Der WIRKLICHKEIT wird niemand entgehen. Das Ende des Stücks ist nicht nur ungewiss, es wird auch das ganze Land (1,3 Milliarden Personen) betreffen. Also die ganze Welt.


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Denkzeichen XV
Alexander Karschnia, 30. März 2012

WEST IN PEACE, SCHARLIEH!

Heute vor hundert Jahren verstarb Deutschlands „letzter Großmystiker“ im Alter von 70 Jahren: Karl Friedrich May alias Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi. Eine Woche vorher, am 22. März 1912 (Goethes Todestag!), hatte er in Wien einen vielbeachteten Vortrag gehalten: EMPOR INS REICH DER EDELMENSCHEN! Im Publikum saß sein größter Fan in geliehenen Schuhen: Adolf Hitler – und verstand nur „Übermensch“. Für Klaus Mann war Karl May der „Cowboy-Mentor des Führers“. Doch damals in Wien traf Karl May mit einer Frau zusammen, die in deutschnationalen Kreisen nur als „Friedens-Bertha“ beschimpft wurde: die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner („Die Waffen nieder!“, 1889). Manchmal, manchmal bedürfe der Frieden auch einer Faust, sagt die weise alte Kurdin Marah Durimeh zu Kara Ben Nemsi in einem seiner letzten Bücher, den allegorischen Romanen ARDISTAN & DSCHINNISTAN: „Ich sage Dir, mein Freund, der stolze Krieg steigt nie zum Frieden herab, um ihm die Hand zu reichen, sondern der Friede muß zu ihm empor, um ihn, der ewig widerstreben wird, herabzuschmettern. Hat der Krieg eine eiserne Hand, so habe der Friede eine stählerne Faust!“ Old Shatterhands Jagdhieb. Bertha von Suttner stirbt zwei Jahre später, kurz vor Ausbruch des „Großen Krieges“', vor dem sie ihr Leben lang gewarnt hatte. Karl Mays Auftritt in Wien gehörte zu den letzten Versuchen eines Menschen des alten Jahrhunderts, die Katastrophe abzuwenden. Vielleicht, vielleicht ist an jenem 30. März 1912 mit Karl May das 19. Jahrhundert gestorben. Der Krieg, der im Sommer 1914 durch das Attentat eines serbischen Nationlisten auf den österreichischen Thronfolger ausgelöst werden sollte, hat 1912 begonnen: Es war der „Balkankrieg“, der bald den ganzen Kontinent in Brand setzen sollte. Auch die letzten Versuche, das Wettrüsten zur See zwischen Deutschland und England zu verhindern scheiterten in diesem Jahr. Zugleich erschien im Mai die erste Ausgabe jener Zeitung, die das neue Zeitalter heraufbeschwören sollte: die Prawda, Sprachrohr der Bolschewisten, deren Revolution im dritten Kriegsjahr das „Zeitalter der Extreme“ (Hobsbawm) einläutete. Sie hatten die Botschaft von Mays alter Kurdin verstanden: „Nur die Macht imponiert, die wirkliche Macht. Will der Friede imponieren, so suche er nach Macht, so sammle er Macht, so schaffe er sich Macht.“ Sowjet-Macht heißt diese Macht: Macht der Räte, proletarische Powwow. Denn wir wissen, was wir wollen, schreibt Gianni Vattimo in WIE WERDE ICH KOMMUNIST: „Sowjets und Elektrizität!“ Drei Jahre nach der berüchtigten Schießerei in Petrograd melden sie sich in Kronstadt ein letztes Mal verzweifelt zu Wort und werden von der bolschewistischen Partei gnadenlos massakriert. Seitdem geistern die Matrosen von Kronstadt ruhelos durch die Weltgeschichte wie der fliegende Holländer und tauchen immer nur kurz auf, um wieder auf Jahre zu verschwinden: 1923 in Deutschland, 1956 in Ungarn, 1968 dann auf einmal auf der ganzen Welt: „Dead Kronstadt-sailor are trying to fix a hole in the ocean“. Seitdem sind sie immer wieder gesehen worden, UFOs der Weltgeschichte. „Die Zeit der auch geistigen Aeroplane ist da“, hatte Karl May kurz vor seinem Tod verkündet: „Einige fliegen schon. Andere werden es lernen.“


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Denkzeichen XIV
Lothar Trolle, 12. März 2012

VIER LIEDER

BRANDENBURGLIED
In Lenzen, / in Lenzen (Landkreis Prignitz), / schlug eine Frau ihrem Mann mit einem Aschenbecher auf den Kopf, / mit einem Aschenbecher auf den Kopf, / (der 44-jährige erlitt dabei Verletzungen), / später trat die 45-jährige vor ihrem Haus einem Auto den Aussenspiegel ab, / den Aussenspiegel ab, / die Polizei kam und stellte fest: / 2,2 Promille Alkohol im Blut, / 2,2 Promille Alkohol im Blut …

REINICKENDORFER KINDERLIED

Es war am Sonnabendnachmittag und wir / hockten nun schon über eine halbe Stunde in der Stargardtstraße hinter unserem Müllcontainer, / doch nichts passierte, nichts passierte, / da in der Reinickendorfer Stargardtstraße gleich neben dem Seniorenheim, / doch da kam sie, da kam sie, die 87-jährige, / sie und ihre Handtasche, / und nun gings los, gings los, / denn wir stürmten aus dem Versteck hinter unserem Müllcontainer / auf die Alte zu, / zu auf die Alte und ihre Handtasche/ und haben sie geschubst, / haben sie geschubst, bis sie auf der Fresse lag, / bis sie auf der Fresse lag, sie und ihre Handtasche, / doch die hielt die Alte trotzdem fest, / die Handtasche hielt die Alte trotzdem fest, / hatte sich das Nasenbein gebrochen, / und an der linken Hand zwei Finger, / doch ihre Handtasche hielt die Alte trotzdem fest, / gab sie partout nicht her, / die Alte in der Reinickendorfer Stargardtstraße gleich neben dem Seniorenheim …

KAUFLANDLIED
Er lächelt (er hat ja nichts falsch gemacht), / (und gesagt, was zu sagen war: / „Es ist alles so, wie der Staatsanwalt geschildert hat.“) / „Alter?“ (sechsunddreissig), / „Beruf?“ (Einzelhandelskaufmann) / (jedenfalls bis gestern, / ab heute ist er arbeitslos), / geschieden, / „Kinder?“ (keine), / Jahre räumte er bei KAUFLAND Bananen in die Obstauslage, / Ravioli ins Real usw. / und entsorgte Leergut, / und sieben Jahre saß er an der Kasse, / „Einmal hin, alles hin!“ / er lernt sie auf einer Silvesterparty kennen, / („Ich bin Angelina und wer bist du?“ / sie prosteten sich zu und wechselten ein paar Worte, / und dann steht sie eines Tages bei ihm an der Kasse, / legt aufs Band Spagetti, Schokolade, Jogurt, Fritzkola, Schmuck, Tütensuppen und Zigaretten, / doch er (piep) schiebt über den Scanner nur die Zigaretten, / (ja, als früher in den Supermärkten die Kassen noch keine Scanner hatten, / da tippte deine Freundin, der Freund, der Freundin, dem Freund 3,90 Mark in die Kasse / und die Freundin, der Freund gingen mit Waren im Wert 39 Mark aus dem Laden, / aber heute ist jeder Supermarkt ein Hochsicherheitstrakt, / mit Kameras und Computerkasse, / und da muss man sich schon etwas einfallen lassen …) / „Und warum haben Sie das gemacht?“ / „Vielleicht um ein bißchen aufzufallen, / ein kleiner Nervenkitzel …“ / und Angelina kommt nicht nur einmal in der Woche zu ihm an die Kasse / und legt aufs Band Fritzkola, Lippenstifte, Wimperntusche, Spagetti, ein Küchenradio und natürlich Zigaretten / und er schiebt über den Scanner nur die Zigaretten, / ( „Hatten Sie Geldsorgen?“ / „Nein, eigentlich nicht …“) / und so geht es über Jahre, / und dann steht Angelina bei ihm an der Kasse, / und bei ihr steht ein junger Mann / und auf dem Band liegen ein Laptop, ein Fernseher und natürlich Zigaretten, / und er schiebt auch diesmal über den Scanner nur die Zigaretten/ und zwei Stunden später sind die beiden wieder da / und auf dem Band liegen zwei Laptops, ein Flachbildschirm und natürlich Zigaretten, / und so geht es fast ein halbes Jahr, / und erst als es bei ihm klingelt und vor seiner Tür stehen Polizisten, / merkt er, sie haben ihn erwischt … / („Wieviel Geld haben Sie bei ihm gefunden?“ / 143, 23 Euro …“) / 10 Monate Haft (ausgesetzt für 3 Jahre Bewährung) / „Und was wollen Sie jetzt tun?“ /  Bewerbungen schreiben …“ / „An wen und als was?“ / „Na, an KARSTADT, NETTO, ALDI, PLUS, SPAR, KAISER'S, REWE, EDEKA, LIDL, / um das zu machen, was ich kann, / verkaufen …

INKAS LIED VOM GLÜCK
Und ich bin so: / sitze ich in der Küche und trinke meinen Kaffee, / dauert es, bis ich merke, / ich bin ja schon längst aufgestanden, / habe mich geduscht, / mich angezogen / und sitze jetzt in der Küche und trinke meinen Kaffee / und gehe ich dann / so-mir-nichts-dir-nichts aus dem Haus, / dauert es, bis ich merke / ich habe ja schon längst gefrühstückt, / habe, was ich mir neulich zugelegt habe, angezogen / habe den Wohnungsschlüssel genommen, / habe die Wohnungstür auf und zu gemacht / und gehe jetzt so-mir-nichts-dir nichts über die Straße / und sitze ich dann in der U-Bahn und fahre nach …, / dauert es, bis ich merke, / ich bin ja schon längst in der Schönhauser Allee aufundabgegangen, / bin dann die Treppe der U-Bahnstation nach unten gestiegen, / habe dann eine Weile, aber nicht zu lange, gewartet, / dass die U-Bahn kommt, / bin dann eingestiegen, / habe in der U-Bahn zuerst gestanden, dann mich hingesetzt / und fahre jetzt mit der U-Bahn nach … / und steige ich dann aus der U-Bahn aus und gehe die Treppe der U-Bahnstation nach oben, / dauert es, bis ich merke, / ich bin ja nun schon längst U-Bahn gefahren, / bin sogar zweimal umgestiegen, / bin dann ausgestiegen, / bin die U-Bahntreppe nach oben gegangen / und stehe jetzt auf der Straße in der Sonne / und weiß noch immer nicht, was mache ich jetzt …


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Denkzeichen XIII
Alexander Karschnia, 29. Februar 2012

CHANCE 2012 – oder der Fluch von Fluxus 

50 Jahre alt zu werden ist gefährlich: Vor zwei Jahren ist Christoph Schlingensief zwei Monate vor seinem fünfzigsten Geburtstag gestorben. Vielleicht der letzte große Fluxus-Künstler unsrer Zeit. Oder der erste. Wie eine katholische Messe hat er Fluxus in seiner Kirche der Angst vor dem Fremden in mir gefeiert und gerufen: „Alles ist Fluxus!“ Nun wird also Fluxus fünfzig. Geboren in einem Jahr, in dem Welt am Abgrund stand: 13 Tage hielt die Menschheit den Atem an, als sich während der Kuba-Krise die USA und die SU gegenseitig mit atomarer Vernichtung drohten. In Deutschland  beschäftigte die SPIEGEL-Affäre die Öffentlichkeit. Zugleich wird Pop geboren: Am 11. September nehmen die Beatles Love Me Do auf, nachdem man ihnen zu Jahresanfang einen Plattenvertrag verweigert hatte. Die Rolling Stones haben ihren ersten Auftritt in einem Londoner Club. In Schwabing kommt es zu Krawallen von sog. „Halbstarken“, unter ihnen Andreas Baader. In Oberhausen wird ein Manifest verlesen, in Wiesbaden Konzerte für neueste Musik gegeben: „Alles ist Fluxus!“ Das ist vielleicht wahrer als uns lieb sein kann. Jahrelang galt „Verflüssigung“ als Zauberwort. Gegen „Verkrustungen“. Starres Denken. Stures Beharren. In die Sprache von Unternehmensberatern übersetzt hieß das „Flexibilisierung“ und meinte die Auflösung fester Beschäftigungsverhältnisse. Was fließt, gleitet, ist die Zeit: die Arbeitszeit wird flüssig, die Grenze zur sog. Freizeit verschwimmt, alles wird Arbeit, sogar soziale Beziehungen. Keiner hat das besser verstanden als Schlingensief, der 1998 mit der Partei CHANCE 2000 – Partei der letzten Chance zur Bundestagswahl antrat mit dem Slogan „Wähle Dich selbst!“ Die Parole vom Herbst 1989 wurde individualisiert: „Du bist 1 V (ein Volk)“. Dahinter verbarg sich ein postneoliberales Selbstaktivierungsprogramm für Millionen Arbeitslose. Kein Jahr später folgte das Schröder-Blair-Papier, die sog. Ich-AGs, kurz darauf die Agenda 2010 mit den Hartz-Gesetzen. Seitdem ist offensichtlich geworden: Arbeitslosigkeit ist unbezahlte Arbeit, Arbeit bezahlte Arbeitslosigkeit. Die Forderung, Arbeitslosigkeit als Beruf anzuerkennen war also ebenso radikal reformistisch wie der Aufruf an den Arbeitgeberverband: „Verschenkt Euer Geld und rettet so die Marktwirtschaft!“ Was damals naiv utopisch klang, ist heute die einzig vernünftige Realpolitik in der Schuldenkrise. Vom Paradigmenwechsel im postfordistischen Produktionsregime handeln auch die Stücke von René Pollesch: „Ich kann Euch nicht ficken, ihr seid kein Kollektiv, ihr seid ein Netzwerk.“ (Kill your darlings!) Ist doch networking das Gegenteil von not working: unbezahlte Arbeit, immaterielle Produktion, freiwillige Selbstkontrolle. Klingt nach Kunst: Performance des Selbstwiderspruchs. Aber vielleicht ist das Netzwerk heute das, was vor fünfzig Jahren Kunstwerk genannt wurde – und durch Kunst überwunden werden sollte. Und der Fluß, in den alles gerät, nicht der Fluß von Daten, sondern von Affekten, die überall zu kleinen Wirbeln führen, die einen Sturm auslösen, wenn sie aufeinanderprallen. Solche Wirbel entfachte CHANCE 2000. Schlingensief nannte sie „Rhizome“ (im Untergrund wuchernde Pilzgeflechte), sie bildeten „Inseln der Unordnung im Netz“ (nach Heiner Müller oder Hakim Bey) – und damit eine Vorform dessen, was sich heute als Piratenpartei anschickt, die GRÜNEN zu beerben. Viel ist dabei von CHANCE 2000 zu lernen, v.a. das eigne Verschwinden zu organisieren: Wir waren die 0,007%. „Scheitern als Chance“ lautete die Parole.  „Fail again. Fail better.“, sagte Samuel Beckett. „Du hast keine Chance, also nutze sie!“ Herbert Achternbusch. „Der Held ist der, der immer eine letzte Chance sieht“ Emmanuel Levinas: „Er ist der Mensch, der sich darauf versteift, Chancen zu finden.“ Auch im Angesicht des Todes. „Alles ist Fluxus!“ ist ein Schlachtruf des Lebens gegen den Tod, ein Schrei. CHANCE 2012 heißt: Fürchtet Euch nicht. The beginning is near!


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Denkzeichen XII
Dietrich Kuhlbrodt, 6. Februar 2012


DANKE FÜRS ZUHÖREN – ICH KLAGE AN!

Im Umkleideraum der Tennisakademie sitzen die Jungs und Mädchen nach Training und Drill zusammen und fragen sich, ob sie so etwas wie eine Gemeinschaft sind. Ergebnis: Mitnichten. Grade so was zu fragen, so ihr Fazit, soll ihnen ja abgewöhnt werden. Das Gemeinschaftsgequatsche wäre ja die protofaschistische kanto-hegelianische Masche von Old Europe. – Ja, wir sind in den USA, und David Foster Wallace hat die Bedrohung des neo-individualliberalistischen Systems plastisch in „Infinite Jest“ (Unendlicher Spaß) beschrieben. – Umgekehrt hat Matthias Mergl die Bedrohung  d u r c h  dieses System für uns recht plastisch (zusammen mit Wolfgang Müller) herausgearbeitet: in seinem Buch „Der Terror der Selbstverständlichkeit“.

Und alle jetzt gut zuhören! – Ging der Neoliberalismus noch von einem System aus (der Markt reguliert sich selbst), versteht sich der Neo-Individualliberalismus als systemlos. Freie Menschen sind ungebunden. Es geht nur darum, der Erste, der Beste, der Fitteste, der Engagierteste, der Perfekteste zu sein, alle Konkurrenten überholt und ausgebootet zu haben und auf den Charts ganz oben zu stehen. Das ist das Ziel. Es ist auch das Ziel, für das die boys and girls der Tennis Acamedy abgerichtet werden sollen (und die jüngste US-Generation findets Scheiße).

Jetzt aber zu mir. – Mergls Buch hab ich in der Tasche. Es ist mir bei der Wahrnehmung von allem Möglichen zur Hand. Anfang 2011 spielte ich auf Bühnen in Wien und München. Philipp Hauß hat Millers Theaterstück „Der Tod des Handlungsreisenden“ in „Das Überleben des Handlungsreisenden“ umgeschrieben. Überleben dank des Einsatzes aktueller Hilfsangebote, individuelle Defizite und Störungen zu regulieren. „Du schaffst es!“ Wie coached man ein Individuum? Wie bewegt man die Bank, ein Darlehen zu gewähren? Wie hebt man sich von der grauen Masse der Mitbewerber ab, lieber Herr Therapeut? – Wir haben das alles durchgespielt und schließlich die Frage gestellt, ob nicht das Individuum, sondern das Einer-gegen-alle das Problem ist. – Die Antwort hat die Musik- und Performancegruppe HGich.T gefunden: „Das System ist das Problem“. Aber damit bin ich schon woanders.

Ich wollte bei meiner individualliberalistischen Wahrnehmung auf Brigitte kommen. Ihr Arzt hat diagnostiziert: „leidet an  erheblichen Dekompensationen“. Ich habs nachgeschlagen: das Körper-System kann zwar Störungen weitgehend selbst kompensieren, es kann aber auch die Fähigkeit zur Selbst-Regulation generell verlieren. Dann ist der Kollaps unvermeidbar, wenn nicht eingegriffen wird. – Zwar sind Vergleiche vom kranken Individuum mit der kranken Marktwirtschaft unstatthaft. Ich weiß. Aber Mergls Buch juckte in der Tasche.

Drittens und letztens. Im November 2011 performte ich im HAU3 das Stück „Das Grundgesetz“ von Boris Nikitin. Ich wurde dort als authentischer Staatsanwalt vorgestellt – ein Outing, das ich nicht liebe. Also gut. Meine Doktorarbeit hatte ich um 1960 rum über „Die Behandlung des Rechts der DDR in der Rechtsprechung der Bundesrepublik“ geschrieben. In der Zeitschrift „Recht in Ost und West“ wurde sie nicht abgedruckt, weil ich mich geweigert hatte, die Buchstaben DDR durch SBZ zu ersetzen. – Ach, Gott, wo ist jetzt der rote Faden? Aja, die Rechtsprechung und das Grundgesetz. Die westdeutsche Rechtsprechung hatte die DDR-Gesetze für fehlerhaft befunden, weil sie nicht in die Grundsätze des westdeutschen Grundgesetzes einzubetten gewesen waren. Und heute, fünfzig Jahre später? Da gibt’s im Grundgesetz Grundrechts-Artikel, die heute noch gelten, aber beileibe nicht in das vom „Markt“-System zurechtgebogene Rechts-System einzubetten sind. Ein Beispiel: Artikel 15, Überschrift: „Sozialisierung, Überführung in Gemeineigentum“ – „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.“ – Jeder, dem man es vorliest, nimmt an, es werde aus der DDR-Verfassung zitiert. Oder Artikel 14: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ – Aber hallo, sag das mal den Bankern. Artikel 20: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ – Aus diesen Artikeln wird der oberste Verfassungsgrundsatz der Sozialbindung hergeleitet.

Und nun die Widerstandsstrategie. Das Grundgesetz liefert sie selbst: wird der Staat okkupiert von Kriminellen, etwa der Bankenmafia, „haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand“ (Artikel 20). Der schleichende Staatsstreich durch die Banken, die mit Gewährsleuten alle entscheidenden staatlichen Positionen besetzt halten, ist heute bis in die bürgerliche Presse hinein nachgewiesen worden. Den Staat, das Grundgesetz zu retten, ist verfassungsrechtlich geboten. Die Besatzer, die Banken, sind die kriminelle Vereinigung, die den Staat vereinnahmt hat. Diese Verfassungsfeinde anzugreifen, ist staatsbürgerliche Pflicht. Und sich dabei auf die Grundrechte des Grundgesetzes zu berufen, ist so etwas wie die von Matthias Mergl geschilderte Doppelstrategie: die überaffirmative Berufung auf das Grundgesetz. Mergls Buch hat mich motiviert im HAU3 alle Grundgesetztreuen aufzurufen, aktiv zu werden. Ich selbst säße schon an einer Anklageschrift gegen die banköse terroristische Vereinigung. – Klar, dass die dem Neo-Individualliberalismus inhärente Amnesie kollektive Aktivitäten, das Erkennen von Zusammenhängen und Strukturen und damit auch das Potential des Grundgesetzes lahm legt. Wer sich dennoch darauf beruft, wird in die Querulantenecke gestellt werden. Ist mir egal. Wallace und Mergl haben mich motiviert, den Mund aufzumachen. Danke fürs Zuhören.


(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen XI
Henryk Gericke, 23. Januar 2012


PUNK IS DEAD

Als CRASS 2010 in Berlin ihr Comeback als letztes Konzert gaben, eröffnete die Band es mit „punk is dead“, einem ihrem Klassiker. Die Punks sangen mit und pogten.

Dem Genre Punk ist die Auflösung seines radikalen Anspruchs eingeschrieben. Seine bald vierzigjährige Wirkungsgeschichte gründet auf der wiederholten und retrospektiv ausgerichteten Beschwörung dessen, was Punk authentisch und radikal sein ließ. Das fette Ausrufungszeichen des Protests hinter Punk krümmte sich zu einem dicken Fragezeichen hinter seiner Authentizität bzw. Identität. Dieser Wandel betrifft naturgemäß auch andere Jugendbewegungen, es seien nur HipHop und Techno genannt. Doch das Markenzeichen Punk bleibt ein in seiner Relevanz besonders drastisches Beispiel von Identitätsverschiebung und Identitätsverlust. Das „no future“ der Punks wurde längst zur Corporate Identity, die sich als Investition in die Zukunft erwies. Dies ist die eigentliche „story of Johnny Rotten“. Sie handelt von einer radikalen Jugendkultur, deren Affirmation durch die Gesellschaft mit der freundlichen Übernahme einer Gesellschaftskritik durch Punkrock einherging. Die Entwicklung von Rebellion und Exzeß zu Tradition und Jugendfolklore, vom affektiven, doch effektiven Nihilismus der frühen Punks zu einem entkernten Leergut gipfelte in der Egalisierung von Subkultur und Mainstream, die heute Händchen halten. Denn das Interesse, Punk in eine genreübergreifende Ästhetik zu überführen, war der letzte Akt einer Kommerzialisierungskette, der zur Folge hat, daß die Punk-Codes als ein pseudosubversives Label und damit als Karikatur ihrer selbst funktionieren. Die Mimikry von Punk zu einer Marke steht stellvertretend für Prozesse, welche subkulturelle Lebensart und gegenkulturelle Arbeitsweise zur Vorhut ihrer eigenen Entkräftung durch ein starkes Interesse an seiner imagebedingten und letztlich merkantilen Vereinnahmung machen. In seiner Geschichte steht Punk vor allem für seinen „Ausverkauf“, für die Überführung seiner krassen Diktion in eine genreübergreifende Ästhetik. Seine Fortschreibung durch die Mainstreamkultur entspricht der Wandlung von einem identitätsstiftenden Kulturgut zu einem imageorientierten Konsumgut. Punk ist tot, weil er quicklebendig ist.

Während einer Show der Haute Couture in Paris liefen die Topmodels in luxuriösen Kreationen vor dem Mode-Jet-Set zu einem Song der englischen Ur-Punkband X-RAY SPEX über den Laufsteg. Der Song hieß „Identity“. Inszenierungen dieser Art funktionieren als Maskierung eines generierten Images als gelebte Identität. Die Frage nach der eigenen Identität gilt als unter Jugendlichen verbreitet – um es einmal vorsichtig auszudrücken. In einer Zeit allerdings, in der sie kaum Widerstand zu leisten vermögen, da die Gesellschaft kaum noch Widerstand gegen ihre Protestschübe leistet, wird auch noch in einem Akt von Produktpiraterie jugendlicher Protest bzw. politische Identität, beinahe im Moment ihres Entstehens, absorbiert und eingespeist in den Warenkorb einer kolonialisierten Jugend- und Protestkultur. Werbung verkleidet die Jugend als Moderebellen und entkleidet sie ihrer Identität als natürliche Opposition der Gesellschaft, die nun ihre Jugend sozusagen live verpaßt. Gegenkulturelle Symbole erfahren eine Umwidmung zu Zeichen der Macht bzw. des Konsums und werden im eigentlichen Sinne des Wortes zu Markte getragen. In den Kulissen dieses Marktes sind junge Leute weniger jugendbewegt, sondern eher die Zielgruppe einer jugendbewegten Industrie. Diese Industrie stellte Punk als Identitätssiegel, Widerstandsgeist und Alternativkultur in den Mittelpunkt ihrer Marketingstrategien, ihres Etikettenschwindels. Die Umwidmung von Punk zu einem verfügbaren Stil hat längst Eingang in die Alltagskultur gefunden, die naturgemäß nicht auf eine politische Haltung, sondern auf die Kopie von Typografie, Layout, Design und Mode mit politischer Attitüde abhebt.

Seiner Subversivität entblößt, folgt auf den Authentizitätskult um Punk die Einsicht, daß er vollständig als Produktpalette in der Verwertungsindustrie und ihrer Weichzeichnermentalität aufging. Punkästhetik entspricht heute einer Warenästhetik. Punk war die Inszenierung seiner selbst, ließ sich aber in letzter Konsequenz vom Markt in Szene setzten. Die vermeintliche oder tatsächliche Konsumfeindlichkeit von Punk wurde in einer Wechselwirkung von Konsumverzicht und Konsumverhalten einem Konsumanreiz nutzbar gemacht. Der Markt hat sich seinen Verächtern angeglichen, durch den Rückgriff auf Insiderkulturen gehen merkantile Botschaft und politische Haltung ein Verhältnis ein, das ein funktionierendes Mißverhältnis ist. Die Wirtschaft wurde zur Popkultur, die Popkultur läßt merkantiles Ranking und ästhetische Qualität ineinander übergehen, der Mainstream ist die entpolitisierte Subversion seiner selbst. Damit wurde Punk in den Hochglanz- und Societymagazinen wie Vogue, Elle, Cosmopolitan und Vanity Fair salonfähig. Modeketten wie H&M, Zara, Mango oder Modelabel wie Rock & Republic und Punk Royal bedienten sich am Artwork von Jamie Reid oder verliehen ihrem Sortiment durch Clash- oder Ramones-T-Shirts einen subkulturellen Touch. Bier, Autos, Jeans, Lifestyle-Produkte wurden und werden zu Songs von Punkbands wie Clash, Stranglers, Cockney Rejects, Iggy Pop, aber auch von jüngeren Bands wie Elastica, Ceasars oder Hives beworben. Ein aktuelles Beispiel für den Reiz, den Punk auf die Werbestrategen ausübt, dürfte die letzte „Einführungskampagne“ von Honda sein. Honda bewarb ein neues Model mit dem Slogan „Vernunft ist der neue Punk“. Jugendprotest als Produkt: Man kann es auf den Markt werfen, man kann es dem Markt entziehen. So verkleidet der Kapitalismus seine Jugend als modische Bohème auf dem Laufsteg ins Nirgendwo. Die vielzitierte Absorption von Subversion ist zum einen kommerzieller Natur, aber in der gewollten Entschärfung direkten Denkens und identitätsstiftenden Handelns auch politisch zu verstehen.
 

(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen X
Gero Troike, 19. Januar 2012

FÜR JÜRGEN HENTSCH ZUM 10. JANUAR 2012

In den Nachrichten aus aller Welt, beim Frühstück, plötzlich der Satz:
DER SCHAUSPIELER JÜRGEN HENTSCH IST TOT.
Was macht man, man frühstückt weiter, denkt nach, weiß aber nicht worüber.
Der Blick aus dem Fenster, die vertrauten Dinge: Eine Wiese, der Waldrand, vorbei ziehende Wolken.
Jürgen Hentsch war ein außergewöhnlicher Mensch.

Ich hatte das Glück zweimal am Deutschen Theater mit ihm zu arbeiten. Im SOMMERNACHTSTRAUM – in der Regie von Alexander Lang – war er Oberon, und in MARIA STUART in der Regie von Thomas Langhoff war er Leicester.
Hentsch zeigte große Gefühle auf der Bühne – im Umgang außerhalb der Theaterwelt gab es eine gewisse Distanz.
Näher kamen wir uns durch den Umstand, daß wir beide unabhängig voneinander den gleichen Entschluß für unsere weitere Lebensplanung gefaßt hatten. Wir hatten als einzige aus dem künstlerischen Personal einen Ausreiseantrag aus der DDR gestellt. Zuerst, im Westen, verliefen unsere Wege getrennt. Aber dann endlich kam es zu der langersehnten Zusammenarbeit an einem großen Stoff.

Gosch, Hentsch und ich freuten uns, es begann die Arbeit an MACBETH an der Schaubühne
Und diese Arbeit war wunderbar.
Auf dem Programmzettel ganz oben stand:
Duncan, König von Schottland …………………………………………. Jürgen Hentsch
Donalbain und Malcolm, seine Söhne, waren Ulli Wesselmann und Ernst Stötzner – Macbeth Walter Kreye
Nach den Hexen tritt der König mit seinen Söhnen und Gefolge auf ihnen entgegen kommt ein blutender Hauptmann
Im Zentrum des Raumes stand Hentsch, 3 Scheinwerfer vereinigten sich zu einem Punkt.
WER IST DER MANN VOLL BLUT?
Der erste Satz, wir kennen seine Stimme, und auch die, die diese Aufführung nicht gesehen haben können ahnen, wie explosiv wie dramatisch es losging.
Und dann der zweite Satz von ihm:
ER KANN GEWISS VOM NEUSTEN STAND DER REBELLION BERICHTEN, DEM ANBLICK NACH
 … seine erste Frage unerbittlich genau, und im Nebensatz des zweiten Satzes – sein berühmtes Zaudern und noch tiefer eindringen wollen.
– DEM ANBLICK NACH.
Die Wogen schlugen hoch, als die zum Teil ratlose und erboste Kritik einsetzte, stand Jürgen Hentsch wie ein Fels in der Brandung.

Es gab noch HORAZ von Corneille in der Cuvrystraße, ganz fein und leise, bestechend schön und gegenwärtig.
Dann habe ich die Schaubühne verlassen und wir haben uns nie wieder gesehen.
Manchmal habe ich diese Stimme im Radio gehört, wenn er ein Gedicht gelesen hat.
Die Zusammenarbeit mit Jürgen Hentsch ist ein ganz wichtiger Teil in meinem Leben.

Ich bin mir ganz sicher, ich werde ihn nie vergessen.


(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen IX
Thomas Martin, 9. Januar 2012


DIE TOTEN VON HEUTE: HEINER MÜLLER

zum Beispiel, zählt seit 16 Jahren zu den Toten, deren Befreiung er als Autor versucht und beschrieben hat als Motiv seines Theaters. Der Dialog mit den Toten ist die Wurzel der Kunst: „Es geht darum, daß die Toten einen Platz bekommen. Das ist eigentlich Kultur“. Müllers „Theater der Auferstehung“ hat Pause seit seinem Tod, auch und vor allem in dieser Stadt, auch und vor allem am Theater, das er in seinem Sterben noch geleitet hat. Die 1995 für das Berliner Ensemble projizierte Verbindung BRECHT-MÜLLER-SHAKESPEARE als Humus einer neuen dramatischen Literatur ist nicht erstanden, die dafür nötige Arbeit an der Totenbeschwörung hat keine Mehrheit gefunden bislang. „Was man braucht, ist Zukunft und nicht die Ewigkeit des Augenblicks. Man muß die Toten ausgraben, wieder und wieder, denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen.“ Die Theater sind nicht nur in Berlin dabei, sich von der „Schwesterkunst“ Literatur zu verabschieden; Textfläche steht gegen Drama, Diskurs gegen Konflikt, die Rechnung ist billig und sie geht nicht auf. Postdramatisches Theater, wenn es stattfindet, ist ein Raum ohne Zeit, ist Simulation, Stau, leerer Transport. Der Kulminationspunkt ist der bekannte Container, in dem Leute tun, als ob sie Leute spielen, wie sie im Fernsehn Leute haben Leute spielen sehen. Der Kulminationspunkt ist die Delegierung des Dialogs in Übertragungstechniken, die Anwesenheit nicht zwingend machen.

Daß Müller als angesagter Autor momentan nicht habhaft ist, hat Gründe, von denen nicht nur einer wert ist, daß man widerspricht. Müllerstücke haben sich als Kassengift bewährt. Sie sind, zumindest in den Händen ihrer Regisseure, der Stoff, der Masse nicht zieht. Es gibt keinen Erfolg, es gibt nur Wirkung; die strahlt zumeist durchs Feuilleton, auf Podien, in Seminaren mehr als in den Spielplänen der Theater dieser Welt. Man kann das weniger dem Autor als seinen Regisseuren vorwerfen, aber: Was ist ein Publikum wert, wenn es nicht überfordert werden kann, was ein Ensemble, wenn es sein Publikum nicht überfordert? Auch die Volksbühne hat kein Stück von Müller auf dem Programm und kaum eins hat weniger Aussicht, aufgeführt zu werden, als zum Beispiel ZEMENT, Müllers „Proletarische Tragödie im Zeitalter der Konterrevolution“. Die Tragödie ist ausgespielt, gegeben wird die Farce im Posthistoire der Globalisierung, der theatrale Schlagabtausch in der Mitte der Gesellschaft; der Rand, von dem aus die Tragödie in die Spaßgesellschaft schwappt, gehört der Dritten Welt und der Vierten. Was dort gespielt wird, ist bestenfalls subproletarisch, die Chöre sind schwarz und singen aus den Gräbern. Die kulturelle Migration, ob im Orchestergraben von Burkina Faso oder des deutschen Stadttheaters wird daran nichts ändern. Entwicklungshilfe in der Kunst bleibt ein angetäuschter Selbstmordversuch von Kunstproduzenten.

„Die Spirale der Geschichte ruiniert die Zentren, indem sie sich durch die Randzonen mahlt. In dieser Gangart, die sich aus dem Blickpunkt einer Generation der Sinngebung entzieht, liegt der Zweifel am Fortschritt begründet.“ Zwei Müllersätze, adressiert an Gotscheff 1983, aktualisiert am 11. 9. 2001, Tag der Sinngebung. In der Gegenwart, die wir erleben – „im Zeitalter der Konterrevolution, das mit der Einheit von Mensch und Maschine (die Drama nicht mehr braucht), dem nächsten Schritt der Evolution (der die Revolution voraussetzt), zu Ende gehen wird“ – liegt die Proletarische Tragödie im toten Winkel der Generationen. MenschundMaschine, die Utopie von Steve Jobs, arbeitet an ihrer Auferstehung.

Die Befreiung der Toten aus dem Zement der Nachgeschichte ist eine Arbeit für die Sprengbrigaden der Kunst. Die Befreiung der Toten eine Herausforderung, sicher, für Gentechniker mehr als für Theaterleute, aber eins muß das andere nicht ausschließen, und das Theater kann ein Probstein vor der nächsten Stufe der Evolution in den Zirkelschluß der Umkehrbarkeit sein: in der Einheit der Verwandlung von Geburt und Tod. Die Begegnung mit dem Tod, der Kontakt mit der möglichen anderen Seite, die Suche nach dem Sterblichen in uns, hat Müller in seiner Anmerkung zu LANDSCHAFT MIT ARGONAUTEN als „Gesellschaft der Grenzüberschreitung, in der ein zum Tod Verurteilter seinen wirklichen Tod auf der Bühne zur kollektiven Erfahrung machen kann“, benannt. Keine Utopie kommt aus ohne metaphysischen Grund, und der Versuch der Austreibung des dunklen Grundes hat mehr Schaden am Zukunftsentwurf und der dazugehörigen Gegenwart angerichtet, als an der Metaphysik. Der Sumpf läßt sich nicht trocken legen ohne Verlust der in ihm vegetierenden Organismen. Er ist das Reservoir der Phantasien unter den Brandrodungen der Vernunft und des Fortschritts, der die Hochzeit von Metaphysik und Physik ist. Wir wohnen der Hochzeitsnacht bei, die den Keim des Homunculus austrägt. Prometheus, „der den Menschen den Blitz ausgeliefert, aber sie nicht gelehrt hatte, ihn gegen die Götter zu gebrauchen“, ist der Urahn des Versuchs am Neuen Menschen und der Klone. Die Vollendung des prometheischen Prinzips in der humanen Reproduktion steht nicht in der Bibel, sie steht (zum Beispiel) in Kafkas Versionen der Sage: In den Jahrtausenden am Fels wird der Verrat des Prometheus vergessen, die Götter vergessen, die Adler vergessen, er selbst; man wird des grundlos Gewordenen müde, die Götter werden müde, die Adler werden müde, die Wunde schließt sich müde. Der Fels bleibt, bis zum nächsten Beben jedenfalls. Die Revolutionen der Vorzeit waren Versuche gegen das Unrecht, das Vergessen und die Müdigkeit. Wir sollten das reflexive Potential der Revolutionen nicht unterschätzen. Ausgraben und Erinnern – wenn die historische Müdigkeit nicht wäre.

„Der Mythos ist ein Aggregat“, sagt Müller, „er transportiert Energie, bis die wachsende Beschleunigung den Kulturkreis sprengt.“ Der Sprengung sehen wir zu, die Mythenmaschine explodiert auch, die kommende Stufe wird die der totalen Reproduzierbarkeit sein, Ende der Visionen am gläsernen Prellbock der Labore. Das Denken von der Umkehrbarkeit schließt die Begegnung, das Wiedersehen mit den Toten ein. Zeit der Auferstehung, Wiederankunft im kapitalistischen System, dessen Utopie sich im Albtraum von der Austauschbarkeit des Menschen manifestiert. Näher ist sie der kommunistischen Utopie, deren moralische Überlegenheit sich in der Aussichtslosigkeit des Einzelnen behaupten sollte, nie gekommen. Brechts kalte Hoffnung, daß alles Neue besser ist als alles Alte, wird revidiert. Alles Neue ist besser als alles Alte, das besser ist als alles Neue. Wenn alles wiederholbar wird, weil reproduzierbar, wird das Regelwerk des Humanismus neu geschrieben werden müssen. Nichts wird „zu Ende“ gedacht werden, weil doch alles wiederholbar ist.

Theater hat seine Chance als etwas Widerständiges, infiltrierend wie ein beharrlicher Gedanke. Vielleicht sind die Zuschauer vorübergehend weniger wichtig: ein Blick zum Ursprung, als Theater (das vom Begriff her griechisch „Raum“ bedeutet) Kult, Totenbeschwörung und Fruchtbarkeitstanz war. Eine Kraft der Vergangenheit oder das atavistische Theater.

Im Brief an den Kritiker Martin Linzer (ein Zeuge aus dem Zeitalter des fingierten Sozialismus) hat Müller 1975 einen Glauben formuliert: „Wenn das Kino dem Tod bei der Arbeit zusieht (Godard), handelt Theater von den Schrecken/Freuden der Verwandlung in der Einheit von Geburt und Tod. Das macht seine Notwendigkeit aus.“ Mehr als eine Generation später, im Jahrhundert nach Müller, ist das aktuell. Das Selektionsprinzip des Klonens, auch ein Privileg der Ersten Welt, ist der letzte Versuch unsrer Spezies an der Unsterblichkeit. Am Vorabend der Reproduzierbarkeit des Menschen ist der Rückblick auf die „Epochenkollision“, an der Müller als Autor sich abgearbeitet hat, der feuchte Blick von der Untertasse in der Ewigkeit des Weltraums auf die von Schatten und Schauspielern belebte Bühne. Wir werden unsern Tod vielleicht nicht mehr erleben, die Hoffnung bleibt, daß doch. Wozu sonst Theater.


(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen VIII
Matthias Wittekindt, 19. Dezember 2011


ENTSCHEIDUNG

René hatte Susan heute wieder gefragt, ob sie eine Entscheidung getroffen hätte, sie war ihm ausgewichen.

Das Dorf, in dem sie seit Tagen wohnten, lag oben in den Bergen, hatte einen Namen und wurde von einer alten Frau beherrscht, die ebenfalls einen Namen hatte. Die Frau, von der ständig die Rede war, weil man sie bei allem um Erlaubnis fragen musste, kontrollierte das Dorf nicht durch geheime Kräfte. Es war einfacher. Ihr gehörte fast alles. Jetzt aber hieß es, die Alte läge im Sterben.

"Warum triffst Du keine Entscheidung?", fragte René, als er wieder den Mut dazu hatte. Susan zuckte nur mit den Achseln. Ihre Gleichgültigkeit machte ihn traurig.

Seine Traurigkeit hielt an.

Am nächsten Morgen saßen sie vor der einzigen Taverne am Platz und frühstückten.

René stellte keine Fragen mehr. Ihm fehlten der Mut und die Kraft sich zu bewegen in der Hitze, und Susans Rock flatterte kein einziges Mal.

Seit fünfhundert Jahren zerfiel hier alles zu Staub, und den Staub rührte man dann mit Wasser an und baute das, was zerfiel wieder auf, und auch die Menschen wurden hier so gemacht. Schon immer war es so, es gab keinen Anfang. Und so lebten sie ohne Vergangenheit, aber mit der unausgesetzten Vorahnung ihres Endes, und ob es in 500 Jahren eintrat oder heute, bedeutete ihnen viel. Die Kirche war also mit gutem Grund das größte Gebäude, und in ihrem stumpfen Turm, hinter braunen Streifen aus Brettern hing eine Glocke, die sie täglich an das Wichtigste der Welt erinnerte.

Es war eine Welt, die etwas übrig hatte für Kontraste, Knochen und Umrisse, eine Welt, die ihren tierischen Ursprung nicht leugnete, in der Heiligenbilder in klaren Grundfarben gemalt wurden, in der man auf die Kunst der Perspektive pfiff, in der Kirchen stumpfe Hallen waren, andere Welten, und es war nicht mehr dafür notwendig, diese anderen Welten in diese Welt zu stellen, als klare Grundfarben, obszöne Gerüche und eine berauschende Kühle hinter meterdicken Mauern.

Die Glocke schlug zwölf, die Sonne stand im Zenit und Susan traf noch immer keine Entscheidung.

Auf einmal lief eine Frau aus einem der Häuser. Sie schrie und rief und verhielt sich, in allem was sie anstellte, kopflos. Jetzt war die Gasse plötzlich bevölkert. Ob die Menschen, die dort herumliefen oder in Gruppen standen, aus ihren Häusern gekommen oder dem Erdreich entstiegen waren, ließ sich nicht sagen. Jemand verteilte Wasser und Melonen, und fünf Männer gingen mit der aufgeregten Frau ins Haus.

Es verging Zeit, dann wurde die Sterbende rausgebracht.

Aber sie lag nicht auf einer Bahre, nein, sie saß auf einem riesigen Stuhl und war provisorisch festgebunden, indem man ein Seil um ihren Oberkörper und die hohe Lehne gewickelt hatte. Ihr Kopf hing runter bis fast auf die Brust. Sie zogen los, es war eine Prozession, die Frau war zum Kunstwerk geworden. Das Besondere geschah, als die Männer sie gerade ein Stück die Straße runter getragen hatten, als sie auf den Platz kamen. Da wachte die Sterbende, von der es schon hieß, sie sei tot, nämlich noch einmal auf, schnellte nach vorne, so weit es das Seil zuließ, warf den Kopf in den Nacken und riss den Mund dabei so weit auf, wie es nur ging. Weit, bis über jedes erklärliche Maß. Sie hatte dabei einen so fürchterlichen Ausdruck im Gesicht, starrte so gierig, so voller Hass, dass man meinte, sie wolle das ganze Dorf verschlingen.

Als sie das sah, und während das Bild der Sterbenden im Hintergrund noch wie eingefroren stand, wurde Susan von etwas gepackt. Sie griff Renés Arm und fing an zu reden, sie stotterte richtig, so schnell musste es gehen. Und während sie redete, als spiele Zeit plötzlich doch eine Rolle, als ginge es um ihr Leben, fühlte René wie ihm etwas Schweres von der Brust fiel und sein Oberkörper schwang nach hinten, bis die Lehne ihn hielt, und sein Kopf kippte verspielt ein Stück zur Seite und sein Gesicht drückte aus, was er empfand.


(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen VII
Peter Wawerzinek, 6. Dezember 2011


ZUM NIKOLAUSTAG

– statt die liebsten beschenken, sollte man jeder sich selbst bedenken zum nikolaustag, wie ich. ja nehmen wir mal mich. gut – ich bin noch immer ganz in tradition, habs ja im heim sehr gemocht einmal ausserhalb von geburtstag bedacht zu sein, und weihnachten war dafür ein guter anlass. aber aus den kinderschuhen, in die nikosachen gelegt werden bin ich raus, aus. also. jetzt muss ich nur an leute denken, die ich mag, sie bedenken, mit dieser mail mache ich den anfang. bei mir zu mir hat ein umdenken stattgefunden. ich lege mir eine cd ein, mich mit musik zu erfreuen, die ich mal mochte. es sollte pflicht werden, durch die kanzlerin ausgerufen, die mit heino oder karel gott den anfang macht – ich halte sie ja für eine frau, die bei silly ausbricht, tobt und in ihrem zimmerchen tanzt – heute bei mir – nicht die tanzende tobende kanzlerin mit diesem franzosen als präsident, der mireille matthieu vielleicht zum ausflippen braucht – bei mir ist es fleetwood mac, nicht weil ich mit einem mac schreibe und diesen zirkus von und über den gründer widerlich finde, gottgleich und so ne tapete von schwachsinn – nein, weil ich OH WELL für einen song halte,der alle maßstäbe setzt und alle normen brach. oder BLACK MAGIC WOMAN, he kinder kommet in scharen, das ist doch ein song, den jeder kennt, aber keiner weiss, dass das liedlein fleetwoood mac über die welt gebracht hat. so weit mein kleines eingeständnis zur zeit zum tag zur situation in dieser welt nach der zwickauer zelle. apropos – es soll ja stadien geben da unten wo alles übel anfing, da wird richtig zwickauer zelle skandiert und naziuntergrund und so weiter, dass man sich mehr als nur wundert, alles da unten in den schluchzenden jammerschluchten vorzufinden, was für gemeingefährlich gilt – ist ja auch ne gemütliche landschaft, nicht sonderlich hoch die ausschläge, was berge angeht, nicht gerade sensationelle ausblicke auf den fichtelberg und ach kaum so richtig tolle trachten, wonach die leute trachten und ne tracht prügel mit dem steigbügel verdient hätten – ist ja nix so richtig dort anzutreffen ausser: nicht mal die landschaft ist ein kapital – seit den morden an ausländern muss ich mal jetzte sagen: sind mir selbst schwibbögen zur zeit national ein übel. ich kriege da die krise, wenn ich die anheimelnde gemütlichkeit der seligen gemütlichkeits-leute sehe, an deren seite die pleite, das nationale wächst – mit so stumpfen messern wie denen, die was da national aufrecht denken – will sagen: diese & jene, von denen die immer im tv-sender sagen: ordentliche saubere leute sind das. alle achtung. hat auch was für sich, so ein ordentlich angesetzter nahschuss am kopf, ist unter umständen für manche kopfkranken eine saubere lösung. wenn man sich mal vorstellt, heute in den nachrichten, iraker erschießt dreizehnjährige tochter, ich meine, he – das passiert in deutschland, he, sagen sich die depperten nazisympathisanten, die die leute erschießenden scheißärsche gut abgewischt und sauber finden – dann muss mal ausgesäubert werden – also gehe ich heute mit meiner schwester aus stralsund einfach mal in die moschee am görlitzer park, die jedermann besuchen kann – mal sehen, was sie sagt. kommt ja auch aus dem streifen der bösen deutschen, von unten ab vogtland über zittau bis hoch nach swinemünde zieht sich dieser braune streifen wie durch einen schlüpfer, in dem sie so leben, die nationalen, die darauf stolz sind, stolz zu sein und kontakt haben mit den altnazis aus fulda und und und ... ein ekliges scheißthema – ich schwenke schnell zurück – fleetwood mac zum sechsten dezember – meine freude. CAN’T HOLD ON ist der siebente titel – und aus ist die cd – ich habe diese mail also fertig. sie steht unter einfluß von musik und erinnerung, daran, wie ich mich dazu als junger bursche in meiner kleinen singlebude bewegt, gedreht und mit den haaren geschüttelt habe, zu fleetwood mac von meinem tonband aufgenommen, vielleicht aus dem feindsenderbereich, musik für alle unsere armen musikfreunde im osten, ich glaube ernsthaft, da ging die zwickauer zelle los – mit rias und all den anderen freundlichen sendern, die uns armen leuten die musik gebracht haben, und – ich habe ja genauso mitgeschnitten, im grunde die zwickauer zelle und das braune haus in jena mit in die welt gebracht, nur weil ich fleetwoood mac gut fand und brauchte, um bei den kumpels zu bestehen. deutschland soll mal abgewertet werden. ich sage mir immer, wenn wir die krise haben, kommt uns alles in deutschland wieder ganz bekannt vor.

(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen VI
Tobi Müller, 28. November 2011

DAS DORF DER ANDEREN

In der Kneipe habe ich alte Männer gegen Juden schimpfen hören. Beim Autostopp wurde ich nicht mitgenommen, weil wir bei der Gemeindeversammlung gegen ein neues Schützenhaus gestimmt hatten. Und eines frühen Morgens fragte mich ein Dorfbewohner auf dem Weg in die Fabrik: „So, hast du dich schon eingelebt?“ Immerhin nach zehn Jahren. Die Familie des mitfühlenden Fragers stammte aus einem Bergkanton, wohnte schon 50 Jahre im Dorf, galt aber noch immer als Einwanderer. Es gibt gute Gründe, warum ich dieses Dorf meiner Jugend, am Südfuß des Schweizer Juras, verlassen habe und nie mehr dorthin zurückzukehren gedenke. Brauche ich gar nicht, denn Berlin bietet vieles davon auch. Auch hier gelten Leute lebenslang als Zugezogene, besonders wenn sie aus dem Süden kommen. In dieser Sache herrscht Einigkeit, vom Neonazi über den Rüpelrapper bis zum Theaterkünstler und der Legion von Journalisten, die die sogenannte Debatte warm hält.

Es geht um Schwaben, "die Schwaben", um Prenzlauer Berg, um Mütter und Milchkaffee. Es geht also um gar nichts. Aber die Kommentarspalten bersten bei diesen Stichworten auch nach Jahren noch. Es kann gleichzeitig ein Wahlversprechen nicht eingehalten und eine konservative Koalition geschmiedet werden, die xte Reportage aus den Krisengebieten Kollwitz- oder Helmholtz-Platz kriegt mehr Aufmerksamkeit. Ich habe ein großes Herz für Wiederholungen, liebe Krautrock und Techno und auch einige Autoren, die seit Jahrzehnten dasselbe schreiben. Aber das betrifft die Kunst.

Wer sich durch die ungefähr dreijährige Hass-Debatte über Schwaben, Prenzlauer Berg, Latte et al. liest, erkennt bald das immergleiche Muster. Ein Satz, der so oder ähnlich jedes Mal vorkommt: Die Zugezogenen wollen in Berlin ihr Dorf wieder errichten, das sie einst verlassen hatten. Es ist eine schöne, dialektische Denkfigur. Selbst einer der wenigen verbliebenen Prolls in meiner Straße hat das schon mal einem Zugezogenen hinterhergerufen. Geh weg aus meiner Stadt, du willst doch bloß das Dorf undsoweiter. Der Proll im Rechtslook sieht nicht aus, als würde er die taz lesen, in der seit Jahren Stimmung gemacht wird gegen die eigene Leserschaft. Mein Nachbar hat das woanders aufgeschnappt, dieser Spruch hat mittlerweile Eingang in das kollektive Berlin-Bewusstsein gefunden. Lustig an dieser Straßenszene war der Akzent des Berlinsoldaten, der deutliche Spuren einer Jugend in Sachsen trug. Gilt nur als Zugezogener, wer unterhalb von Rhein und Main aufwuchs?

Andererseits muss man nur miterleben, wie ältere Dresdner noch immer über Punks aus Karl-Marx-Stadt spotten. Oder mal länger mit Ost-Berliner Künstlern über die Leipziger reden. In der Schweiz lacht man in noch kleineren Kilometerabständen über den jeweils andern. Aber, wie gesagt, ich wollte da eigentlich weg. Das Dorf, so scheint mir, will nicht ich, sondern die taz und mein Nachbar in den Tarnhosen wiederherstellen (oder zumindest: Berlin auf den Stand von 1993 einfrieren, als mein Nachbar schätzungsweise selbst in die Stadt zog). Das Prinzip Großstadt auf einen Kern an Eingeborenen zu reduzieren, ist nicht nur eine provinzielle, sondern eine rassistische Vorstellung. Wer weiter klickt und auf den raueren Blogs landet, ist rasch verwirrt, ob man noch auf einer linksautonomen oder schon auf einer rechtsextremen Plattform liest. Ökofotzen, Fresse einschlagen, Pornoschwaben, alles immer schön in Schwarz und Rot. Die Kinder von Prenzlauer Berg sind dann sowas wie die Kopftuchmädchen der Linken.

Im Prinzip wurde alles längst debattiert, vom Selbsthass der bürgerlichen Linken bis zu den dringenden Problemen, die es in diesem Zusammenhang tatsächlich zu diskutieren gäbe. Also Mieten, Städtebau, Bürgersinn. Aber der Latte-Lärm hört nicht auf. Das kann nur am Neid liegen, am Hass auf den Nächsten, der sich meistens als der nächst Ähnliche herausstellt. Diese Debatte wird geführt von Leuten, die ganz oder fast identisch sind mit dem Bild vom VW Passat, zwei oder drei Kindern und einem beinahe mittelständischen Verdienst. Das Andere ist das Eigene: Das ist ein Merkmal des Narzissmus, der keine Differenz zulassen kann. Der Narziss muss immerzu über sich nachdenken, selbst im Hass auf den vermeintlich andern. In der Verneinung aller Alterität liegt das Hauptproblem dieser Debatte. – Wie vor der letzten Bundestagswahl: Cem Özdemir von den Grünen wurde deshalb als Depp porträtiert, weil er in Kreuzberg beim Interview Mangolassi bestellt hatte. Cem Özdemir hat einen süddeutschen Akzent. Und sieht irgendwie verdächtig nach Elternzeit-Papi aus, die dumme Sau.

(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen V
Alexander Karschnia, 11. November 2011 (11.11 Uhr)

MAUSOLEUM BUFFO

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche Pop! Ich suche Pop!“? So ein Mensch würde heute ebensoviel Gelächter ernten wie einst Nietzsches Gottessucher, befindet er sich doch genau an dem Ort, wo Pop am leichtesten zu finden sein müsste: auf dem Markt. Doch um diesen Pop, den man leicht als die ‚Ware Kultur‘ identifizieren kann, soll es hier nicht gehen, sondern um jenen Pop, der einstmals das Versprechen auf ein anderes Leben, eine andere Welt beinhaltete – und um diesen von jenem unterscheiden zu können, schrei(b)en wir von nun an wie der tolle Mensch: Pop! Da springt er mitten unter uns und durchbohrt uns mit seinen Blicken: „Wohin ist dieser Pop!?“ ruft er, „ich will es Euch sagen: Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir sind seine Mörder!“ Das also ist die frohe Botschaft, die fröhliche Wissenschaft unsrer Tage: „Pop! – ist tot!“.

Ich klettere aus einem E, Teil eines verrückten Mausoleums, das aus den kyrillischen Lettern für LENIN gebildet wird, trage einen hellen Anzug und eine Sonnenbrille, von deren Bügeln Kotletten baumeln, schreite auf das Mikrofon am Bühnenrand zu und rufe: „Woah – do you see what I see?“ Ich bin Elvis und was ich sehe ist: Stalin! „That’s Joseph Stalin’s face up there! That’s Joseph Stalin’s face in the clouds! Why Stalin? Why Stalin! Of all people, what’s he doing up there?“ Warum Stalin? Am Anfang stand eine vage Intuition: vielleicht wegen der strahlend weißen Anzüge, in denen der Sieger des Großen Vaterländischen Krieges sich in den letzten Lebensjahren so gerne zeigte, vielleicht wegen seiner Frisur, dieser Tolle – ich weiß es nicht mehr, aber aus der Intuition wurde schnell Gewissheit: Larry Geller, spiritueller Berater und Friseur des ersten und einzigen Superstars hatte erst kürzlich der Welt des späten Elvis’ Vision mitgeteilt, wie der King mitten in der Wüste von Arizona aus dem Wagen sprang, im Himmel die Visage Stalins erblickte und zutiefst erschüttert ausrief: „Why Stalin? He was one of the most evil man who ever lived! Is it something inside of me? Is God trying to show me what he thinks of me?“ Und dann passierte es: „And then it happened! I saw the face of Stalin turn right into the face of Jesus and he smiled at me and I could feel it with every fibre of my being: it’s God! It’s God! Can you imagine, what the fans would say if they saw me like this?“

Das Besondere an Pop! war genau das – ein Initiationserlebnis. Nun handelt es sich bei der dargestellten Episode nicht wirklich um ein Initiationserlebnis, eher um eine Nahtod-Erfahrung des Kings, der offensichtlich gegen Ende seines Lebens eine sonderbare Offenbarung hatte. Deren Enthüllung enthält allerdings zum jetzigen Zeitpunkt eine gewisse Brisanz, erleben wir doch gerade das Ende jener Epoche, die mit der Erscheinung des Kings auf der Weltbühne begann: the Age of Pop! Dieses Zeitalter beginnt kurz nach Stalins Tod am 5.3.1953. Zunächst folgten die drei Jahre der ‚Entstalinisierungskrise‘ zwischen dem Tod des Diktators, seiner monumentalen Beerdigung, dem 17. Juni in der sog. ‚Zone‘, der Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU über die Verbrechen der Säuberungen und den sog. ‚Personenkult‘ Stalins Anfang 1956. Im Sommer stirbt Bertolt Brecht – laut Heiner Müller genau rechtzeitig: „Er hätte nichts mehr gewusst.“  Denn im Herbst kommt es zum Ungarn-Aufstand, der von der Roten Armee blutig niedergeschlagen wird. In dieser historischen Situation taucht zum letzten Mal das Gespenst der Räte, der Sowjets, auf – die toten Matrosen von Kronstadt, die im März 1921 von den Bolschewisten massakriert wurden, als sie gegen die Diktatur der Partei revoltierten: „Alle Macht den Sowjets – keine Macht der Partei!“

Bei Nacht & Nebel wird Stalin aus dem Mausoleum geholt und dahinter begraben, Lenin setzt sein bed-in  auf dem Roten Platz allein fort. Er liegt auch 20 Jahre nach der Auflösung der U.d.S.S.R immer noch unbestattet in der Mitte des Roten Platzes. Regelmäßig werden im Internet Abstimmungen darüber abgehalten, ob er nach über 80 Jahren endlich beerdigt werden sollte – und ob es sich bei dem Ding wirklich um eine Leiche handelt.

Das ist ein falscher Lenin!

This is a fake Lenin!

Das ist Wladimir Iljitsch Lenin und niemand sonst!

This is Lenin, comrade!

Das ist nicht Lenin, das ist ein biologisches Artefakt und muss sofort beerdigt werden!

This is not Lenin, but a biological artifact and should go underground!

Das ist zwar biologisch, aber kein Artefakt, sondern die sterblichen Überreste von Vladimir Iljitsch!

This is bio, not art!

Das ist nicht Lenin, das ist Biomüll aus Tschernobyl und die Russen haben daraus eine Puppe gemacht, deswegen leuchtet sie so schön.

This is from Chernobyl and radiates at night.

Lenin hat die Glühbirne entwickelt und deswegen leuchtet er so schön!

This is a light-bulb!

Das kann gar nicht Lenin sein, dieses kleine Männchen hier ist viel zu haarig.

This can’t be Lenin, this is a hairy midget.

Ich bin aus dem Beerdigungsbereich und ich kann bestätigten, dass die Haare nach dem Tod weiter wachsen.

I have sex with dead bodies and I can say that this is Lenin.

Vielleicht wachsen ja die Haare nach dem Tod, aber nicht wenn man eine Glatze hat.

Maybe hair grows after death, but not if you were bold before.

Das beweist nur, dass Lenin das neunte Weltwunder ist.

This proves that communism is the solution for all our problems including baldness!

(usw.)

Popdramatisches Theater ist kein Rollenspiel, kein Wechselspiel von Identitäten, sondern ein Säurebad der Identität, eine Desidentifizierungskur. Man mag darin eine Radikalisierung von Brechts Konzept des V-Effekts sehen, allerdings einer Verfremdung, die nicht – Negation der Negation – zu einer Erkenntnis im Sinne eines Wiedererkennens auf höhere Ebene führt, sondern in eine Fremdheit hinein, in eine Zone, in der die eigne zur Fremdsprache wird, die Gesten strange, Mimiken nicht länger menschlich. Und an dieser Stelle brechen wir ab, denn ob das Theater, das nicht länger dramatisch ist, solches zu leisten vermag, ist ebenso umstritten wie die emanzipatorische Kraft der Popkultur.


(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen IV
Ricarda Bethke, 27. Oktober 2011

JA, IS OK, DASS IHR DA SEID, WIR MACHEN ABER TROTZDEM WEITER

 … die Leitideen seien die Gewaltlosigkeit, der Respekt. Und es herrsche eine entpolitisierte und menschliche Sprache, die Bereitschaft zu einer grenzenlosen Öffnung und ein Streben nach Konsens, koste es, was es wolle, auch ein positives Verhalten gegenüber der Polizei. Dies sei die paradoxe Spannung, die der Bewegung ihre ganze Kraft verleiht.

Fängt es an und niemand glaubt daran? Occupy okkupieren? Demo oder Mode, oder Modedemo. „Sonne scheint, geh, mer bissel Wallstreet schaun“, hätten die Wiener gesagt. Die Beweger in Amerika, die sollen die teuersten i-phones haben, jung und weiß sein und Designerklamotten tragen. Am 4. Tag soll Michel Moore gerufen haben: „In hundert Jahren wird man sich an euch erinnern.“

… die Stärke der Demokratie ließe sich nicht an den Demonstrationen messen oder an den Parlamenten, sondern am Geldsack des Staates, ist der leer, sei das Ende der Demokratie gekommen. Im Verhältnis dazu seien Demonstrationen kläglich, kindisch, lächerlich. Systemfehler. Niemand glaube wirklich daran, dass Demonstrationen etwas ändern könnten. Demonstrationen hätten nur Sinn, wenn sie Tyrannen stürzen würden, aber Tyrannen müssten meistens noch vom Ausland bombardiert werden. Eine friedliche Demonstration und eine friedliche Revolution wäre nur möglich gewesen mit so einem disziplinierten Staatsvolk wie das der DDR eins war. Doch echte Demonstrationen habe es in den 80ern sogar im Osten gegeben, Fußballfans vom Stadion der Weltjugend zum Bahnhof Friedrichstraße, Kolonnen in Reih und Glied, rechts und links von Transportpolizei eskortiert, Rufe skandierender langer Zug, als ginge es nicht um Fußball, sondern um alles, wenn heute alle auf die Straße gingen, dann sei das wie ein Spaziergang. Es würde mit Demos heute meist nichts Neues erstritten, nur Altes verteidigt, das was gerade bedroht sei und verloren zu gehen scheine, die Demokratie, ein Recht, ein Arbeitsplatz, eine Werkstatt, eine Wohnung, ein Glauben, die Natur bei Gorleben, der Bahnhof von Stuttgart, der Nationalismus, die Polizei ist dann auch mal heftig, und noch heftiger ist sie, wenn sie die Demos der Neo-Nazis schützen muss.

Die Herren, siehe G 8, siehe G 20, würden sich eigentlich immer in Badeorten treffen, Davos, Heiligendamm, jetzt Cannes, wer würde dort demonstrieren von den Occupy – Aktivisten? Personen , die im Verdacht stehen, eine gesetzeswidrige Handlung zu begehen, können 4 Tage in Polizeigewahrsam genommen werden, so die neuen Regeln … Systemfehler, auf die Straße gehen, der Druck der Straße, 1905, als die Heiligenbilder über den tausenden Köpfen von Russen dem Zaren Nikolaus entgegenwankten, da wurde hineingeschossen, es wurde und wird immer mal wieder hineingeschossen, wenn in Berlin wieder hineingeschossen würde, wer käme zur Demo? … Systemfehler.

Wir sind 99%, sagt die Occupy-Bewegung: die 1% Plutokraten der USA, die machten alles ganz alleine, aber 1991 die Demo gegen den Golfkrieg auf dem Alex, 2003 gegen den Krieg gegen Irak, da hätte man geglaubt, es hilft, dann wäre mal eine Demo in Kreuzberg gewesen, PKK, geschlossene Reihen, Frauen in Kopftüchern, rechts und links strenge Ordner, Bewacher und Vorredner neben dem Zug, dann hätte es noch die Demos gegen die Gaza-Bombardierung gegeben, da wäre viel verdeckt fotografiert worden, jetzt würde ständig von beiden Seiten fotografiert. Fotografieren wäre wichtiger als Handeln, es gäbe Fotopolizisten und Einsatzpolizisten, jeder zweite Demonstrant sei ein Fotodemonstrant … Systemfehler.

Spazierer, Marschierer, Rufer, Schriftmaler, Filmer und Fotografierer, öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel und Aufzüge seien innerhalb der Bannmeile um den Bundestag verboten … Zelte, Stühle, Hinsetzen verboten. Megaphone verboten, also Rufe Einzelner mit der Masse weiter zu tragen, human microphones, the people’s mic.

In Libyen habe es unter den Gaddafi-Truppen viele Überläufer gegeben, ohne Überläufer unter den Polizisten ginge es überhaupt nicht. Man solle auch bedenken, wer hier Blut sehen wolle, Bürgerkrieg, wer würde sich so was schon wünschen, wünschen Sie sich so was? Das müsse man sich mal vorstellen, eine Rakete in den Fernsehturm oder in einen Kindergarten? Tja man hätte schließlich mal Revolution im Unterricht gehabt; Revolutionsunterricht: Da müsse man sofort und zuallererst Banken besetzen, dann Polizeistationen und Redaktionen, Fernseh- und Rundfunkstationen, auch alle Internet-Server-Büros und das dann international, und tatsächlich gäbe es so etwas auf kleinen braungrauen Wellpappeschildern: World Revolution is coming, Systemfehler. Occupy, besetzen, erpressen kurz mal, und dann käme sie schon, diese erstickende Umarmung.

Ja, is ok, dass ihr da seid, wir machen aber trotzdem weiter. Und wenn es einen Wellpappentraum Weltrevolution herum zu tragen gilt, dann sei das vorläufig „unsäglich albern“, Systemfehler. Vor dem Reichstag hätten die Polizisten erst Zelte den Besetzern unterm Hintern weggezogen, vorsichtig, vorsichtig, und da hätten die Camper geschrien, als die Nummern 2011 und die 2022 abzogen mit dem Zelt: „shame on you!“ Wenn sie ohne Zelt abzogen, da hätten sie gerufen, “danke, danke!“, man würde ja denken, was denken die Polizisten überhaupt … Systemfehler.

Demos würden zur Tourismus-Sensationen, Volksfesten. „Wir sind 99%“ , das käme von der nordamerikanischen Bewegung, die Nazis hätten auch immer Bewegung gesagt, wir müssten uns eben alle bewegen, wegen Atomstrom, wegen der Rettung der Erde , wegen der Demokratie … es seien aber nur viele Einzelne, die sich kurz mal dazustellten, auch einzeln demonstrierten mit ihren kleinen Einzellosungen. „Geh zurück auf los! Icke“ oder „Fragt uns doch einfach! Anne“, und ein Schulkind wäre auch dabei gewesen und hätte auf braune geknickte Wellpappe geschrieben: „Es hat wenig Sinn als reichster Mann auf dem Friedhof zu liegen.“

Occupy, Banken besetzen, aber in den Banken, da liegen doch die Vermögen, 66% der Deutschen hätten Vermögen, heute gäbe es eben die Methode der erstickenden Umarmung, dahin sei es gekommen, alle müssten auf die eine Seite, auf die der Guten, sonst - Terrorist. Wäre die Welt eine Bank, hättet ihr sie schon lange gerettet, ein Patriot müsse bereit sein, sein Land gegen seine Regierung zu verteidigen. Krieg den Palästen, Friede den Zelten, alles sei erst mal nur ein kick off, Konsum müsse man verweigern. Man könne nicht zugleich den Gürtel enger schnallen und die Hosen runter lassen, und ein alter Mann vor der Bannmeile hätte gesagt: „Hier endet der demokratische Sektor.“

Alle Rechte am Text liegen bei der Autorin.

Denkzeichen III
Guillaume Paoli, 17. Oktober 2011

ENDZEIT

Im Bahnhofsbuchladen. Ich werfe einen Blick auf den Sachbüchertisch. Nebeneinander liegen folgende Titel: „Das Ende des Geldes“, „Das Ende der Normalität“, „Das Ende der Weltwirtschaft“ und „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“, von knapperen wie „Crash“, Kollaps“, „Abgebrannt“ abgesehen. In den Regalen stöbernd entdecke ich weitere finale Meldungen; verkündet werden Enden „der Liebe“, „der Ausreden“, „der Privatsphäre“ (neben Sennetts bereits altem „Ende des öffentlichen Lebens“), „des Großen“, „des großen Fressens“, „der Artenvielfalt“, „der Natur“, „der Bundesrepublik“, „des Glaubens“, „des Eigentums“, „der Schubladen“, „der Gleichungen“, „des Öls“ und „der Gewissheiten“. Übrigens bin ich unterwegs nach Leipzig zu Schorsch Kameruns musikalischer Installation, sie nennt sich: „Das Ende der Selbstverwirklichung“. Bereits vor der Bahnhofshalle versuchte eine bebrillte, leicht hysterische Missionarin der Larouche-Sekte, mich zu überreden, ich sollte die gute alte D-Mark zurückverlangen: „Sonst wird unsere Zivilisation untergehen.“ Als ich das mit der Bemerkung quittiere, dies wäre keine unbedingt schlechte Sache, schreit sie mir hinterher: „Millionen Menschen werden sterben!“ Als ob sie das nicht jetzt schon täten. Jetzt muss ich aber fahren. Am Gleis angekommen nehme ich wie jeden Tag den Warnhinweis „heute veränderte Wagenreihe“ zur Kenntnis und frage mich wie jeden Tag auch, wieso die Dauerausnahme nicht einfach zur Regel erklärt werden kann. So wäre mir zumindest die heuchlerische Bitte um mein Verständnis erspart. Das Chaos braucht kein Verständnis von mir. Ohnehin ist mir die Wagenreihe egal. In Zeiten der allgemeinen Planlosigkeit wird doch kein Sitzplatz reserviert. Nun sitze ich bequem und denke noch einmal über all die publizistischen Todesscheine nach. Enden ohne Ende. Gut, bekannt ist die spezielle Neigung der Deutschen zur „Endzeitstimmung“ (keine andere Sprache hat ein Wort dafür). Sie ist ja die geistige Entsprechung der Homöopathie. Dem Patienten wird verdünnte Apokalypse in Globuli verschrieben, damit er an der Gegenwirkung gesundet, vorausgesetzt, dass er an das Prozedere stark glaubt. Trotzdem: so viel Ende war noch nie. Zumal die hyperinflationären Absturzberichte von keinen Neustart-Meldungen kompensiert werden. Schließlich ist auch „Gründung“ ein deutscher Knacks. Doch aktivistisch sind nur noch die Greise unterwegs, etwa Heiner Geißler („Machen, machen, machen!“) oder Stephane Hessel („Engagiert euch!“). Der Wille als Altersschwäche. Im Umkehrschluss zum althergebrachten Generationskonflikt sind es heute die Jüngeren, die meinen, mehr zu wissen und weniger zu können. Um den erlösungslosen Chiliasmus einigermaßen auszugleichen, hilft nur noch das Beten um „Nachhaltigkeit“ – bemerkenswert ist ja, wie dieses bislang unscheinbare Wort zu einem zentralen Glaubensartikel avanciert ist. Aber um einmal ehrlich zu sein: Insgeheim wünschen wir doch alle, dass die verfluchten Banken jenseits aller Rettung endlich kollabieren. Bis dahin brummt der Epochenschlussverkauf. Wie sagt so schön ein Investmentbanker in dem Film „Inside Job“? „Solange die Musik spielt, tanzen wir.“ Da steht er mit dem Londoner Plünderer auf einer Wellenlänge. Aus der maximalen Komprimierung der Erlebnisse, die vom Verschluss der Fluchtlinien verursacht wird, darf jedoch die Folgerung nicht vorschnell gezogen werden, daß es zwangsläufig zu einer Explosion kommen wird. Vorrevolutionäre Zeiten sind nur im Nachhinein erkennbar. 1788 ahnten die Franzosen von nichts. Derweil erinnern die Bilder von Protestzeltlagern auf den Plätzen von Kairo, Madrid oder New-York eher an jene Bürger des untergehenden römischen Reichs, die sich aus Selbsterhaltungstrieb in den Arenen der verwahrlosten Städten niederließen. Ich merke, wie im Laufe der Fahrt mein Gedankenzug entgleist und blättere zerstreut in der Zeitung. Da stoße ich auf den Satz: „Wenn du jeden Tag lebst, als wäre es dein letzter, wirst du irgendwann Recht haben“. Es ist ein Zitat von Steve Jobs im Nachruf desselben. Letztendlich behielt der Mann Recht. Über die Maxime werde ich nicht weiter meditieren können, denn aus dem Lautsprecher ertönt bereits die kategorische Zeitdiagnose: „Dieser Zug endet hier, alle aussteigen!“

 

Alle Rechte am Text liegen beim Autor.

 

Denkzeichen II
Peter Wawerzinek, 27. September 2011

Alle denken immer: Was nur machen? Ich sage: Zeitungen abbestellen. Damit beginnen. Mein Freund Florian G schreibt Gedichte darüber, wie die Zeitungen immer schlechter werden. Fragt ja so keiner mehr richtig nach solchen Dingen. Ist nicht unterkühlt genug, sich für den Nebenmann erwärmen. Kommt nicht einmal in der Wärmstube vor. Menschennähe? Puh. I und igitt. Was die Zeitungen anbelangt: Freund Flori schreibt seine Gedichte am Tresen. Oder er schreibt Gedichte darüber, wie er vom Tresen kommt, weil er am Tresen eingepennt ist, und nun Oben-bei-sich in der Bude hockt, an den Tresen unten denkt, an dem er nicht mehr sitzt. Solche Dinge hält er (ohne Schmus und Reim) auf Papier fest. Schreibt von dem, was er nicht hat, auch gar nicht an der Backe haften haben will. Zeitungen und Krawall mit Frauen, die so richtig böse werden, in Wange kneifen, mit Faust zuschlagen. Mit Türen dürfen sie knallen, sagt Flori. Mit Sachen nach mir schmeißen. Das sollen sie auch, wenn ihnen danach ist. Aber richtig zuschlagen. Nee, da bin ick n Feind von. Da muss man sich doch zu verhalten. Dessen muss man sich erwehren, womöglich zurück backpfeifen. Und das ist ihm nix. Also geht mein Freund Flori den Frauen mit Tendenz zum Bösen aus dem Weg. Bestellte als erster nach dem Mauerfall alle Zeitungen ab. Schreibt seit dem Gedichte darüber, wie schön es mit einem Bösmädchen wäre. Und erst einmal mal zwei von diesen aggressiven Zuckerputen. Wie es wäre, wenn es wäre? Was in der Vorstellung ganz gut tut. Anfangs. Wie es, wo es am schönsten sein sollte, nicht hinhaut, sondern zuschlägt. Sowas steht in keiner Zeitung, weil die alle Scheiße sind. Finger weg von den bösen Mädchen und Finger in die Tastatur gedonnert. Zeitung abbestellen. Freunde animieren, es einem nach zu tun. Genauso extrem entschieden wie mein Freund Flori handeln! Ich weine heute noch, sagt Flori, dass ich die bösen Mädchen lassen musste. Mein Kinderzimmer war schon klein wie ein Strandkorb. Die Jugend verbrachte ich auf Sandeis gelegt. Konnte noch nicht krabbeln, krabbelte zum Wasser hin. Konnte nicht schwimmen, schwamm hinaus, tauchte nach der Nixe, die mir mehrfach erschien. Hob eine Kleckerburg für uns aus, bevor ich mich kämmen konnte. Redete mit der Meernixe, zu der ich Mama sagte. Und alle Möwen hießen Lolita. Und ich erzähle Florian von den hohen Pappeln hinter der Gärtnerei, an der ich jeden Tag vorbei musste. Nackt mit nur noch einem Sommerhut auf. Ich liebte den Wind, sagte ich. Liebte den groben Sturm, die hellschwarzdunkle Freiheit, Donner und Blitz und wacklige Stufen. Und Florian vergleicht die Frauen mit Tennisschlägern, die nach den Vögeln schlagen, die ihnen aus der Luft zufliegen - wie als würde dadurch in Zukunft alles besser zwischen den Geschlechtern. Und dann spricht er von einem Sonnenuntergang. Schwärmt von ihm als Bühnenbild, das man sich so bombastisch nicht ausmalen könne. Und deswegen rufen wir allen zu: Bestellt Eure Zeitungen ab. Schreibt Gedichte!

 

Alle Rechte am Text liegen beim Autor.

 

Denkzeichen I
Thomas Martin, 11. September 2011

WÜSTE UND WALD

Berlin, die Hauptstadt Europas oder das Dorf zwischen Moskau und Paris, ist das Durchgangsquartier der Völkerwanderung im Sog der Globalisierung. Die Kriege, die sie ausgelöst haben, gingen von hier aus. Eine Empfehlung: Man muß sich in Berlin wie im Kriegszustand bewegen, die Stadt wie eine fremde Stadt passieren, sie entzieht sich der Eroberung, merke: "Berlin kannste nich erobern, in Berlin kannste dir höchstens behaupten". An Aura gibt die Stadt nichts ab, an Spuren ist sie überreich; die Lektüre ihrer Gegenwart ist unter den Straßen ergiebiger als auf ihnen. Der Führer durch die Unterwelt sollte ein Toter sein, oder ein untotes Kind, wie der Tiefenforscher Walter Benjamin empfiehlt. Von den Rändern der Kindheit blickt man auf sie nicht zurück, sondern in sie hinein. Die Stadt vom Rand aus gesehen gibt den Blick auf die Erscheinung frei: kein Dschungel, eher ein Forst über den Ablagerungen der Urbanität, die der Stadt ihren grundlosen Ruhm eingebracht haben. Der "Schutthaufen bei Potsdam", den Brecht bei der Wiederkehr 1948 fand, stand zur Disposition nicht nur für die Stadtplanung Scharouns. Trümmerwüste und märkischer Urwald sind der Humus, aus dem die Ressourcen keimen, mindestens für die Tourismusindustrie. Die Einsicht in die notwendige Unwiederbringlichkeit von Epochen, von der Benjamin im Vorwort zu Berliner Kindheit um 1900 spricht, ist die gespiegelte Schwermut des Kindes, das begriffen hat, es wird ein Kind nicht dauernd bleiben. "Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen wir." (Hebräer 13,14) Man nimmt die Kindzeit seiner Stadt in andre Städte mit. Die zerrissene Struktur des Stadthaufens Berlin und seiner seit 1990 neu in Kleinstädte zersplitterten Hälften, macht weniger anfällig für die Verlockungen des Exils in anderen Metropolen. Berlin hat von sich selbst wenig, von anderen im Überfluß zu bieten. Wer Berlin in sich hat, wird schwer zu überraschen sein. Dr. Benjamin nennt es ein Impfverfahren: man ruft die Kindheitsbilder in sich auf, um sich von der Sehnsucht, die das Vergangene (Verlorene) hinterläßt, so wenig beherrschen zu lassen, wie den Körper vom Impfstoff, er ist in kleinen Dosen einzunehmen. Wer Berliner ist, muß Partisan sein. Ein Partisan behauptet Boden unter feindlicher Besetzung. Ernst Jünger, Waldarbeiter in Berlin zwischen zwei Kriegen, hat ihn als den Vereinzelten gesehen, der, "von Apparaten umstellt, die scheinbar aussichtslose Partie nicht aufgibt und sich zum Waldgang entschließt". Was Berlin betrifft, ist Wald überall.

 

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