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Das Denkzeichen. Vollelektronische Kolumne für Zeitgeist und Realitätszuwachs. Redaktion Thomas Martin

Denkzeichen CXL
Kathrin Tiedemann, 18. April 2017

DEUTUNGSHOHEIT

Der 8. November 2016 ist erst ein paar Monate her und seither beobachten wir eine atemlose Jagd um die Deutungshoheit auf den Feldern der Aufmerksamkeitsökonomie. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wäre, wenn es sich bei „Trump“ um eine gezielt eingesetzte Strategie handeln würde, die auf die Menschheit losgelassen wurde, um die letzten Reste kritischen Bewusstseins und Widerstandspotentials zur Strecke zu bringen. Jegliche Form einer öffentlichen Debatte würde als sinnlos erkannt werden, bevor überhaupt der Versuch unternommen worden wäre, sie zu führen. Jegliche Artikulation einer völlig anderen Sicht auf die Dinge könnte nur noch in extra dafür geschaffenen Safe Spaces unter Gleichgesinnten geäußert werden. Paradise! Aber noch ist es nicht so weit. Auch wenn nicht wenige sich schon ein bisschen was bei Trumps Taktik abgeschaut zu haben scheinen. Waren Künstler, Leiter von Kultureinrichtungen und Bürger von beratungsbedürftigen Politkern gerade noch eingeladen, sich mit fachlicher Expertise an lokalen kulturpolitischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen, müssen sie sich nun den Vorwurf gefallen lassen, elitär zu sein, wenn ihre öffentlich vorgestellten Ideen und Vorschläge nicht ins Konzept zweckrationaler, marketing- und eventorientierter Stadtpolitik passen. Bestenfalls könnten diese Erfahrungen dazu dienen, den Blick für die Machtverhältnisse zu schärfen und sich gegen die Strategien der Vereinzelung und Entsolidarisierung zu verbünden.
Das alles lässt unweigerlich an jenes Froschexperiment denken, bei dem der Frosch trotz langsam steigender Wassertemperatur so lange zufrieden vor sich hin paddelt, bis ihn schließlich der Hitzetod ereilt. Nicht dass die Veränderungen nicht zu spüren gewesen wären, aber so lange es möglich ist, sich mehr oder weniger unmerklich Schritt für Schritt anzupassen, hat man längst den Punkt verpasst, an dem es möglich gewesen wäre, grundsätzlich nein zu sagen.
Der 8. November 2016 war nicht nur der Tag, an dem Donald Trump zum Präsidenten der USA gewählt wurde, es war auch der 100. Geburtstag von Peter Weiss. Ein willkommener Anlass, noch einmal die dreibändige „Ästhetik des Widerstands“ zu lesen. Jenen großangelegten Jahrhundertroman, der die Folgen des Scheiterns des antifaschistischen Widerstands bis weit über die Nachkriegszeit und die Zeit des kalten Krieges hinaus zu Bedenken gibt. Was lässt sich noch lernen aus den blutigen Kämpfen des 20. Jahrhunderts, die entlang klarer Fronten zwischen Unterdrückern und Unterdrückten verliefen?
Meine Recherchen zu Peter Weiss führten mich auch in die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf. Ich wollte wissen, welche Menschen in der Stadt, in der ich ein Theater leite, nach 1933 in den Untergrund gingen, und wie sie sich organisierten; vor allem, wie es gelingen konnte, die großen Organisationen der kommunistischen Arbeiterbewegung, aber auch die kirchlichen Jugendorganisationen, derartig effizient zu zerschlagen. Die Historikerin, die mich durch ihre medial hochmodern aufbereitete Ausstellung führte, hielt mir aus dem Stand einen einstündigen Vortrag. Systematisch und von langer Hand vorbereitet, würden die strategisch wichtigen gesellschaftlichen Organisationen mit „eigenen Leuten“ durchsetzt und gleichzeitig Parallel-Strukturen aufgebaut. Zum Zeitpunkt der Machtübernahme, würden die führenden Köpfe der Opposition sowie Intellektuelle, Künstler, Journalisten, das ganze kritische Potential ins Gefängnis gesteckt oder anderweitig zum Verstummen gebracht. Historisch sei das genauestens untersucht, aber dieses Wissen würde offenbar nicht dazu beitragen, dass überall auf der Welt autoritäre Regime immer wieder nach genau denselben Mustern errichtet werden. Ich muss gestehen, dass ich bisher tatsächlich davon ausgegangen war, dass aus der Geschichte zu lernen, per se ein kritisches Verhältnis zur eigenen Gegenwart beinhaltet, so als bestünde ein Konsens darüber, dass es darum ginge, die Machtverhältnisse im Sinne einer gerechten Gesellschaft für alle zu verändern. Aber natürlich stellt die Geschichte auch das Wissen bereit, wie sich genau dieses Begehren wirksam unterdrücken lässt.
Wenn die zurückliegenden Wochen und Monaten etwas zutage befördert haben, dann die Einsicht, dass dieser Konsens, sollte es ihn jemals gegeben haben, auch in Europa, wo nicht schon aufgekündigt, so doch offen zur Disposition gestellt wird. Wie genau das so schnell durchgestellt werden konnte, lässt sich noch kaum begreifen. Bei einem Besuch in Polen, wenige Tage nach der Premiere von Oliver Frlijcs Inszenierung „Der Fluch“ am Warschauer Teatr Powszechny, die einen öffentlichen Skandal auslöste, dessen Ausmaße weit über einen Theaterskandal hinaus gehen, formulierte Piotr Grszeczynski vom Teatr Nowy vor einer Gruppe von rund 100 ausländischen Kuratoren und Veranstaltern, die vor allem wissen wollten, wie sie ihre Solidarität mit den polnischen Künstlerkollegen in Form von Protestbriefen am effektivsten zum Ausdruck bringen könnten, einen bemerkenswerten Gedanken. Die Bedeutung von Frlijcs Inszenierung für das Theater in Polen bestünde vor allem darin, auf das Problem der Selbstzensur aufmerksam gemacht zu haben. Frlijc hatte also etwas ins Bewusstsein gerückt, was sich bis dahin nur im Innern der Institutionen und in den Köpfen jedes einzelnen abgespielt hatte, nun wurde es zum Gesprächsthema. Die Kampagne gegen die Inszenierung, gegen das öffentlich geförderte Theater und die öffentlich geförderte Kultur im Allgemeinen, der Druck auf die beteiligten Schauspieler bis hin zur sofortigen Kündigung von Arbeitsverträgen beim staatlichen Fernsehen, waren gewissermaßen zu erwarten. Wie die junge polnische Autorin und Dramaturgin Agnieszka Jakimiak das Hand-in-Hand-Gehen von Rechtspopulismus und Neoliberalismus beschreibt, kann man in ihrem Beitrag zu „The Year 2017 - A Collective Chronicle of Thoughts and Observations“ nachlesen, ein Projekt, das den Versuch unternimmt, Woche für Woche aus unterschiedlicher Perspektive den fortschreitenden Wandel zu beobachten:

http://journal.fft-duesseldorf.de/chronicle/

Peter Weiss schreibt in seinen Notizbüchern in den 80er Jahren: „wie der Faschismus ist die Studentenbewegung 68 nicht aufgearbeitet worden“. Nicht aufgearbeitet hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf das Klassenbewusstsein und kollektives Freiheitsbegehren, könnte man hinzufügen. Hinzuzufügen wäre außerdem, dass 1989 und der Zerfall der sozialistischen Staaten ebenfalls nicht aufgearbeitet wurden. Genau hier setzt das Buch des britischen Kulturkritikers und Theoretikers Mark Fisher „Capitalist Realism. Is there no Alternativ?“ an:

https://libcom.org/file/Capitalist%20Realism_%20Is%20There%20No%20Alternat%20-%20Mark%20Fisher.pdf 

Wie konnte es gelingen, dass nach 1989 der Kapitalismus als scheinbar alternativlose Realität akzeptiert wurde? Indem das kollektive Bewusstsein durch neue Technologien, die ein neues Regime von Zeit und Arbeit errichteten, den Interessen des Kapitals unterworfen wurden. Hatten die Menschen in den 60er und 70er Jahren genügend freie Zeit, sich ein anderes Leben vorzustellen, halten uns heute Smartphone, Soziale Medien, der Zwang zur Selbstoptimierung, zur Partizipation in einem Zustand von konstantem business, konstanter sinnentleerter Geschäftigkeit. Die größte Angst der 60er und 70er Jahre, so Fisher, bestand darin, dass alle Arbeiter Hippies werden könnten und nie wieder arbeiten wollten. Also wurden Wege gefunden, die Menschen zur Arbeit zu zwingen, die sozialen Sicherungssysteme abzubauen und die Menschen ihrer freien Zeit zu berauben. Den sozialen Bewegungen ging spätestens in den 80er Jahren die Luft aus. Der ersehnte Wandel ereignete sich nicht so schnell, wie gehofft. Daher, meint Fischer, brauchen wir heute revolutionäre Geduld. Ein knappes Jahr vor seinem Tod im Januar 2017 hielt er mit Blick auf die Entwicklungen in Griechenland und Spanien einen geradezu optimistischen Vortrag darüber, dass jederzeit ein neues kollektives Bewusstsein entstehen könnte. Das war noch vor dem Brexit und vor Trump. Fisher litt unter schweren Depressionen und machte seine Krankheit immer wieder zum Thema, indem er sie radikal entindividualisierte. Aber Fisher war kein Pessimist, im Gegenteil, wie man zum Beispiel in diesem Vortrag sehen kann:

Kathrin Tiedemann, geboren 1964, leitet seit 2004 das FFT, Forum Freies Theater, in Düsseldorf

siehe auch Denkzeichen XXVIII, Kathrin Tiedemann, 20. Dezember 2012

 

Alle Rechte am Text liegen bei der Autorin.

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