Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz
 
 
 
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Volksbühne Berlin

Denkzeichen XII
Dietrich Kuhlbrodt, 6. Februar 2012


DANKE FÜRS ZUHÖREN – ICH KLAGE AN!

Im Umkleideraum der Tennisakademie sitzen die Jungs und Mädchen nach Training und Drill zusammen und fragen sich, ob sie so etwas wie eine Gemeinschaft sind. Ergebnis: Mitnichten. Grade so was zu fragen, so ihr Fazit, soll ihnen ja abgewöhnt werden. Das Gemeinschaftsgequatsche wäre ja die protofaschistische kanto-hegelianische Masche von Old Europe. – Ja, wir sind in den USA, und David Foster Wallace hat die Bedrohung des neo-individualliberalistischen Systems plastisch in „Infinite Jest“ (Unendlicher Spaß) beschrieben. – Umgekehrt hat Matthias Mergl die Bedrohung  d u r c h  dieses System für uns recht plastisch (zusammen mit Wolfgang Müller) herausgearbeitet: in seinem Buch „Der Terror der Selbstverständlichkeit“.

Und alle jetzt gut zuhören! – Ging der Neoliberalismus noch von einem System aus (der Markt reguliert sich selbst), versteht sich der Neo-Individualliberalismus als systemlos. Freie Menschen sind ungebunden. Es geht nur darum, der Erste, der Beste, der Fitteste, der Engagierteste, der Perfekteste zu sein, alle Konkurrenten überholt und ausgebootet zu haben und auf den Charts ganz oben zu stehen. Das ist das Ziel. Es ist auch das Ziel, für das die boys and girls der Tennis Acamedy abgerichtet werden sollen (und die jüngste US-Generation findets Scheiße).

Jetzt aber zu mir. – Mergls Buch hab ich in der Tasche. Es ist mir bei der Wahrnehmung von allem Möglichen zur Hand. Anfang 2011 spielte ich auf Bühnen in Wien und München. Philipp Hauß hat Millers Theaterstück „Der Tod des Handlungsreisenden“ in „Das Überleben des Handlungsreisenden“ umgeschrieben. Überleben dank des Einsatzes aktueller Hilfsangebote, individuelle Defizite und Störungen zu regulieren. „Du schaffst es!“ Wie coached man ein Individuum? Wie bewegt man die Bank, ein Darlehen zu gewähren? Wie hebt man sich von der grauen Masse der Mitbewerber ab, lieber Herr Therapeut? – Wir haben das alles durchgespielt und schließlich die Frage gestellt, ob nicht das Individuum, sondern das Einer-gegen-alle das Problem ist. – Die Antwort hat die Musik- und Performancegruppe HGich.T gefunden: „Das System ist das Problem“. Aber damit bin ich schon woanders.

Ich wollte bei meiner individualliberalistischen Wahrnehmung auf Brigitte kommen. Ihr Arzt hat diagnostiziert: „leidet an  erheblichen Dekompensationen“. Ich habs nachgeschlagen: das Körper-System kann zwar Störungen weitgehend selbst kompensieren, es kann aber auch die Fähigkeit zur Selbst-Regulation generell verlieren. Dann ist der Kollaps unvermeidbar, wenn nicht eingegriffen wird. – Zwar sind Vergleiche vom kranken Individuum mit der kranken Marktwirtschaft unstatthaft. Ich weiß. Aber Mergls Buch juckte in der Tasche.

Drittens und letztens. Im November 2011 performte ich im HAU3 das Stück „Das Grundgesetz“ von Boris Nikitin. Ich wurde dort als authentischer Staatsanwalt vorgestellt – ein Outing, das ich nicht liebe. Also gut. Meine Doktorarbeit hatte ich um 1960 rum über „Die Behandlung des Rechts der DDR in der Rechtsprechung der Bundesrepublik“ geschrieben. In der Zeitschrift „Recht in Ost und West“ wurde sie nicht abgedruckt, weil ich mich geweigert hatte, die Buchstaben DDR durch SBZ zu ersetzen. – Ach, Gott, wo ist jetzt der rote Faden? Aja, die Rechtsprechung und das Grundgesetz. Die westdeutsche Rechtsprechung hatte die DDR-Gesetze für fehlerhaft befunden, weil sie nicht in die Grundsätze des westdeutschen Grundgesetzes einzubetten gewesen waren. Und heute, fünfzig Jahre später? Da gibt’s im Grundgesetz Grundrechts-Artikel, die heute noch gelten, aber beileibe nicht in das vom „Markt“-System zurechtgebogene Rechts-System einzubetten sind. Ein Beispiel: Artikel 15, Überschrift: „Sozialisierung, Überführung in Gemeineigentum“ – „Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden.“ – Jeder, dem man es vorliest, nimmt an, es werde aus der DDR-Verfassung zitiert. Oder Artikel 14: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ – Aber hallo, sag das mal den Bankern. Artikel 20: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ – Aus diesen Artikeln wird der oberste Verfassungsgrundsatz der Sozialbindung hergeleitet.

Und nun die Widerstandsstrategie. Das Grundgesetz liefert sie selbst: wird der Staat okkupiert von Kriminellen, etwa der Bankenmafia, „haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand“ (Artikel 20). Der schleichende Staatsstreich durch die Banken, die mit Gewährsleuten alle entscheidenden staatlichen Positionen besetzt halten, ist heute bis in die bürgerliche Presse hinein nachgewiesen worden. Den Staat, das Grundgesetz zu retten, ist verfassungsrechtlich geboten. Die Besatzer, die Banken, sind die kriminelle Vereinigung, die den Staat vereinnahmt hat. Diese Verfassungsfeinde anzugreifen, ist staatsbürgerliche Pflicht. Und sich dabei auf die Grundrechte des Grundgesetzes zu berufen, ist so etwas wie die von Matthias Mergl geschilderte Doppelstrategie: die überaffirmative Berufung auf das Grundgesetz. Mergls Buch hat mich motiviert im HAU3 alle Grundgesetztreuen aufzurufen, aktiv zu werden. Ich selbst säße schon an einer Anklageschrift gegen die banköse terroristische Vereinigung. – Klar, dass die dem Neo-Individualliberalismus inhärente Amnesie kollektive Aktivitäten, das Erkennen von Zusammenhängen und Strukturen und damit auch das Potential des Grundgesetzes lahm legt. Wer sich dennoch darauf beruft, wird in die Querulantenecke gestellt werden. Ist mir egal. Wallace und Mergl haben mich motiviert, den Mund aufzumachen. Danke fürs Zuhören.


(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen XI
Henryk Gericke, 23. Januar 2012


PUNK IS DEAD

Als CRASS 2010 in Berlin ihr Comeback als letztes Konzert gaben, eröffnete die Band es mit „punk is dead“, einem ihrem Klassiker. Die Punks sangen mit und pogten.

Dem Genre Punk ist die Auflösung seines radikalen Anspruchs eingeschrieben. Seine bald vierzigjährige Wirkungsgeschichte gründet auf der wiederholten und retrospektiv ausgerichteten Beschwörung dessen, was Punk authentisch und radikal sein ließ. Das fette Ausrufungszeichen des Protests hinter Punk krümmte sich zu einem dicken Fragezeichen hinter seiner Authentizität bzw. Identität. Dieser Wandel betrifft naturgemäß auch andere Jugendbewegungen, es seien nur HipHop und Techno genannt. Doch das Markenzeichen Punk bleibt ein in seiner Relevanz besonders drastisches Beispiel von Identitätsverschiebung und Identitätsverlust. Das „no future“ der Punks wurde längst zur Corporate Identity, die sich als Investition in die Zukunft erwies. Dies ist die eigentliche „story of Johnny Rotten“. Sie handelt von einer radikalen Jugendkultur, deren Affirmation durch die Gesellschaft mit der freundlichen Übernahme einer Gesellschaftskritik durch Punkrock einherging. Die Entwicklung von Rebellion und Exzeß zu Tradition und Jugendfolklore, vom affektiven, doch effektiven Nihilismus der frühen Punks zu einem entkernten Leergut gipfelte in der Egalisierung von Subkultur und Mainstream, die heute Händchen halten. Denn das Interesse, Punk in eine genreübergreifende Ästhetik zu überführen, war der letzte Akt einer Kommerzialisierungskette, der zur Folge hat, daß die Punk-Codes als ein pseudosubversives Label und damit als Karikatur ihrer selbst funktionieren. Die Mimikry von Punk zu einer Marke steht stellvertretend für Prozesse, welche subkulturelle Lebensart und gegenkulturelle Arbeitsweise zur Vorhut ihrer eigenen Entkräftung durch ein starkes Interesse an seiner imagebedingten und letztlich merkantilen Vereinnahmung machen. In seiner Geschichte steht Punk vor allem für seinen „Ausverkauf“, für die Überführung seiner krassen Diktion in eine genreübergreifende Ästhetik. Seine Fortschreibung durch die Mainstreamkultur entspricht der Wandlung von einem identitätsstiftenden Kulturgut zu einem imageorientierten Konsumgut. Punk ist tot, weil er quicklebendig ist.

Während einer Show der Haute Couture in Paris liefen die Topmodels in luxuriösen Kreationen vor dem Mode-Jet-Set zu einem Song der englischen Ur-Punkband X-RAY SPEX über den Laufsteg. Der Song hieß „Identity“. Inszenierungen dieser Art funktionieren als Maskierung eines generierten Images als gelebte Identität. Die Frage nach der eigenen Identität gilt als unter Jugendlichen verbreitet – um es einmal vorsichtig auszudrücken. In einer Zeit allerdings, in der sie kaum Widerstand zu leisten vermögen, da die Gesellschaft kaum noch Widerstand gegen ihre Protestschübe leistet, wird auch noch in einem Akt von Produktpiraterie jugendlicher Protest bzw. politische Identität, beinahe im Moment ihres Entstehens, absorbiert und eingespeist in den Warenkorb einer kolonialisierten Jugend- und Protestkultur. Werbung verkleidet die Jugend als Moderebellen und entkleidet sie ihrer Identität als natürliche Opposition der Gesellschaft, die nun ihre Jugend sozusagen live verpaßt. Gegenkulturelle Symbole erfahren eine Umwidmung zu Zeichen der Macht bzw. des Konsums und werden im eigentlichen Sinne des Wortes zu Markte getragen. In den Kulissen dieses Marktes sind junge Leute weniger jugendbewegt, sondern eher die Zielgruppe einer jugendbewegten Industrie. Diese Industrie stellte Punk als Identitätssiegel, Widerstandsgeist und Alternativkultur in den Mittelpunkt ihrer Marketingstrategien, ihres Etikettenschwindels. Die Umwidmung von Punk zu einem verfügbaren Stil hat längst Eingang in die Alltagskultur gefunden, die naturgemäß nicht auf eine politische Haltung, sondern auf die Kopie von Typografie, Layout, Design und Mode mit politischer Attitüde abhebt.

Seiner Subversivität entblößt, folgt auf den Authentizitätskult um Punk die Einsicht, daß er vollständig als Produktpalette in der Verwertungsindustrie und ihrer Weichzeichnermentalität aufging. Punkästhetik entspricht heute einer Warenästhetik. Punk war die Inszenierung seiner selbst, ließ sich aber in letzter Konsequenz vom Markt in Szene setzten. Die vermeintliche oder tatsächliche Konsumfeindlichkeit von Punk wurde in einer Wechselwirkung von Konsumverzicht und Konsumverhalten einem Konsumanreiz nutzbar gemacht. Der Markt hat sich seinen Verächtern angeglichen, durch den Rückgriff auf Insiderkulturen gehen merkantile Botschaft und politische Haltung ein Verhältnis ein, das ein funktionierendes Mißverhältnis ist. Die Wirtschaft wurde zur Popkultur, die Popkultur läßt merkantiles Ranking und ästhetische Qualität ineinander übergehen, der Mainstream ist die entpolitisierte Subversion seiner selbst. Damit wurde Punk in den Hochglanz- und Societymagazinen wie Vogue, Elle, Cosmopolitan und Vanity Fair salonfähig. Modeketten wie H&M, Zara, Mango oder Modelabel wie Rock & Republic und Punk Royal bedienten sich am Artwork von Jamie Reid oder verliehen ihrem Sortiment durch Clash- oder Ramones-T-Shirts einen subkulturellen Touch. Bier, Autos, Jeans, Lifestyle-Produkte wurden und werden zu Songs von Punkbands wie Clash, Stranglers, Cockney Rejects, Iggy Pop, aber auch von jüngeren Bands wie Elastica, Ceasars oder Hives beworben. Ein aktuelles Beispiel für den Reiz, den Punk auf die Werbestrategen ausübt, dürfte die letzte „Einführungskampagne“ von Honda sein. Honda bewarb ein neues Model mit dem Slogan „Vernunft ist der neue Punk“. Jugendprotest als Produkt: Man kann es auf den Markt werfen, man kann es dem Markt entziehen. So verkleidet der Kapitalismus seine Jugend als modische Bohème auf dem Laufsteg ins Nirgendwo. Die vielzitierte Absorption von Subversion ist zum einen kommerzieller Natur, aber in der gewollten Entschärfung direkten Denkens und identitätsstiftenden Handelns auch politisch zu verstehen.
 

(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen X
Gero Troike, 19. Januar 2012

FÜR JÜRGEN HENTSCH ZUM 10. JANUAR 2012

In den Nachrichten aus aller Welt, beim Frühstück, plötzlich der Satz:
DER SCHAUSPIELER JÜRGEN HENTSCH IST TOT.
Was macht man, man frühstückt weiter, denkt nach, weiß aber nicht worüber.
Der Blick aus dem Fenster, die vertrauten Dinge: Eine Wiese, der Waldrand, vorbei ziehende Wolken.
Jürgen Hentsch war ein außergewöhnlicher Mensch.

Ich hatte das Glück zweimal am Deutschen Theater mit ihm zu arbeiten. Im SOMMERNACHTSTRAUM – in der Regie von Alexander Lang – war er Oberon, und in MARIA STUART in der Regie von Thomas Langhoff war er Leicester.
Hentsch zeigte große Gefühle auf der Bühne – im Umgang außerhalb der Theaterwelt gab es eine gewisse Distanz.
Näher kamen wir uns durch den Umstand, daß wir beide unabhängig voneinander den gleichen Entschluß für unsere weitere Lebensplanung gefaßt hatten. Wir hatten als einzige aus dem künstlerischen Personal einen Ausreiseantrag aus der DDR gestellt. Zuerst, im Westen, verliefen unsere Wege getrennt. Aber dann endlich kam es zu der langersehnten Zusammenarbeit an einem großen Stoff.

Gosch, Hentsch und ich freuten uns, es begann die Arbeit an MACBETH an der Schaubühne
Und diese Arbeit war wunderbar.
Auf dem Programmzettel ganz oben stand:
Duncan, König von Schottland …………………………………………. Jürgen Hentsch
Donalbain und Malcolm, seine Söhne, waren Ulli Wesselmann und Ernst Stötzner – Macbeth Walter Kreye
Nach den Hexen tritt der König mit seinen Söhnen und Gefolge auf ihnen entgegen kommt ein blutender Hauptmann
Im Zentrum des Raumes stand Hentsch, 3 Scheinwerfer vereinigten sich zu einem Punkt.
WER IST DER MANN VOLL BLUT?
Der erste Satz, wir kennen seine Stimme, und auch die, die diese Aufführung nicht gesehen haben können ahnen, wie explosiv wie dramatisch es losging.
Und dann der zweite Satz von ihm:
ER KANN GEWISS VOM NEUSTEN STAND DER REBELLION BERICHTEN, DEM ANBLICK NACH
 … seine erste Frage unerbittlich genau, und im Nebensatz des zweiten Satzes – sein berühmtes Zaudern und noch tiefer eindringen wollen.
– DEM ANBLICK NACH.
Die Wogen schlugen hoch, als die zum Teil ratlose und erboste Kritik einsetzte, stand Jürgen Hentsch wie ein Fels in der Brandung.

Es gab noch HORAZ von Corneille in der Cuvrystraße, ganz fein und leise, bestechend schön und gegenwärtig.
Dann habe ich die Schaubühne verlassen und wir haben uns nie wieder gesehen.
Manchmal habe ich diese Stimme im Radio gehört, wenn er ein Gedicht gelesen hat.
Die Zusammenarbeit mit Jürgen Hentsch ist ein ganz wichtiger Teil in meinem Leben.

Ich bin mir ganz sicher, ich werde ihn nie vergessen.


(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen IX
Thomas Martin, 9. Januar 2012


DIE TOTEN VON HEUTE: HEINER MÜLLER

zum Beispiel, zählt seit 16 Jahren zu den Toten, deren Befreiung er als Autor versucht und beschrieben hat als Motiv seines Theaters. Der Dialog mit den Toten ist die Wurzel der Kunst: „Es geht darum, daß die Toten einen Platz bekommen. Das ist eigentlich Kultur“. Müllers „Theater der Auferstehung“ hat Pause seit seinem Tod, auch und vor allem in dieser Stadt, auch und vor allem am Theater, das er in seinem Sterben noch geleitet hat. Die 1995 für das Berliner Ensemble projizierte Verbindung BRECHT-MÜLLER-SHAKESPEARE als Humus einer neuen dramatischen Literatur ist nicht erstanden, die dafür nötige Arbeit an der Totenbeschwörung hat keine Mehrheit gefunden bislang. „Was man braucht, ist Zukunft und nicht die Ewigkeit des Augenblicks. Man muß die Toten ausgraben, wieder und wieder, denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen.“ Die Theater sind nicht nur in Berlin dabei, sich von der „Schwesterkunst“ Literatur zu verabschieden; Textfläche steht gegen Drama, Diskurs gegen Konflikt, die Rechnung ist billig und sie geht nicht auf. Postdramatisches Theater, wenn es stattfindet, ist ein Raum ohne Zeit, ist Simulation, Stau, leerer Transport. Der Kulminationspunkt ist der bekannte Container, in dem Leute tun, als ob sie Leute spielen, wie sie im Fernsehn Leute haben Leute spielen sehen. Der Kulminationspunkt ist die Delegierung des Dialogs in Übertragungstechniken, die Anwesenheit nicht zwingend machen.

Daß Müller als angesagter Autor momentan nicht habhaft ist, hat Gründe, von denen nicht nur einer wert ist, daß man widerspricht. Müllerstücke haben sich als Kassengift bewährt. Sie sind, zumindest in den Händen ihrer Regisseure, der Stoff, der Masse nicht zieht. Es gibt keinen Erfolg, es gibt nur Wirkung; die strahlt zumeist durchs Feuilleton, auf Podien, in Seminaren mehr als in den Spielplänen der Theater dieser Welt. Man kann das weniger dem Autor als seinen Regisseuren vorwerfen, aber: Was ist ein Publikum wert, wenn es nicht überfordert werden kann, was ein Ensemble, wenn es sein Publikum nicht überfordert? Auch die Volksbühne hat kein Stück von Müller auf dem Programm und kaum eins hat weniger Aussicht, aufgeführt zu werden, als zum Beispiel ZEMENT, Müllers „Proletarische Tragödie im Zeitalter der Konterrevolution“. Die Tragödie ist ausgespielt, gegeben wird die Farce im Posthistoire der Globalisierung, der theatrale Schlagabtausch in der Mitte der Gesellschaft; der Rand, von dem aus die Tragödie in die Spaßgesellschaft schwappt, gehört der Dritten Welt und der Vierten. Was dort gespielt wird, ist bestenfalls subproletarisch, die Chöre sind schwarz und singen aus den Gräbern. Die kulturelle Migration, ob im Orchestergraben von Burkina Faso oder des deutschen Stadttheaters wird daran nichts ändern. Entwicklungshilfe in der Kunst bleibt ein angetäuschter Selbstmordversuch von Kunstproduzenten.

„Die Spirale der Geschichte ruiniert die Zentren, indem sie sich durch die Randzonen mahlt. In dieser Gangart, die sich aus dem Blickpunkt einer Generation der Sinngebung entzieht, liegt der Zweifel am Fortschritt begründet.“ Zwei Müllersätze, adressiert an Gotscheff 1983, aktualisiert am 11. 9. 2001, Tag der Sinngebung. In der Gegenwart, die wir erleben – „im Zeitalter der Konterrevolution, das mit der Einheit von Mensch und Maschine (die Drama nicht mehr braucht), dem nächsten Schritt der Evolution (der die Revolution voraussetzt), zu Ende gehen wird“ – liegt die Proletarische Tragödie im toten Winkel der Generationen. MenschundMaschine, die Utopie von Steve Jobs, arbeitet an ihrer Auferstehung.

Die Befreiung der Toten aus dem Zement der Nachgeschichte ist eine Arbeit für die Sprengbrigaden der Kunst. Die Befreiung der Toten eine Herausforderung, sicher, für Gentechniker mehr als für Theaterleute, aber eins muß das andere nicht ausschließen, und das Theater kann ein Probstein vor der nächsten Stufe der Evolution in den Zirkelschluß der Umkehrbarkeit sein: in der Einheit der Verwandlung von Geburt und Tod. Die Begegnung mit dem Tod, der Kontakt mit der möglichen anderen Seite, die Suche nach dem Sterblichen in uns, hat Müller in seiner Anmerkung zu LANDSCHAFT MIT ARGONAUTEN als „Gesellschaft der Grenzüberschreitung, in der ein zum Tod Verurteilter seinen wirklichen Tod auf der Bühne zur kollektiven Erfahrung machen kann“, benannt. Keine Utopie kommt aus ohne metaphysischen Grund, und der Versuch der Austreibung des dunklen Grundes hat mehr Schaden am Zukunftsentwurf und der dazugehörigen Gegenwart angerichtet, als an der Metaphysik. Der Sumpf läßt sich nicht trocken legen ohne Verlust der in ihm vegetierenden Organismen. Er ist das Reservoir der Phantasien unter den Brandrodungen der Vernunft und des Fortschritts, der die Hochzeit von Metaphysik und Physik ist. Wir wohnen der Hochzeitsnacht bei, die den Keim des Homunculus austrägt. Prometheus, „der den Menschen den Blitz ausgeliefert, aber sie nicht gelehrt hatte, ihn gegen die Götter zu gebrauchen“, ist der Urahn des Versuchs am Neuen Menschen und der Klone. Die Vollendung des prometheischen Prinzips in der humanen Reproduktion steht nicht in der Bibel, sie steht (zum Beispiel) in Kafkas Versionen der Sage: In den Jahrtausenden am Fels wird der Verrat des Prometheus vergessen, die Götter vergessen, die Adler vergessen, er selbst; man wird des grundlos Gewordenen müde, die Götter werden müde, die Adler werden müde, die Wunde schließt sich müde. Der Fels bleibt, bis zum nächsten Beben jedenfalls. Die Revolutionen der Vorzeit waren Versuche gegen das Unrecht, das Vergessen und die Müdigkeit. Wir sollten das reflexive Potential der Revolutionen nicht unterschätzen. Ausgraben und Erinnern – wenn die historische Müdigkeit nicht wäre.

„Der Mythos ist ein Aggregat“, sagt Müller, „er transportiert Energie, bis die wachsende Beschleunigung den Kulturkreis sprengt.“ Der Sprengung sehen wir zu, die Mythenmaschine explodiert auch, die kommende Stufe wird die der totalen Reproduzierbarkeit sein, Ende der Visionen am gläsernen Prellbock der Labore. Das Denken von der Umkehrbarkeit schließt die Begegnung, das Wiedersehen mit den Toten ein. Zeit der Auferstehung, Wiederankunft im kapitalistischen System, dessen Utopie sich im Albtraum von der Austauschbarkeit des Menschen manifestiert. Näher ist sie der kommunistischen Utopie, deren moralische Überlegenheit sich in der Aussichtslosigkeit des Einzelnen behaupten sollte, nie gekommen. Brechts kalte Hoffnung, daß alles Neue besser ist als alles Alte, wird revidiert. Alles Neue ist besser als alles Alte, das besser ist als alles Neue. Wenn alles wiederholbar wird, weil reproduzierbar, wird das Regelwerk des Humanismus neu geschrieben werden müssen. Nichts wird „zu Ende“ gedacht werden, weil doch alles wiederholbar ist.

Theater hat seine Chance als etwas Widerständiges, infiltrierend wie ein beharrlicher Gedanke. Vielleicht sind die Zuschauer vorübergehend weniger wichtig: ein Blick zum Ursprung, als Theater (das vom Begriff her griechisch „Raum“ bedeutet) Kult, Totenbeschwörung und Fruchtbarkeitstanz war. Eine Kraft der Vergangenheit oder das atavistische Theater.

Im Brief an den Kritiker Martin Linzer (ein Zeuge aus dem Zeitalter des fingierten Sozialismus) hat Müller 1975 einen Glauben formuliert: „Wenn das Kino dem Tod bei der Arbeit zusieht (Godard), handelt Theater von den Schrecken/Freuden der Verwandlung in der Einheit von Geburt und Tod. Das macht seine Notwendigkeit aus.“ Mehr als eine Generation später, im Jahrhundert nach Müller, ist das aktuell. Das Selektionsprinzip des Klonens, auch ein Privileg der Ersten Welt, ist der letzte Versuch unsrer Spezies an der Unsterblichkeit. Am Vorabend der Reproduzierbarkeit des Menschen ist der Rückblick auf die „Epochenkollision“, an der Müller als Autor sich abgearbeitet hat, der feuchte Blick von der Untertasse in der Ewigkeit des Weltraums auf die von Schatten und Schauspielern belebte Bühne. Wir werden unsern Tod vielleicht nicht mehr erleben, die Hoffnung bleibt, daß doch. Wozu sonst Theater.


(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen VIII
Matthias Wittekindt, 19. Dezember 2011


ENTSCHEIDUNG

René hatte Susan heute wieder gefragt, ob sie eine Entscheidung getroffen hätte, sie war ihm ausgewichen.

Das Dorf, in dem sie seit Tagen wohnten, lag oben in den Bergen, hatte einen Namen und wurde von einer alten Frau beherrscht, die ebenfalls einen Namen hatte. Die Frau, von der ständig die Rede war, weil man sie bei allem um Erlaubnis fragen musste, kontrollierte das Dorf nicht durch geheime Kräfte. Es war einfacher. Ihr gehörte fast alles. Jetzt aber hieß es, die Alte läge im Sterben.

"Warum triffst Du keine Entscheidung?", fragte René, als er wieder den Mut dazu hatte. Susan zuckte nur mit den Achseln. Ihre Gleichgültigkeit machte ihn traurig.

Seine Traurigkeit hielt an.

Am nächsten Morgen saßen sie vor der einzigen Taverne am Platz und frühstückten.

René stellte keine Fragen mehr. Ihm fehlten der Mut und die Kraft sich zu bewegen in der Hitze, und Susans Rock flatterte kein einziges Mal.

Seit fünfhundert Jahren zerfiel hier alles zu Staub, und den Staub rührte man dann mit Wasser an und baute das, was zerfiel wieder auf, und auch die Menschen wurden hier so gemacht. Schon immer war es so, es gab keinen Anfang. Und so lebten sie ohne Vergangenheit, aber mit der unausgesetzten Vorahnung ihres Endes, und ob es in 500 Jahren eintrat oder heute, bedeutete ihnen viel. Die Kirche war also mit gutem Grund das größte Gebäude, und in ihrem stumpfen Turm, hinter braunen Streifen aus Brettern hing eine Glocke, die sie täglich an das Wichtigste der Welt erinnerte.

Es war eine Welt, die etwas übrig hatte für Kontraste, Knochen und Umrisse, eine Welt, die ihren tierischen Ursprung nicht leugnete, in der Heiligenbilder in klaren Grundfarben gemalt wurden, in der man auf die Kunst der Perspektive pfiff, in der Kirchen stumpfe Hallen waren, andere Welten, und es war nicht mehr dafür notwendig, diese anderen Welten in diese Welt zu stellen, als klare Grundfarben, obszöne Gerüche und eine berauschende Kühle hinter meterdicken Mauern.

Die Glocke schlug zwölf, die Sonne stand im Zenit und Susan traf noch immer keine Entscheidung.

Auf einmal lief eine Frau aus einem der Häuser. Sie schrie und rief und verhielt sich, in allem was sie anstellte, kopflos. Jetzt war die Gasse plötzlich bevölkert. Ob die Menschen, die dort herumliefen oder in Gruppen standen, aus ihren Häusern gekommen oder dem Erdreich entstiegen waren, ließ sich nicht sagen. Jemand verteilte Wasser und Melonen, und fünf Männer gingen mit der aufgeregten Frau ins Haus.

Es verging Zeit, dann wurde die Sterbende rausgebracht.

Aber sie lag nicht auf einer Bahre, nein, sie saß auf einem riesigen Stuhl und war provisorisch festgebunden, indem man ein Seil um ihren Oberkörper und die hohe Lehne gewickelt hatte. Ihr Kopf hing runter bis fast auf die Brust. Sie zogen los, es war eine Prozession, die Frau war zum Kunstwerk geworden. Das Besondere geschah, als die Männer sie gerade ein Stück die Straße runter getragen hatten, als sie auf den Platz kamen. Da wachte die Sterbende, von der es schon hieß, sie sei tot, nämlich noch einmal auf, schnellte nach vorne, so weit es das Seil zuließ, warf den Kopf in den Nacken und riss den Mund dabei so weit auf, wie es nur ging. Weit, bis über jedes erklärliche Maß. Sie hatte dabei einen so fürchterlichen Ausdruck im Gesicht, starrte so gierig, so voller Hass, dass man meinte, sie wolle das ganze Dorf verschlingen.

Als sie das sah, und während das Bild der Sterbenden im Hintergrund noch wie eingefroren stand, wurde Susan von etwas gepackt. Sie griff Renés Arm und fing an zu reden, sie stotterte richtig, so schnell musste es gehen. Und während sie redete, als spiele Zeit plötzlich doch eine Rolle, als ginge es um ihr Leben, fühlte René wie ihm etwas Schweres von der Brust fiel und sein Oberkörper schwang nach hinten, bis die Lehne ihn hielt, und sein Kopf kippte verspielt ein Stück zur Seite und sein Gesicht drückte aus, was er empfand.


(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen VII
Peter Wawerzinek, 6. Dezember 2011


ZUM NIKOLAUSTAG

– statt die liebsten beschenken, sollte man jeder sich selbst bedenken zum nikolaustag, wie ich. ja nehmen wir mal mich. gut – ich bin noch immer ganz in tradition, habs ja im heim sehr gemocht einmal ausserhalb von geburtstag bedacht zu sein, und weihnachten war dafür ein guter anlass. aber aus den kinderschuhen, in die nikosachen gelegt werden bin ich raus, aus. also. jetzt muss ich nur an leute denken, die ich mag, sie bedenken, mit dieser mail mache ich den anfang. bei mir zu mir hat ein umdenken stattgefunden. ich lege mir eine cd ein, mich mit musik zu erfreuen, die ich mal mochte. es sollte pflicht werden, durch die kanzlerin ausgerufen, die mit heino oder karel gott den anfang macht – ich halte sie ja für eine frau, die bei silly ausbricht, tobt und in ihrem zimmerchen tanzt – heute bei mir – nicht die tanzende tobende kanzlerin mit diesem franzosen als präsident, der mireille matthieu vielleicht zum ausflippen braucht – bei mir ist es fleetwood mac, nicht weil ich mit einem mac schreibe und diesen zirkus von und über den gründer widerlich finde, gottgleich und so ne tapete von schwachsinn – nein, weil ich OH WELL für einen song halte,der alle maßstäbe setzt und alle normen brach. oder BLACK MAGIC WOMAN, he kinder kommet in scharen, das ist doch ein song, den jeder kennt, aber keiner weiss, dass das liedlein fleetwoood mac über die welt gebracht hat. so weit mein kleines eingeständnis zur zeit zum tag zur situation in dieser welt nach der zwickauer zelle. apropos – es soll ja stadien geben da unten wo alles übel anfing, da wird richtig zwickauer zelle skandiert und naziuntergrund und so weiter, dass man sich mehr als nur wundert, alles da unten in den schluchzenden jammerschluchten vorzufinden, was für gemeingefährlich gilt – ist ja auch ne gemütliche landschaft, nicht sonderlich hoch die ausschläge, was berge angeht, nicht gerade sensationelle ausblicke auf den fichtelberg und ach kaum so richtig tolle trachten, wonach die leute trachten und ne tracht prügel mit dem steigbügel verdient hätten – ist ja nix so richtig dort anzutreffen ausser: nicht mal die landschaft ist ein kapital – seit den morden an ausländern muss ich mal jetzte sagen: sind mir selbst schwibbögen zur zeit national ein übel. ich kriege da die krise, wenn ich die anheimelnde gemütlichkeit der seligen gemütlichkeits-leute sehe, an deren seite die pleite, das nationale wächst – mit so stumpfen messern wie denen, die was da national aufrecht denken – will sagen: diese & jene, von denen die immer im tv-sender sagen: ordentliche saubere leute sind das. alle achtung. hat auch was für sich, so ein ordentlich angesetzter nahschuss am kopf, ist unter umständen für manche kopfkranken eine saubere lösung. wenn man sich mal vorstellt, heute in den nachrichten, iraker erschießt dreizehnjährige tochter, ich meine, he – das passiert in deutschland, he, sagen sich die depperten nazisympathisanten, die die leute erschießenden scheißärsche gut abgewischt und sauber finden – dann muss mal ausgesäubert werden – also gehe ich heute mit meiner schwester aus stralsund einfach mal in die moschee am görlitzer park, die jedermann besuchen kann – mal sehen, was sie sagt. kommt ja auch aus dem streifen der bösen deutschen, von unten ab vogtland über zittau bis hoch nach swinemünde zieht sich dieser braune streifen wie durch einen schlüpfer, in dem sie so leben, die nationalen, die darauf stolz sind, stolz zu sein und kontakt haben mit den altnazis aus fulda und und und ... ein ekliges scheißthema – ich schwenke schnell zurück – fleetwood mac zum sechsten dezember – meine freude. CAN’T HOLD ON ist der siebente titel – und aus ist die cd – ich habe diese mail also fertig. sie steht unter einfluß von musik und erinnerung, daran, wie ich mich dazu als junger bursche in meiner kleinen singlebude bewegt, gedreht und mit den haaren geschüttelt habe, zu fleetwood mac von meinem tonband aufgenommen, vielleicht aus dem feindsenderbereich, musik für alle unsere armen musikfreunde im osten, ich glaube ernsthaft, da ging die zwickauer zelle los – mit rias und all den anderen freundlichen sendern, die uns armen leuten die musik gebracht haben, und – ich habe ja genauso mitgeschnitten, im grunde die zwickauer zelle und das braune haus in jena mit in die welt gebracht, nur weil ich fleetwoood mac gut fand und brauchte, um bei den kumpels zu bestehen. deutschland soll mal abgewertet werden. ich sage mir immer, wenn wir die krise haben, kommt uns alles in deutschland wieder ganz bekannt vor.

(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen VI
Tobi Müller, 28. November 2011

DAS DORF DER ANDEREN

In der Kneipe habe ich alte Männer gegen Juden schimpfen hören. Beim Autostopp wurde ich nicht mitgenommen, weil wir bei der Gemeindeversammlung gegen ein neues Schützenhaus gestimmt hatten. Und eines frühen Morgens fragte mich ein Dorfbewohner auf dem Weg in die Fabrik: „So, hast du dich schon eingelebt?“ Immerhin nach zehn Jahren. Die Familie des mitfühlenden Fragers stammte aus einem Bergkanton, wohnte schon 50 Jahre im Dorf, galt aber noch immer als Einwanderer. Es gibt gute Gründe, warum ich dieses Dorf meiner Jugend, am Südfuß des Schweizer Juras, verlassen habe und nie mehr dorthin zurückzukehren gedenke. Brauche ich gar nicht, denn Berlin bietet vieles davon auch. Auch hier gelten Leute lebenslang als Zugezogene, besonders wenn sie aus dem Süden kommen. In dieser Sache herrscht Einigkeit, vom Neonazi über den Rüpelrapper bis zum Theaterkünstler und der Legion von Journalisten, die die sogenannte Debatte warm hält.

Es geht um Schwaben, "die Schwaben", um Prenzlauer Berg, um Mütter und Milchkaffee. Es geht also um gar nichts. Aber die Kommentarspalten bersten bei diesen Stichworten auch nach Jahren noch. Es kann gleichzeitig ein Wahlversprechen nicht eingehalten und eine konservative Koalition geschmiedet werden, die xte Reportage aus den Krisengebieten Kollwitz- oder Helmholtz-Platz kriegt mehr Aufmerksamkeit. Ich habe ein großes Herz für Wiederholungen, liebe Krautrock und Techno und auch einige Autoren, die seit Jahrzehnten dasselbe schreiben. Aber das betrifft die Kunst.

Wer sich durch die ungefähr dreijährige Hass-Debatte über Schwaben, Prenzlauer Berg, Latte et al. liest, erkennt bald das immergleiche Muster. Ein Satz, der so oder ähnlich jedes Mal vorkommt: Die Zugezogenen wollen in Berlin ihr Dorf wieder errichten, das sie einst verlassen hatten. Es ist eine schöne, dialektische Denkfigur. Selbst einer der wenigen verbliebenen Prolls in meiner Straße hat das schon mal einem Zugezogenen hinterhergerufen. Geh weg aus meiner Stadt, du willst doch bloß das Dorf undsoweiter. Der Proll im Rechtslook sieht nicht aus, als würde er die taz lesen, in der seit Jahren Stimmung gemacht wird gegen die eigene Leserschaft. Mein Nachbar hat das woanders aufgeschnappt, dieser Spruch hat mittlerweile Eingang in das kollektive Berlin-Bewusstsein gefunden. Lustig an dieser Straßenszene war der Akzent des Berlinsoldaten, der deutliche Spuren einer Jugend in Sachsen trug. Gilt nur als Zugezogener, wer unterhalb von Rhein und Main aufwuchs?

Andererseits muss man nur miterleben, wie ältere Dresdner noch immer über Punks aus Karl-Marx-Stadt spotten. Oder mal länger mit Ost-Berliner Künstlern über die Leipziger reden. In der Schweiz lacht man in noch kleineren Kilometerabständen über den jeweils andern. Aber, wie gesagt, ich wollte da eigentlich weg. Das Dorf, so scheint mir, will nicht ich, sondern die taz und mein Nachbar in den Tarnhosen wiederherstellen (oder zumindest: Berlin auf den Stand von 1993 einfrieren, als mein Nachbar schätzungsweise selbst in die Stadt zog). Das Prinzip Großstadt auf einen Kern an Eingeborenen zu reduzieren, ist nicht nur eine provinzielle, sondern eine rassistische Vorstellung. Wer weiter klickt und auf den raueren Blogs landet, ist rasch verwirrt, ob man noch auf einer linksautonomen oder schon auf einer rechtsextremen Plattform liest. Ökofotzen, Fresse einschlagen, Pornoschwaben, alles immer schön in Schwarz und Rot. Die Kinder von Prenzlauer Berg sind dann sowas wie die Kopftuchmädchen der Linken.

Im Prinzip wurde alles längst debattiert, vom Selbsthass der bürgerlichen Linken bis zu den dringenden Problemen, die es in diesem Zusammenhang tatsächlich zu diskutieren gäbe. Also Mieten, Städtebau, Bürgersinn. Aber der Latte-Lärm hört nicht auf. Das kann nur am Neid liegen, am Hass auf den Nächsten, der sich meistens als der nächst Ähnliche herausstellt. Diese Debatte wird geführt von Leuten, die ganz oder fast identisch sind mit dem Bild vom VW Passat, zwei oder drei Kindern und einem beinahe mittelständischen Verdienst. Das Andere ist das Eigene: Das ist ein Merkmal des Narzissmus, der keine Differenz zulassen kann. Der Narziss muss immerzu über sich nachdenken, selbst im Hass auf den vermeintlich andern. In der Verneinung aller Alterität liegt das Hauptproblem dieser Debatte. – Wie vor der letzten Bundestagswahl: Cem Özdemir von den Grünen wurde deshalb als Depp porträtiert, weil er in Kreuzberg beim Interview Mangolassi bestellt hatte. Cem Özdemir hat einen süddeutschen Akzent. Und sieht irgendwie verdächtig nach Elternzeit-Papi aus, die dumme Sau.

(Alle Rechte am Text liegen beim Autor.)
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Denkzeichen V
Alexander Karschnia, 11. November 2011 (11.11 Uhr)

MAUSOLEUM BUFFO

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche Pop! Ich suche Pop!“? So ein Mensch würde heute ebensoviel Gelächter ernten wie einst Nietzsches Gottessucher, befindet er sich doch genau an dem Ort, wo Pop am leichtesten zu finden sein müsste: auf dem Markt. Doch um diesen Pop, den man leicht als die ‚Ware Kultur‘ identifizieren kann, soll es hier nicht gehen, sondern um jenen Pop, der einstmals das Versprechen auf ein anderes Leben, eine andere Welt beinhaltete – und um diesen von jenem unterscheiden zu können, schrei(b)en wir von nun an wie der tolle Mensch: Pop! Da springt er mitten unter uns und durchbohrt uns mit seinen Blicken: „Wohin ist dieser Pop!?“ ruft er, „ich will es Euch sagen: Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir sind seine Mörder!“ Das also ist die frohe Botschaft, die fröhliche Wissenschaft unsrer Tage: „Pop! – ist tot!“.

Ich klettere aus einem E, Teil eines verrückten Mausoleums, das aus den kyrillischen Lettern für LENIN gebildet wird, trage einen hellen Anzug und eine Sonnenbrille, von deren Bügeln Kotletten baumeln, schreite auf das Mikrofon am Bühnenrand zu und rufe: „Woah – do you see what I see?“ Ich bin Elvis und was ich sehe ist: Stalin! „That’s Joseph Stalin’s face up there! That’s Joseph Stalin’s face in the clouds! Why Stalin? Why Stalin! Of all people, what’s he doing up there?“ Warum Stalin? Am Anfang stand eine vage Intuition: vielleicht wegen der strahlend weißen Anzüge, in denen der Sieger des Großen Vaterländischen Krieges sich in den letzten Lebensjahren so gerne zeigte, vielleicht wegen seiner Frisur, dieser Tolle – ich weiß es nicht mehr, aber aus der Intuition wurde schnell Gewissheit: Larry Geller, spiritueller Berater und Friseur des ersten und einzigen Superstars hatte erst kürzlich der Welt des späten Elvis’ Vision mitgeteilt, wie der King mitten in der Wüste von Arizona aus dem Wagen sprang, im Himmel die Visage Stalins erblickte und zutiefst erschüttert ausrief: „Why Stalin? He was one of the most evil man who ever lived! Is it something inside of me? Is God trying to show me what he thinks of me?“ Und dann passierte es: „And then it happened! I saw the face of Stalin turn right into the face of Jesus and he smiled at me and I could feel it with every fibre of my being: it’s God! It’s God! Can you imagine, what the fans would say if they saw me like this?“

Das Besondere an Pop! war genau das – ein Initiationserlebnis. Nun handelt es sich bei der dargestellten Episode nicht wirklich um ein Initiationserlebnis, eher um eine Nahtod-Erfahrung des Kings, der offensichtlich gegen Ende seines Lebens eine sonderbare Offenbarung hatte. Deren Enthüllung enthält allerdings zum jetzigen Zeitpunkt eine gewisse Brisanz, erleben wir doch gerade das Ende jener Epoche, die mit der Erscheinung des Kings auf der Weltbühne begann: the Age of Pop! Dieses Zeitalter beginnt kurz nach Stalins Tod am 5.3.1953. Zunächst folgten die drei Jahre der ‚Entstalinisierungskrise‘ zwischen dem Tod des Diktators, seiner monumentalen Beerdigung, dem 17. Juni in der sog. ‚Zone‘, der Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU über die Verbrechen der Säuberungen und den sog. ‚Personenkult‘ Stalins Anfang 1956. Im Sommer stirbt Bertolt Brecht – laut Heiner Müller genau rechtzeitig: „Er hätte nichts mehr gewusst.“  Denn im Herbst kommt es zum Ungarn-Aufstand, der von der Roten Armee blutig niedergeschlagen wird. In dieser historischen Situation taucht zum letzten Mal das Gespenst der Räte, der Sowjets, auf – die toten Matrosen von Kronstadt, die im März 1921 von den Bolschewisten massakriert wurden, als sie gegen die Diktatur der Partei revoltierten: „Alle Macht den Sowjets – keine Macht der Partei!“

Bei Nacht & Nebel wird Stalin aus dem Mausoleum geholt und dahinter begraben, Lenin setzt sein bed-in  auf dem Roten Platz allein fort. Er liegt auch 20 Jahre nach der Auflösung der U.d.S.S.R immer noch unbestattet in der Mitte des Roten Platzes. Regelmäßig werden im Internet Abstimmungen darüber abgehalten, ob er nach über 80 Jahren endlich beerdigt werden sollte – und ob es sich bei dem Ding wirklich um eine Leiche handelt.

Das ist ein falscher Lenin!

This is a fake Lenin!

Das ist Wladimir Iljitsch Lenin und niemand sonst!

This is Lenin, comrade!

Das ist nicht Lenin, das ist ein biologisches Artefakt und muss sofort beerdigt werden!

This is not Lenin, but a biological artifact and should go underground!

Das ist zwar biologisch, aber kein Artefakt, sondern die sterblichen Überreste von Vladimir Iljitsch!

This is bio, not art!

Das ist nicht Lenin, das ist Biomüll aus Tschernobyl und die Russen haben daraus eine Puppe gemacht, deswegen leuchtet sie so schön.

This is from Chernobyl and radiates at night.

Lenin hat die Glühbirne entwickelt und deswegen leuchtet er so schön!

This is a light-bulb!

Das kann gar nicht Lenin sein, dieses kleine Männchen hier ist viel zu haarig.

This can’t be Lenin, this is a hairy midget.

Ich bin aus dem Beerdigungsbereich und ich kann bestätigten, dass die Haare nach dem Tod weiter wachsen.

I have sex with dead bodies and I can say that this is Lenin.

Vielleicht wachsen ja die Haare nach dem Tod, aber nicht wenn man eine Glatze hat.

Maybe hair grows after death, but not if you were bold before.

Das beweist nur, dass Lenin das neunte Weltwunder ist.

This proves that communism is the solution for all our problems including baldness!

(usw.)

Popdramatisches Theater ist kein Rollenspiel, kein Wechselspiel von Identitäten, sondern ein Säurebad der Identität, eine Desidentifizierungskur. Man mag darin eine Radikalisierung von Brechts Konzept des V-Effekts sehen, allerdings einer Verfremdung, die nicht – Negation der Negation – zu einer Erkenntnis im Sinne eines Wiedererkennens auf höhere Ebene führt, sondern in eine Fremdheit hinein, in eine Zone, in der die eigne zur Fremdsprache wird, die Gesten strange werden, Mimiken nicht länger menschlich.  Und an dieser Stelle brechen wir ab, denn ob das Theater, das nicht länger dramatisch ist, solches zu leisten vermag, ist ebenso umstritten wie die emanzipatorische Kraft der Popkultur.

 

Alle Rechte am Text liegen beim Autor.

 

Denkzeichen IV
Ricarda Bethke, 27. Oktober 2011

JA, IS OK, DASS IHR DA SEID, WIR MACHEN ABER TROTZDEM WEITER

 … die Leitideen seien die Gewaltlosigkeit, der Respekt. Und es herrsche eine entpolitisierte und menschliche Sprache, die Bereitschaft zu einer grenzenlosen Öffnung und ein Streben nach Konsens, koste es, was es wolle, auch ein positives Verhalten gegenüber der Polizei. Dies sei die paradoxe Spannung, die der Bewegung ihre ganze Kraft verleiht.

Fängt es an und niemand glaubt daran? Occupy okkupieren? Demo oder Mode, oder Modedemo. „Sonne scheint, geh, mer bissel Wallstreet schaun“, hätten die Wiener gesagt. Die Beweger in Amerika, die sollen die teuersten i-phones haben, jung und weiß sein und Designerklamotten tragen. Am 4. Tag soll Michel Moore gerufen haben: „In hundert Jahren wird man sich an euch erinnern.“

… die Stärke der Demokratie ließe sich nicht an den Demonstrationen messen oder an den Parlamenten, sondern am Geldsack des Staates, ist der leer, sei das Ende der Demokratie gekommen. Im Verhältnis dazu seien Demonstrationen kläglich, kindisch, lächerlich. Systemfehler. Niemand glaube wirklich daran, dass Demonstrationen etwas ändern könnten. Demonstrationen hätten nur Sinn, wenn sie Tyrannen stürzen würden, aber Tyrannen müssten meistens noch vom Ausland bombardiert werden. Eine friedliche Demonstration und eine friedliche Revolution wäre nur möglich gewesen mit so einem disziplinierten Staatsvolk wie das der DDR eins war. Doch echte Demonstrationen habe es in den 80ern sogar im Osten gegeben, Fußballfans vom Stadion der Weltjugend zum Bahnhof Friedrichstraße, Kolonnen in Reih und Glied, rechts und links von Transportpolizei eskortiert, Rufe skandierender langer Zug, als ginge es nicht um Fußball, sondern um alles, wenn heute alle auf die Straße gingen, dann sei das wie ein Spaziergang. Es würde mit Demos heute meist nichts Neues erstritten, nur Altes verteidigt, das was gerade bedroht sei und verloren zu gehen scheine, die Demokratie, ein Recht, ein Arbeitsplatz, eine Werkstatt, eine Wohnung, ein Glauben, die Natur bei Gorleben, der Bahnhof von Stuttgart, der Nationalismus, die Polizei ist dann auch mal heftig, und noch heftiger ist sie, wenn sie die Demos der Neo-Nazis schützen muss.

Die Herren, siehe G 8, siehe G 20, würden sich eigentlich immer in Badeorten treffen, Davos, Heiligendamm, jetzt Cannes, wer würde dort demonstrieren von den Occupy – Aktivisten? Personen , die im Verdacht stehen, eine gesetzeswidrige Handlung zu begehen, können 4 Tage in Polizeigewahrsam genommen werden, so die neuen Regeln … Systemfehler, auf die Straße gehen, der Druck der Straße, 1905, als die Heiligenbilder über den tausenden Köpfen von Russen dem Zaren Nikolaus entgegenwankten, da wurde hineingeschossen, es wurde und wird immer mal wieder hineingeschossen, wenn in Berlin wieder hineingeschossen würde, wer käme zur Demo? … Systemfehler.

Wir sind 99%, sagt die Occupy-Bewegung: die 1% Plutokraten der USA, die machten alles ganz alleine, aber 1991 die Demo gegen den Golfkrieg auf dem Alex, 2003 gegen den Krieg gegen Irak, da hätte man geglaubt, es hilft, dann wäre mal eine Demo in Kreuzberg gewesen, PKK, geschlossene Reihen, Frauen in Kopftüchern, rechts und links strenge Ordner, Bewacher und Vorredner neben dem Zug, dann hätte es noch die Demos gegen die Gaza-Bombardierung gegeben, da wäre viel verdeckt fotografiert worden, jetzt würde ständig von beiden Seiten fotografiert. Fotografieren wäre wichtiger als Handeln, es gäbe Fotopolizisten und Einsatzpolizisten, jeder zweite Demonstrant sei ein Fotodemonstrant … Systemfehler.

Spazierer, Marschierer, Rufer, Schriftmaler, Filmer und Fotografierer, öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel und Aufzüge seien innerhalb der Bannmeile um den Bundestag verboten … Zelte, Stühle, Hinsetzen verboten. Megaphone verboten, also Rufe Einzelner mit der Masse weiter zu tragen, human microphones, the people’s mic.

In Libyen habe es unter den Gaddafi-Truppen viele Überläufer gegeben, ohne Überläufer unter den Polizisten ginge es überhaupt nicht. Man solle auch bedenken, wer hier Blut sehen wolle, Bürgerkrieg, wer würde sich so was schon wünschen, wünschen Sie sich so was? Das müsse man sich mal vorstellen, eine Rakete in den Fernsehturm oder in einen Kindergarten? Tja man hätte schließlich mal Revolution im Unterricht gehabt; Revolutionsunterricht: Da müsse man sofort und zuallererst Banken besetzen, dann Polizeistationen und Redaktionen, Fernseh- und Rundfunkstationen, auch alle Internet-Server-Büros und das dann international, und tatsächlich gäbe es so etwas auf kleinen braungrauen Wellpappeschildern: World Revolution is coming, Systemfehler. Occupy, besetzen, erpressen kurz mal, und dann käme sie schon, diese erstickende Umarmung.

Ja, is ok, dass ihr da seid, wir machen aber trotzdem weiter. Und wenn es einen Wellpappentraum Weltrevolution herum zu tragen gilt, dann sei das vorläufig „unsäglich albern“, Systemfehler. Vor dem Reichstag hätten die Polizisten erst Zelte den Besetzern unterm Hintern weggezogen, vorsichtig, vorsichtig, und da hätten die Camper geschrien, als die Nummern 2011 und die 2022 abzogen mit dem Zelt: „shame on you!“ Wenn sie ohne Zelt abzogen, da hätten sie gerufen, “danke, danke!“, man würde ja denken, was denken die Polizisten überhaupt … Systemfehler.

Demos würden zur Tourismus-Sensationen, Volksfesten. „Wir sind 99%“ , das käme von der nordamerikanischen Bewegung, die Nazis hätten auch immer Bewegung gesagt, wir müssten uns eben alle bewegen, wegen Atomstrom, wegen der Rettung der Erde , wegen der Demokratie … es seien aber nur viele Einzelne, die sich kurz mal dazustellten, auch einzeln demonstrierten mit ihren kleinen Einzellosungen. „Geh zurück auf los! Icke“ oder „Fragt uns doch einfach! Anne“, und ein Schulkind wäre auch dabei gewesen und hätte auf braune geknickte Wellpappe geschrieben: „Es hat wenig Sinn als reichster Mann auf dem Friedhof zu liegen.“

Occupy, Banken besetzen, aber in den Banken, da liegen doch die Vermögen, 66% der Deutschen hätten Vermögen, heute gäbe es eben die Methode der erstickenden Umarmung, dahin sei es gekommen, alle müssten auf die eine Seite, auf die der Guten, sonst - Terrorist. Wäre die Welt eine Bank, hättet ihr sie schon lange gerettet, ein Patriot müsse bereit sein, sein Land gegen seine Regierung zu verteidigen. Krieg den Palästen, Friede den Zelten, alles sei erst mal nur ein kick off, Konsum müsse man verweigern. Man könne nicht zugleich den Gürtel enger schnallen und die Hosen runter lassen, und ein alter Mann vor der Bannmeile hätte gesagt: „Hier endet der demokratische Sektor.“

Alle Rechte am Text liegen bei der Autorin.

Denkzeichen III
Guillaume Paoli, 17. Oktober 2011

ENDZEIT

Im Bahnhofsbuchladen. Ich werfe einen Blick auf den Sachbüchertisch. Nebeneinander liegen folgende Titel: „Das Ende des Geldes“, „Das Ende der Normalität“, „Das Ende der Weltwirtschaft“ und „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“, von knapperen wie „Crash“, Kollaps“, „Abgebrannt“ abgesehen. In den Regalen stöbernd entdecke ich weitere finale Meldungen; verkündet werden Enden „der Liebe“, „der Ausreden“, „der Privatsphäre“ (neben Sennetts bereits altem „Ende des öffentlichen Lebens“), „des Großen“, „des großen Fressens“, „der Artenvielfalt“, „der Natur“, „der Bundesrepublik“, „des Glaubens“, „des Eigentums“, „der Schubladen“, „der Gleichungen“, „des Öls“ und „der Gewissheiten“. Übrigens bin ich unterwegs nach Leipzig zu Schorsch Kameruns musikalischer Installation, sie nennt sich: „Das Ende der Selbstverwirklichung“. Bereits vor der Bahnhofshalle versuchte eine bebrillte, leicht hysterische Missionarin der Larouche-Sekte, mich zu überreden, ich sollte die gute alte D-Mark zurückverlangen: „Sonst wird unsere Zivilisation untergehen.“ Als ich das mit der Bemerkung quittiere, dies wäre keine unbedingt schlechte Sache, schreit sie mir hinterher: „Millionen Menschen werden sterben!“ Als ob sie das nicht jetzt schon täten. Jetzt muss ich aber fahren. Am Gleis angekommen nehme ich wie jeden Tag den Warnhinweis „heute veränderte Wagenreihe“ zur Kenntnis und frage mich wie jeden Tag auch, wieso die Dauerausnahme nicht einfach zur Regel erklärt werden kann. So wäre mir zumindest die heuchlerische Bitte um mein Verständnis erspart. Das Chaos braucht kein Verständnis von mir. Ohnehin ist mir die Wagenreihe egal. In Zeiten der allgemeinen Planlosigkeit wird doch kein Sitzplatz reserviert. Nun sitze ich bequem und denke noch einmal über all die publizistischen Todesscheine nach. Enden ohne Ende. Gut, bekannt ist die spezielle Neigung der Deutschen zur „Endzeitstimmung“ (keine andere Sprache hat ein Wort dafür). Sie ist ja die geistige Entsprechung der Homöopathie. Dem Patienten wird verdünnte Apokalypse in Globuli verschrieben, damit er an der Gegenwirkung gesundet, vorausgesetzt, dass er an das Prozedere stark glaubt. Trotzdem: so viel Ende war noch nie. Zumal die hyperinflationären Absturzberichte von keinen Neustart-Meldungen kompensiert werden. Schließlich ist auch „Gründung“ ein deutscher Knacks. Doch aktivistisch sind nur noch die Greise unterwegs, etwa Heiner Geißler („Machen, machen, machen!“) oder Stephane Hessel („Engagiert euch!“). Der Wille als Altersschwäche. Im Umkehrschluss zum althergebrachten Generationskonflikt sind es heute die Jüngeren, die meinen, mehr zu wissen und weniger zu können. Um den erlösungslosen Chiliasmus einigermaßen auszugleichen, hilft nur noch das Beten um „Nachhaltigkeit“ – bemerkenswert ist ja, wie dieses bislang unscheinbare Wort zu einem zentralen Glaubensartikel avanciert ist. Aber um einmal ehrlich zu sein: Insgeheim wünschen wir doch alle, dass die verfluchten Banken jenseits aller Rettung endlich kollabieren. Bis dahin brummt der Epochenschlussverkauf. Wie sagt so schön ein Investmentbanker in dem Film „Inside Job“? „Solange die Musik spielt, tanzen wir.“ Da steht er mit dem Londoner Plünderer auf einer Wellenlänge. Aus der maximalen Komprimierung der Erlebnisse, die vom Verschluss der Fluchtlinien verursacht wird, darf jedoch die Folgerung nicht vorschnell gezogen werden, daß es zwangsläufig zu einer Explosion kommen wird. Vorrevolutionäre Zeiten sind nur im Nachhinein erkennbar. 1788 ahnten die Franzosen von nichts. Derweil erinnern die Bilder von Protestzeltlagern auf den Plätzen von Kairo, Madrid oder New-York eher an jene Bürger des untergehenden römischen Reichs, die sich aus Selbsterhaltungstrieb in den Arenen der verwahrlosten Städten niederließen. Ich merke, wie im Laufe der Fahrt mein Gedankenzug entgleist und blättere zerstreut in der Zeitung. Da stoße ich auf den Satz: „Wenn du jeden Tag lebst, als wäre es dein letzter, wirst du irgendwann Recht haben“. Es ist ein Zitat von Steve Jobs im Nachruf desselben. Letztendlich behielt der Mann Recht. Über die Maxime werde ich nicht weiter meditieren können, denn aus dem Lautsprecher ertönt bereits die kategorische Zeitdiagnose: „Dieser Zug endet hier, alle aussteigen!“

 

Alle Rechte am Text liegen beim Autor.

 

Denkzeichen II
Peter Wawerzinek, 27. September 2011

Alle denken immer: Was nur machen? Ich sage: Zeitungen abbestellen. Damit beginnen. Mein Freund Florian G schreibt Gedichte darüber, wie die Zeitungen immer schlechter werden. Fragt ja so keiner mehr richtig nach solchen Dingen. Ist nicht unterkühlt genug, sich für den Nebenmann erwärmen. Kommt nicht einmal in der Wärmstube vor. Menschennähe? Puh. I und igitt. Was die Zeitungen anbelangt: Freund Flori schreibt seine Gedichte am Tresen. Oder er schreibt Gedichte darüber, wie er vom Tresen kommt, weil er am Tresen eingepennt ist, und nun Oben-bei-sich in der Bude hockt, an den Tresen unten denkt, an dem er nicht mehr sitzt. Solche Dinge hält er (ohne Schmus und Reim) auf Papier fest. Schreibt von dem, was er nicht hat, auch gar nicht an der Backe haften haben will. Zeitungen und Krawall mit Frauen, die so richtig böse werden, in Wange kneifen, mit Faust zuschlagen. Mit Türen dürfen sie knallen, sagt Flori. Mit Sachen nach mir schmeißen. Das sollen sie auch, wenn ihnen danach ist. Aber richtig zuschlagen. Nee, da bin ick n Feind von. Da muss man sich doch zu verhalten. Dessen muss man sich erwehren, womöglich zurück backpfeifen. Und das ist ihm nix. Also geht mein Freund Flori den Frauen mit Tendenz zum Bösen aus dem Weg. Bestellte als erster nach dem Mauerfall alle Zeitungen ab. Schreibt seit dem Gedichte darüber, wie schön es mit einem Bösmädchen wäre. Und erst einmal mal zwei von diesen aggressiven Zuckerputen. Wie es wäre, wenn es wäre? Was in der Vorstellung ganz gut tut. Anfangs. Wie es, wo es am schönsten sein sollte, nicht hinhaut, sondern zuschlägt. Sowas steht in keiner Zeitung, weil die alle Scheiße sind. Finger weg von den bösen Mädchen und Finger in die Tastatur gedonnert. Zeitung abbestellen. Freunde animieren, es einem nach zu tun. Genauso extrem entschieden wie mein Freund Flori handeln! Ich weine heute noch, sagt Flori, dass ich die bösen Mädchen lassen musste. Mein Kinderzimmer war schon klein wie ein Strandkorb. Die Jugend verbrachte ich auf Sandeis gelegt. Konnte noch nicht krabbeln, krabbelte zum Wasser hin. Konnte nicht schwimmen, schwamm hinaus, tauchte nach der Nixe, die mir mehrfach erschien. Hob eine Kleckerburg für uns aus, bevor ich mich kämmen konnte. Redete mit der Meernixe, zu der ich Mama sagte. Und alle Möwen hießen Lolita. Und ich erzähle Florian von den hohen Pappeln hinter der Gärtnerei, an der ich jeden Tag vorbei musste. Nackt mit nur noch einem Sommerhut auf. Ich liebte den Wind, sagte ich. Liebte den groben Sturm, die hellschwarzdunkle Freiheit, Donner und Blitz und wacklige Stufen. Und Florian vergleicht die Frauen mit Tennisschlägern, die nach den Vögeln schlagen, die ihnen aus der Luft zufliegen - wie als würde dadurch in Zukunft alles besser zwischen den Geschlechtern. Und dann spricht er von einem Sonnenuntergang. Schwärmt von ihm als Bühnenbild, das man sich so bombastisch nicht ausmalen könne. Und deswegen rufen wir allen zu: Bestellt Eure Zeitungen ab. Schreibt Gedichte!

 

Alle Rechte am Text liegen beim Autor.

 

Denkzeichen I
Thomas Martin, 11. September 2011

WÜSTE UND WALD

Berlin, die Hauptstadt Europas oder das Dorf zwischen Moskau und Paris, ist das Durchgangsquartier der Völkerwanderung im Sog der Globalisierung. Die Kriege, die sie ausgelöst haben, gingen von hier aus. Eine Empfehlung: Man muß sich in Berlin wie im Kriegszustand bewegen, die Stadt wie eine fremde Stadt passieren, sie entzieht sich der Eroberung, merke: "Berlin kannste nich erobern, in Berlin kannste dir höchstens behaupten". An Aura gibt die Stadt nichts ab, an Spuren ist sie überreich; die Lektüre ihrer Gegenwart ist unter den Straßen ergiebiger als auf ihnen. Der Führer durch die Unterwelt sollte ein Toter sein, oder ein untotes Kind, wie der Tiefenforscher Walter Benjamin empfiehlt. Von den Rändern der Kindheit blickt man auf sie nicht zurück, sondern in sie hinein. Die Stadt vom Rand aus gesehen gibt den Blick auf die Erscheinung frei: kein Dschungel, eher ein Forst über den Ablagerungen der Urbanität, die der Stadt ihren grundlosen Ruhm eingebracht haben. Der "Schutthaufen bei Potsdam", den Brecht bei der Wiederkehr 1948 fand, stand zur Disposition nicht nur für die Stadtplanung Scharouns. Trümmerwüste und märkischer Urwald sind der Humus, aus dem die Ressourcen keimen, mindestens für die Tourismusindustrie. Die Einsicht in die notwendige Unwiederbringlichkeit von Epochen, von der Benjamin im Vorwort zu Berliner Kindheit um 1900 spricht, ist die gespiegelte Schwermut des Kindes, das begriffen hat, es wird ein Kind nicht dauernd bleiben. "Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, die zukünftige suchen wir." (Hebräer 13,14) Man nimmt die Kindzeit seiner Stadt in andre Städte mit. Die zerrissene Struktur des Stadthaufens Berlin und seiner seit 1990 neu in Kleinstädte zersplitterten Hälften, macht weniger anfällig für die Verlockungen des Exils in anderen Metropolen. Berlin hat von sich selbst wenig, von anderen im Überfluß zu bieten. Wer Berlin in sich hat, wird schwer zu überraschen sein. Dr. Benjamin nennt es ein Impfverfahren: man ruft die Kindheitsbilder in sich auf, um sich von der Sehnsucht, die das Vergangene (Verlorene) hinterläßt, so wenig beherrschen zu lassen, wie den Körper vom Impfstoff, er ist in kleinen Dosen einzunehmen. Wer Berliner ist, muß Partisan sein. Ein Partisan behauptet Boden unter feindlicher Besetzung. Ernst Jünger, Waldarbeiter in Berlin zwischen zwei Kriegen, hat ihn als den Vereinzelten gesehen, der, "von Apparaten umstellt, die scheinbar aussichtslose Partie nicht aufgibt und sich zum Waldgang entschließt". Was Berlin betrifft, ist Wald überall.

 

Alle Rechte am Text liegen beim Autor.