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Das Denkzeichen. Vollelektronische Kolumne für Zeitgeist und Realitätszuwachs

Denkzeichen CXXI
Olga Hohmann, 19. September 2016

DER NAME DADA
(Zweiter und vorläufig letzter Teil)

„Dada bedeutet nichts, wenn man es für nichtig hält und seine Zeit mit einem Wort verlieren will, das nichts bedeutet … Der erste Gedanke, der sich in diesen Köpfen wälzt, ist bakteriologischer Art: seinen etymologischen, historischen, wenigstens aber seinen psychologischen Ursprung finden. „ Man lernt aus den Zeitungen, daß die Cru-Neger den Schwanz einer heiligen Kuh Dada nennen. Der Würfel und die Mutter in einer gewissen Gegend Italiens sind: Dada. Ein Pferd aus Holz, die Amme, doppelte Bestätigung im Russischen und im Rumänischen: Dada. Gelehrte Journalisten sehen darin eine Kunst für die Babys. Andere heiligen Jesus-appelantlespetitsenfants des Tags, die Rückkehr zu einem Primitivismus, trocken, lärmend und monoton.“, schreibt Tristan Tzara im Manifest DADA 1918 und zeigt deutlich in welchem Widerspruch sich der Name DADA befindet. Tristan Tzara markiert die Interpretationen, die er spöttelnd und doch erstaunlich interessiert wiedergibt, als etwas, das dem sich verflüchtigenden Bild auf dem schwarzen Malewitschquadrat ähnlich ist. Der Name DADA bedeutet nichts und ist gleichzeitig angefüllter, nach Bedeutung suchender, zum Deuten einladender als jeder andere kategorisierende Begriff.
Je mehr das Wort DADA aber nach Aufladung sucht, desto undeutbarer wird es, desto mehr ist es am Ende vor allem eins: DADA. DADA ist nicht NICHTS, sondern ein NONSENS, ein mit Fragen gefülltes Nichts, ein mit sich selbst angefülltes Nichts, ein manifestiertes, entschiedenes Nichts, ein Zeichen, das auf sich selbst hinweist und damit etwas erschafft, für das es kein Synonym gibt. Es ist ein ketzerischer Akt, einen Nonsens herzustellen, und er erfordert mehr als Ablehnung gegenüber einem veralteten Paradigma – er erfordert Autonomie. Man kann nicht radikal gegen ein Regelsystem sein, ohne nicht auch, manchmal nur insgeheim, eine andere Systematik an die Stelle der Vorherigen zu setzen und sie damit für unwirksam zu erklären. Im Falle von DADA ist es die Systematik DADA, die Systematik des Widerspruchs, das System, dessen oberstes Gebot es ist, seine Systematik abzulegen.
1955, also Jahrzehnte nachdem DADA schon die radikale Überschreitung von Regelsystemen (zumindest) in der Kunst eingeführt hat, wird Rosa Parks in Alabama verhaftet, weil sie sich weigert, ihren Sitzplatz im Bus für einen weißen männlichen Fahrgast zu verlassen. Das politische Moment liegt hier nicht in der Geste des Sich-Weigerns, sondern in der Nonchalance, die Rosa Parks dabei an den Tag legt. Rosa Parks überschreitet eine Grenze ohne die Grenze dabei noch einmal zu markieren, sie wehrt sich nicht gegen etwas, dessen Existenz sie im Moment ihres Protestes noch einmal bestätigt (zum Beispiel, indem sie es benennt), sondern ignoriert das Vorhandensein (und Vorhandengewesensein) einer Gesetzmäßigkeit völlig und entkräftigt sie somit auf eine so tiefgreifende Art, wie als solche definierte Protestformen es kaum könnten.
Auch DADA ist keine Protestbewegung, sondern eine Bewegung der Überschreitung – und auch das ist schon in der Namensgebung DADA angelegt. Der Name DADA nämlich ist wie eine Ephemere. Ephemeren sind Pflanzen, die innerhalb von sehr kurzen Vegetationsperioden Blüten und Früchte bilden, um danach wieder abzusterben. Ihre Samen aber bleiben im Boden und alle paar Jahre, wenn es ganz besonders regnerisch ist, kommen sie wieder hervor und erinnern die anderen Pflanzen an ihre Existenz. Und auch wenn sie sich gerade versteckt haben, weiß man, dass sie sich jederzeit wieder zeigen können, und so sind sie auch in ihrer Abwesenheit immer präsent, präsenter vielleicht als die anderen Pflanzen, die das ganze Jahr über blühen. „Wir sind KEINE Ephemeren“ wissen die anderen Pflanzen und ihr Pflanzenleben ist maßgeblich von diesem Wissen bestimmt.
Auch jede politische Rede ist seit DADA dadurch markiert, dass sie aus Worten besteht, die nicht DADA sind, unabhängig davon, ob auch der Redner sich dessen bewusst ist. In der Historizität und der Intelligenz der Worte selbst ist das Nicht-DADA-sein seit 1916 eingeschrieben.
Die Beschäftigung mit DADA legt eine Denkbewegung nahe, die sich auf auffällige Weise wiederholt und signifikant für Avantgardekunst ist. Fast aufdringlich erscheint einem die Deutung DADAs als einer Bewegung der Destruktion des Vorhergegangenen, als einer Re-Materialisierung von Sprache und Bild, als eine kühle Geste der Verwerfung. Bei etwas näherer Betrachtung der Phänomenalität des einzelnen Kunstwerkes fällt aber auf, dass man DADA nicht auf seinen Verneinungsgestus reduzieren kann – allein der Name DADA in seiner Vieldeutigkeit, seinem Klang, seiner ästhetischen Beschaffenheit, seiner Körperlichkeit und auch seinem Humor legt nahe, dass es sich um ein Kunstwerk handelt, das im positiven Sinne unvollständig, spontan, unkalkuliert ist, das sich also seine Gesetze selbst gibt und deshalb nicht nur in historischer Bezüglichkeit einen Platz findet. Man stellt fest, dass sich die Unterstellung, die man DADA gemacht hat, nämlich dass sich ein Bruch mit den vorhergegangenen künstlerischen Schemata vollzieht, tatsächlich einstellt, aber nicht auf kühle strategische Art, sondern nur durch das Kunstwerk selbst. Das auflösende Moment liegt im Unbeholfenen, Ungelenken, in der nie didaktischen Einzigartigkeit, nur durch sie entsteht die Ereignishaftigkeit, in der die politische Dimension von DADA liegt.
Im DADA-Gründungsjahr 1916 schreibt Walter Benjamin einen Aufsatz über die Sprache. In diesem Aufsatz stellt er die These auf, dass es keinen Inhalt der Sprache gibt, der nicht in der Sprache selbst liegt. „Als Mitteilung teilt die Sprache eine Mitteilbarkeit schlechthin mit“ schreibt er und berührt damit auf fast erschreckende Art das Problem, das sich in den Lautgedichten von Hugo Ball ganz spielerisch entfaltet. Es ist ein Moment des Erstaunens, wenn sich ein Kunstwerk einlöst, ein sinnliches Verstehen, hinter das man nicht mehr zurück kann. Wenn man einmal ein Gedicht gelesen hat, das mit der Zeile „jolifanto bambla o falli bambla“ begonnen hat, wird jedes Gedicht in deutscher Sprache für immer eine andere Bedeutung haben. Vielleicht zerfällt es plötzlich selbst in seine Laute, vielleicht hört man plötzlich die Geschichte der Worte, vielleicht hört man auch lauter als vorher die Geschichte des Landes, dem die Sprache zugeordnet ist. Auf jeden Fall hört man immer auch leise im Kopf „jolifanto bambla o falli bambla“. In der Beharrlichkeit von „jolifanto bambla o falli bambla“ ist DADA also unsterblich, befreit von der Melancholie des Sterben-Müssens, befreit von der Ohnmacht des Benannt-Seins.
Im Jahr 2016, einhundert Jahre nach „jolifanto bambla o falli bambla“, hat sich die Schönheit der Sinnlosigkeit auf die europäischen Supermärkte ausgebreitet. Im Kühlregal stehen nebeneinander acht Flaschen eines Getränks namens „VITAMIN WELL“, Astronautennahrung nachempfunden. Die Flüssigkeiten sind auf acht verschiedene Arten farblos durchsichtig. „VITAMIN WELL“ schmeckt nach Gift und enthält einen für Mineralwasser erstaunlich hohen Anteil an Zucker. Ihre Namen sind „Vitamin D + B“, „Vitamin C + E“, „Vitamin B + D“, „Vitamin C + D“, „Vitamin B + C + E“, „Vitamin B12“, „Vitamin B + C“ und „Vitamin C+ D mit Zink“. Die Ware verspottet ihre Käufer. So wie man heute DADA vorwerfen kann, dass sich das Moment der Störung in Affirmation verwandelt hat, dass DADA kanonisiert -, zum –ismus geworden ist, so wird mit „VITAMIN WELL“ die Affirmation zur Störung: Alle werden zu Astronauten auf der Erde, alle sterben als Astronauten auf der Erde, alle sterben an „VITAMIN WELL“.


Alle Rechte am Text liegen bei der Autorin.

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