Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz
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Das Denkzeichen. Vollelektronische Kolumne für Zeitgeist und Realitätszuwachs

Denkzeichen CXVII
Lothar Trolle, 30. Mai 2016

BESUCH BEI HEINER

Bernd war, wie ich, Bühnenarbeiter am Deutschen Theater. Er war auf der „rechten Seite“ und ich auf der „linken Seite“ eingeteilt, und obwohl wir bei den Auf-, Um- oder Abbauten nur selten in direkten Kontakt kamen, dauerte es nicht lange und wir saßen in unseren Pausen (und die können bei Bühnenarbeitern manchmal Stunden dauern) immer etwas abseits von den anderen, denn wir hatten durchaus andere Gesprächsthemen als unsere Kollegen an den Nachbartischen. Und bald (zuvor hatte ich noch erfahren, daß es Bernds Mutter Inge war, die Viktor Rosows „Unterwegs“ für das Deutsche Theater bearbeitet hatte, die Inszenierung von „Unterwegs“ war allerdings das Haßobjekt von uns Bühnenarbeitern, da deren Bühnenbild so gigantisch war, daß man mit dessen Aufbau spätestens 8 Uhr früh beginnen mußte und wir trotzdem unsere Schwierigkeiten hatten, bis zum Beginn der Vorstellung fertig zu werden ,und daß Bernds Vater Heiner Müller wäre, aber der Name sagte mir nicht viel, wahrscheinlich verwechselte ich ihn mit Armin Müller, den ich bereits schon damals (immerhin!) furchtbar fand) waren wir beide so befreundet, daß wir nicht nur in den Pausen zusammen saßen, sondern ich ihn immer öfter an freien Tagen zu Hause in der Wohnung seiner Eltern da in der Kissingenstraße besuchte. Und da Bernds Zimmer das Zimmer war gleich rechts neben der Eingangstür der Wohnung, war es meist Bernd, der mich nach meinem Klingeln an der Wohnungstür empfing, passierte es nur selten, daß ich bei meinen Besuchen auch seinen Eltern Guten Tag sagen mußte. Daß man Bernds Eltern aber besser nicht mit Arnim Müller verwechseln sollte, dämmerte mir dann doch allmählich, je öfter mir Bernd in unserem Aufenthaltsraum aus Büchern vorlas (oder mir gestattete, in diese Bücher einen Blick hineinzuwerfen), die er der Bibliothek seiner Eltern entnommen hatte. Ziemlich genau erinnere ich mich noch, wie mir Bernd während einer „Iphigenie“-Vorstellung (wir warteten da in unseren Aufenthaltsraum auf das Ende des zweiten Aktes) Becketts „Glückliche Tage“ zum Lesen hinhielt und ich in dieser Pause fast den ganzen 1. Akt in mich „hineinschlang“. Da waren die Würfel gefallen. Und dann las mir Bernd einmal die erste Szene von „König Ubu“ vor. „O! Kannst Du mir das nicht einmal pumpen!“ “Ich weiß nicht, das gehört ja meinen Eltern“. Und eine Woche später war es dann soweit. Auch diesmal war es Bernd, der mich an der Wohnungstür empfing, aber da seine Eltern zu Hause waren, in der Küche saßen und die Küchentür weit offen stand, saßen wir in seinem Zimmer auf seiner Liege und warteten, warteten, bis endlich zu hören war, drüben in der Küche wird sich nun nicht mehr unterhalten, jetzt scheinen die beiden in ihr Zimmer zu verschwinden. Bernd ließ daraufhin noch einige Zeit vergehen, bevor er mit schnellen und grazilen Bewegungen losspurtete durch den Flur der Wohnung, hin zu diesem Bücherregal, in diesem Zimmer am Ende des Flurs, dessen Tür weit offen stand und das fast so hoch war wie dieses Zimmer. Und ohne suchen zu müssen, mit einer einzigen schnellen und gezielten Bewegung, zog er dann aus dem, was sich da in dem Bücherregal neben- und übereinanderstapelte, dieses dünne Heftchen, aus dem er mir vor Tagen vorgelesen hatte, und das er mir nun, der ihn da bereits an der Wohnungstür erwartete, ohne daß da noch ein weiteres Wort fiel, zuschob. Ich hatte es. Ich hatte es. Es war Alfred Jarrys „König Ubu“ in der Übersetzung von Paul Pörtner. Ein Bühnenmanuskript des Kiepenheuer & Witsch Verlages mit dem Eigentumsstempel der Bibliothek der „Möwe“. Es steht noch heute in meinem Bücherregal.

Alle Rechte am Text liegen beim Autor.

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