Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz
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Das Denkzeichen. Vollelektronische Kolumne für Zeitgeist und Realitätszuwachs. Redaktion Thomas Martin

Denkzeichen CXXXII
Jan Koslowski, 6. Februar 2017

WIEDERSEHEN IN KARL-MARX-STADT

Auf einer Skala von eins bis zehn, und eins wäre, sagen wir eine Nacktschnecke in deinem Kaffee und zehn wäre, dass der Tod abgeschafft werden würde, dann ist das hier schon eine acht. Von der Stadt hat man eigentlich nicht viel gesehen. Wir fahren mit dem Taxi einmal an dem Kopf von Karl Marx vorbei und ich denke, den kann ich mir auch morgen noch angucken. Am nächsten Tag fahren wir wieder mit dem Taxi an dem Kopf vorbei, ich überlege, ob wir kurz aussteigen sollen, um ein Foto zu machen, aber mein Handy ist aus und so wichtig ist mir der Kopf von Karl Marx irgendwie doch nicht. Es regnet, es ist grau und die Leute sprechen tatsächlich sächsisch. Ich hatte mir die Stadt großzügiger vorgestellt. Sie ist dann doch dichter bebaut als gedacht. Der Abend war windig, ich stehe in der Bahnhofshalle und der kalte Wind lässt mich frieren. Es sind wenig Leute unterwegs, im Backwerk sitzen ein paar ältere Grüppchen und trinken Kaffee. Ich geh kurz rein und schaue in alle Ecken, ob es irgendwo eine Steckdose gibt. Es gibt aber keine. Vielleicht trinke ich auch einen Kaffee – wer weiß, wann ich abgeholt werde. Es ist Weihnachten und ich bin hier, weil ich mal was erleben wollte. Warum die anderen hier sind, weiß man nicht. Ich werde mich nicht in das Backwerk setzen. Ich stehe vor dem Backwerk neben dem Mülleimer, eine Taube pickt daneben im Abfall.
Vögel sind ein Abschied, sind ein Wiedersehen. – Absurd jetzt an Heiner Müller zu denken, aber der war schließlich auch mal hier in der Stadt oder nicht? Oder ist der nicht auch hier geboren oder in der Nähe? Die Taube ist weder Abschied noch Wiedersehen, sie ist die Taube vom Backwerk. Sie ist keine Verheißung, aber sie sieht gesund aus, gutes Grau, kräftig und irgendwie sauber. Am Ende der großen Halle ein kleiner heller Kopf, suchende Augen. Der Kopf grinst. Mittlerweile ist mir so kalt, dass ich angefangen habe zu zittern.
Eigentlich will ich auch grinsen, aber ich habe das Gefühl, ich gucke verkniffen. Andrej holt Geld am Automaten, er beobachtet mich, wie ich die Halle betrachte. Ich merke, wie er mich beobachtet. Er weiß, dass ich weiß, dass er mich beobachtet. Wir müssen grinsen. Ihm gelingt es ganz gut, mir eher mittelmäßig. Man fragt sich, wo das herkommt, dieses ganze Romantisieren dieser ostdeutschen Städte, das den Kindern aus dem Prenzlauer Berg so anhaftet, die Sehnsucht nach dem Oderbruch, die verklärten Augen, wenn man ein Arbeiterdenkmal sieht und mit welchem Klang man die Namen der Städte ausspricht – voller Verheißung, als wären sie alte Weihstätten: Rostock, Magdeburg, Leipzig und Karl-Marx-Stadt, die heute anders heißt. Aber das ist auch so eine Angewohnheit, die neuen Namen nicht zu benutzen und so heißt die Danziger Straße immer noch Dimitroff­straße und die Frankfurter Allee immer noch Stalinallee und dann sagen wir auch gerne Kaufhalle mit einem ironischen Grinsen im Anschluss und die Eltern haben das irgendwie gar nicht. Das haben irgendwie nur wir. Das Taxi fährt in die Innenstadt, Andrej zeigt auf ein paar Gebäude und erklärt sie für mich, wir fahren an Karl Marx vorbei – der Eiffelturm dieser Stadt, denke ich. Voller Hochachtung betrachte ich den breiten Boulevard, die schönen sozialistischen Fassaden. Es gibt ein Café Moskau wie in Berlin. Die Stadthalle – ein wunderschö­ner Mehrzweckbau, sieht ein wenig aus wie ein Korallenriff, und bevor ich es beeinflussen kann, bin ich ein kleines bisschen verliebt, verliebt in Karl Marx Stadt. Die Straßen sind leer, es nieselt, wir suchen ein Restaurant. Als der Pernod leer ist, würde ich eigentlich gern noch einen trinken, aber ich will vor dem Theater nicht schon betrunken sein. Zwischen Weihnachten und Neujahr ist das gefährlich und sowieso muss man so viele Menschen zwischen den Jahren treffen. Also werde ich schon genug betrunken sein – die nächsten Tage – heute können wir getrost etwas später mit dem Betrinken anfangen.
Wir gehen die Straßen entlang, alles scheint sich auszuruhen, der Gehweg hat sich hingelegt, die Laternen leuchten nur mit halber Kraft, die Geschäfte gönnen sich einen kleinen Powernap. Ein ewiger Sonntag! Vielleicht ist es sonst gar nicht so anders, könnte man meinen. Es brennen nicht viele Lichter in den Fenstern, vielleicht schlafen ja tatsächlich alle. Es kommt uns vor, als wäre es schon weit nach Mitternacht, dabei haben wir noch so viel vor. Von weitem erkenne ich am Ende der Allee wieder den großen schwarzen Kopf von Karl Marx, die zweitgrößte Portrait-Statue der Welt. Ich glaube mich zu erinnern, dass sie den Kopf nach der Wende entfernen wollten oder es sogar getan haben, aber jetzt steht sie jedenfalls da. Ein riesiger Kopf, das war wohl das wichtig­ste an diesem Menschen, sein großer Kopf, und es ist ausnahmslos eine Ehre, so bombastisch dargestellt zu werden – an so einem prominenten Ort in der Stadt. Und doch hat es etwas von einem Kopf, der als Trophäe dort aufgebahrt wurde, gerade eben vom Rumpf getrennt, von der Guillotine abgesäbelt und jetzt als Mahnung und zur Abschreckung dort niedergelegt wurde – und jeden an die Schuld dieses Kopfes erinnern soll.
Zwei Schritte weiter ist er verschwunden, der Kopf. Wir gehen beide in die Nacht, die Städtenamen auf den Schildern an den großen, breiten Straßen tragen Namen, die ich noch nie gehört habe. Die Häuser sind bestimmt aus den fünfziger Jahren, sie besitzen wenig bis gar kein Dekor und sie erinnern mich an diesen calvinistischen Stil, in dem so viele Häuser in Zürich gebaut wurden. Stellt sich die Frage, wie das nun im Zusammenhang steht, dieser Sozia­listische Klassizismus und das Calvinistische. Darüber könnte man ja jetzt reden mit ihm. Vielleicht interessiert sich Andrej auch für Architektur, das weiß man nicht, ob er das Gleiche fühlt beim Anblick des Farnsworth-Hauses oder so etwas Ähnliches. Kurz wird geschlafen, mein Kopf sagt mir, es sei circa vier Uhr nachts, es ist aber kurz nach halb sieben und wenn wir noch ins Theater wollen, müssen wir jetzt die Karten abholen. Das Stück ist ein Klassiker, Weihnachten ist auch ein Klassiker, das passt doch wie die Faust aufs Auge. Während wir Whiskey in der Theater­-Bar trinken, streiten wir ein kleines bisschen über den Spielplan allgemein und über die Position des Struwwel­peters im speziellen. Streiten ist vielleicht ein wenig übertrieben, denn eigentlich diskutieren wir nur etwas lauter. Dann plötzlich läuft das Lied der unruhevollen Jugend in meinem Kopf, und ich bedanke mich bei meinem Kopf. Wir reden also angeregt über das Theater, und das Lied der unruhevollen Jugend nimmt sehr viel Platz ein in meinem Kopf. Ich versuche trotzdem bei der Sache zu bleiben. Andrejs Worte werden leiser, das Lied in meinem Kopf wird lauter, Andrejs Lippen bewegen sich energischer, er scheint dran zu sein, an irgendeiner Sache. Mein Kopf bewegt sich im Rhythmus des Zustimmens, ich versuche irgendwas zu verstehen, aber es ist das große Finale des Liedes in meinem Kopf und ich höre absolut nichts anderes mehr. Zum Glück klingelt es und wir machen uns auf den Weg zum Zuschauerraum, schlängeln uns etwas ungalant und arrogant zwischen den Bürgern dieser Stadt hindurch, betrachten skeptisch die Szene. Wir wissen beide, worauf wir uns hier eingelassen haben, das war der Plan, das war die Idee, wir wollten ins Theater gehen.
Der Rest des Abends verschwimmt irgendwie zu vielen Gesprächen über dasselbe, wir essen irgendwas mit Sahne, trinken mehr und mehr Rotkäppchen Sekt, mal Rosé, auch mal halbtrocken, zwischendurch auch Pernod und Wodka. Vor Andrej werde ich nicht den Kürzeren ziehen, ich werde jeden Wodka bis zum bitteren Ende trinken, betrunken zuhören, versuchen souverän zu tun und egal, wie abwesend ich schon bin, trotzdem alles aufzusaugen. Ich wache auf, weiß kurz nicht, wo ich bin. Das Fenster steht halb offen, es ist kalt. Kurz überlegen, was alles passiert ist und was nicht. Andrej und der Typ, dem die Wohnung gehört, haben russische Lieder gesungen - das war schön. Andrejs Stimme ist im Russischen sehr weich. Etwas aggressiv die Stimmung grundsätzlich, also nicht zwischen ihm und mir, aber trotzdem gut, das hat mir alles sehr gefallen. Es regnet draußen. Durch die Scheiben des Taxis erkenne ich den Kopf von Karl Marx, wir rasen zum Bahnhof. Er steigt in seine Mitfahrgelegenheit ein – in irgendeine westdeutsche Stadt. Ich muss noch auf meinen Zug nach Leipzig warten. Die Verabschiedung ist sachlich, ich könnte ihm in diesem Augenblick sagen, was ich denke, aber das wäre dumm und völlig unpassend, deswegen sage ich etwas sehr Allgemeines. Die Stadt hab ich gar nicht gesehen, also muss ich wiederkommen, vielleicht im Sommer und dann die Geschichten hören. Der Junge hat bestimmt viel erlebt, denke ich.
Im Zug fällt mir ein, dass sich meine Eltern nach meiner Geburt zwischen Berlin und Karl-Marx-Stadt entscheiden konnten. Und sie haben sich für Berlin entschieden.
 

Alle Rechte am Text liegen beim Autor.
 
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