Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz
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Das Denkzeichen. Vollelektronische Kolumne für Zeitgeist und Realitätszuwachs. Redaktion Thomas Martin

Denkzeichen CXLV
Sabine Zielke, 22. Mai 2017

ENTKOMMENER KIOSK

Täglich kurz vor 11 Uhr schlurfen entweder sie oder er, eine große Tasche aus Plaste in jeder Hand, die Rosa-Luxemburg-Straße in Richtung Torstraße hinauf. An der Ecke – der U-Bahneingang über die Straße – ist das Ziel erreicht: die runtergekommene Rückseite des Kiosks. Ware abstellen. Vorhängeschlösser entriegeln. Tür öffnen. Produkte einsortieren. Platz nehmen, die kleine Scheibe öffnen, erstarrt sitzen und warten, bis jemand von vorn in die Scheibe kriecht und eine Schachtel Zigaretten verlangt. Nachdem die Euros rübergewachsen sind, wird die Packung mit sparsamen Bewegungen auf den dafür vorgesehenen Platz gelegt. Das Wechselgeld wird mit geringster Regung der Arme und Hände ausbezahlt. Kein Lächeln. Kein Dank. Blick geradeaus.

Die beiden, die den Kiosk betreiben, offenbar ein Paar – vermutlich übriggebliebene Vietnamesen aus DDR-Zeiten? – erzählen mit ihren unbeweglichen Gesichtern, starren Körpern, schwerem Gang von einem entbehrungsreichen Leben.
Die beiden handeln mit allerhand Krimskrams, alles, was der vagabundierende Mensch braucht: Fahrradschlösser, Wecker, Tabak, Batterien, Zeitungen als Alibi – Alkohol fällt weniger ins Blickfeld, gibt es aber bestimmt. Nacht für Nacht versorgen die beiden Zuspätgekommene, Übriggebliebene, Einsame, Partygänger. Ein Durchlauferhitzer für Ruhelose. Selten bilden sich Grüppchen vor dem Kiosk, die sitzen zehn Meter weiter auf den Bänken. Praktisch.

Ich beispielsweise kaufte an diesem Kiosk meine batteriebetriebenen Wecker für 4 € das Stück. Die halten was aus! Ticken laut, leben lange, Knöpfe und Tasten sind nicht zu verwechseln. Ein Ausweichladen ist bis jetzt noch nicht gefunden, denn es ist seit ein paar Wochen vorbei. Eines Vormittags stand ein PKW neben dem Kiosk. Die Ware wurde verladen – Freunde halfen –, und am Nachmittag war der Kiosk weg und mit ihm das verschlossene Paar mit dem geraden Blick.

Auch wenn man nur daran vorbeigegangen ist, konnte man sich kaum dem stillen Charme dieses Quaders mit dem großen Flachdach entziehen und auch nicht dem standhaften und geraden Blick dieser Augen hinter der Scheibe und der Frage: sitzt da sie oder er?

Zu DDR-Zeiten als Zeitungskiosk für die Frühwerktätigen an der U-Bahn errichtet, führte er in den letzten Jahren vor allem ein Nachtkiosk-Dasein. Darauf haben die beiden gebaut, auf die Dunkelheit und ihre verlockenden Bedürfnisse. Schon älter, haben sie sich die Nächte um die Ohren geschlagen – sommers wie winters – zu unserem Vorteil und zur Sicherung ihres Lebens in Deutschland. Fleißige, stille Menschen, die das Klagen unterdrücken. Wo sind sie? Die Ware war weg, die beiden auch, und der Kiosk ist entkommen, wenigstens im Traum. Eine unbewohnte Insel im Hohen Norden gibt ihm Asyl. Die silbernen Wände des Quaders glitzern in der Sonne und schützen die ansässigen Tiere vor Wind, Eis und Schnee. Vielleicht ist es aber auch eine einsame Gegend im Süden, und Pflanzen überwuchern den Kiosk. Dann kämen die beiden vorbei, noch mit Gepäck beladen, einen kleinen Ziehwagen dabei. Keiner wollte die beiden haben. Sie erkennen sofort, dass unter den Schlingpflanzen ihr Kiosk steht. Jahrelang drin gesessen, warum nicht drin wohnen? Vorn ein Fenster, hinten eine Tür. Vier Wände, ein Dach, und ein Haustier vielleicht.

„Was soll sein?“ liest der Papagei die Gedanken der beiden und spricht sie endlos aus.

 

Alle Rechte am Text liegen bei der Autorin.

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